Jugend und Wertewandel

Erfahrungen aus Deutschland, Ägypten und dem Nahen Osten

Juni 20 Montag

Datum/Uhrzeit

20. – 21. Juni 2005, 10.00 - 17.30

Ort

Kairo

mit

in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Kairo und dem Zentrum Moderner Orient (ZMO), Berlin

Typ

Seminar

Ziel ist der Meinungsaustausch zwischen Experten der Ländern zu Fragen des Wertewandels von Jugendlichen. Ausgangspunkt ist die Vorstellung und Diskussion der Ergebnisse der 13. Shell Jugendstudie, die als Referenzstudie dienen soll.

Seminarbericht


Wertvorstellungen der Jugend im Wandel – Jugendforschung in Deutschland, Ägypten und der arabischen Welt

Veranstaltungsform: Seminar (150 Teilnehmer)
Partner: Goethe Institut Kairo/Alexandria (GI), Zentrum Moderner Orient (ZMO)
Zeit/Ort: 20. – 21. Juni 2005, Goethe Institut, Kairo
Sprache: Arabisch, Englisch (Simultanübersetzung)

Programmübersicht

Montag, 20. Juni 2005

Eröffnungssitzung

  • Herr Johannes Ebert, Leiter des Goethe Instituts Kairo (Downtown)
  • Frau Dr. Sonja Hegasy, Zentrum Moderner Orient (ZMO)
  • Herr Dr. Michael Lange, Landesbeauftragter der Konrad Adenauer Stiftung Ägypten
  • Herr Dr. Mohamed Abd Al-Aal, Vorsitzender Jugendabteilung, Ministerium für Jugend, Ägypten


1. Sitzung: Jugendforschung in Deutschland: Die 13. Shell Studie (Jugend 2000)
Leitung: Herr Prof. Dr. Ali El-Din Hilal Dessouki, ehemaliger Minister für Jugend, Ägypten

  • Herr Prof. Dr. Richard Münchmeier, Freie Universität in Berlin

„Die 13. Shell Studie“


2. Sitzung: Jugendforschung im Nahen Osten: Erkenntnisse und Grenzen I (Mashreq)
Leitung: Frau Prof. Dr. Mona Abaza, American University in Cairo (AUC)

  • Herr Prof. Dr. Bernard Sabella, Bethlehem University „Demokratie in Palästina: Verhalten der Eltern und Kinder“
  • Herr Prof. Dr. Hans Oswald, Universität Potsdam „Geschlechtsspezifische Unterschiede im politischen Interesse deutscher und palästinensischer Jugendlicher – Ergebnisse einer kulturübergreifenden Studie“
  • Frau Dipl. Psych. Anja Wollenberg, Wahlbeobachterin im Irak „Nach dem Sturz Saddam Husseins: Orientierung und Motivation junger Erwachsener in Baghdad“


3. Sitzung: „Markt der Möglichkeiten“
Leitung: ''Herr Dr. Thomas Hüsken, Freie Universität Berlin Frau Tabea Goldbloom, Frau Sandra Göllnest, Frau Sarah Hartmann, Frau Frieda Köppe, Herr Nikolas Kosmatopoulos, Frau Katharina Lange und Frau Anne Schoenfeld'' „Urbane Jugend und Geschlechterrollen – sozialanthropologische Forschung in Kairo“


4. Sitzung: Jugendforschung im Nahen Osten: Erkenntnisse und Grenzen II (Maghreb
Leitung: Frau Dr. Elke Kaschl Mohni, Goethe Institut Kairo

  • Frau Dr. Sonja Hegasy, Zentrum Moderner Orient „Einstellungen zur Macht: 622 Einblicke in die Jugend Marokkos“
  • Herr Prof. Dr. Mokhtar El-Harras, Universität Rabat „Marokkos Jugend angesichts neuer sozio-kultureller Herausforderungen“



Dienstag, 21. Juni 2005

5. Sitzung: Ägypten: Feldstudien I
Leitung: Frau Prof. Dr. Salwa Gomaa, Kairo Universität

  • Frau Prof. Dr. Sahar El-Tawila, Kairo Universität, „Methodologische Überlegungen hinsichtlich der Jugendforschung in Ägypten“
  • Herr Prof. Dr. Farag El-Kamel, Kairo Universität „Dialog mit der Zukunft: Ergebnisse der Jugendforschung in drei Ägyptischen Gouvernoraten“


6. Sitzung: Ägypten: Feldstudien II
Leitung: Frau Prof. Dr. Salwa Gomaa, Kairo Universität

  • Herr Prof. Dr. Diaa Rashwan, Al Ahram Center for Political and Strategic Studies “Untersuchung der Wertvorstellungen der Jugendlichen in Ägypten”
  • Frau Rania Salem, MSc, Wissenschaftlerin am “Population Council” “Das Geschlechterverhalten Jugendlicher in ländlichen Gegenden Ägyptens: Ergebnisse einer Projektforschung basierend auf aktiven Maßnahmen“


7. Sitzung: „Markt der Möglichkeiten”

  • Ulrike von Rücker, „Pioneers of Change“: „Die NGO Szene in Ägypten: ein Überblick“

AITAS (Herr Andreas Kecker), Gudran (Herr Sameh El-Hawany), Nahdet Mahrousa (Herr Muhammed Mungi), Sustainable Development Association (Herr Haythem Kamel) „Jugend für die Jugend in Ägypten: vier ägyptische Organisationen mit innovativen Ansätzen stellen ihre Arbeit vor“


8. Sitzung: Empfehlungen der Arbeitsgruppen: „Jugendforschung in Ägypten: Themen, Methodik und praktische Umsetzung“
Leitung: Frau Dr. Sonja Hegasy, Zentrum Moderner Orient

  • Herr Prof. Dr. Richard Münchmeier, Freie Universität Berlin
  • Herr Prof. Dr. Diaa Rashwan, Al Ahram Center for Political and Strategic Studies
  • Herr Ehaab Abdou, Vorsitzender der Nadhet Mahrousa Organisation
  • Frau Dr. Yasmine Wahba, Assistant Project Officer – Adolescence UNICEF
  • Frau Prof. Dr. Mona Abaza, American University in Cairo



Schlusssitzung:

  • Frau Dr. Sonja Hegasy, Zentrum Moderner Orient (ZMO)
  • Herr Prof. Dr. Safei-Eddin Kharboush, Kairo Universität

Herr Ebert hieß die zahlreich im Goethe Institut zum zweitägigen Seminar erschienenen Gäste herzlich willkommen. Die Aufgabe des Goethe Instituts als Gastgeberin des Seminars sei es, einen lebendigen kulturellen Austausch, insbesondere unter Jugendlichen, zu ermöglichen und zu fördern. Er verwies auf die vielen vorausgegangenen erfolgreichen Aktivitäten in den Bereichen Kunst, Fortbildung und Medien. Dennoch sei das Wissen über die Vorstellungen, Träume und Ängste speziell der jungen Generation, die in Ägypten einen Großteil der Bevölkerung ausmacht, nicht ausreichend. Die aus diesem Seminar zu gewinnenden Erkenntnisse seien für alle, auch für die zukünftige Arbeit des Goethe Instituts, von herausragendem Wert. Er bedankte sich abschließend bei den Mitveranstaltern für ihre tatkräftige Unterstützung.

Dr. Hegasy schloss sich den Dankesworten an und erläuterte kurz die Arbeit des 1996 gegründeten, unabhängigen „Zentrums Moderner Orient“ (ZMO) als außeruniversitäres Forschungsinstitut in Berlin, an dem Historiker, Ethnologen, Islamwissenschaftler, Ökonomen, sowie Politikwissenschaftler zur Geschichte und Kultur der islamischen Welt arbeiten. Anschließend gab sie einen Einblick in die Entwicklung und die Bedeutung der Shell Studie, die ein sozial und wissenschaftlich relevantes Bild der deutschen Jugend zeichne. Dr. Hegasy betonte, dass viele Fragen nicht in den arabischen Kontext passen. Da der Bereich der Jugendforschung in der arabischen Welt aber noch in den Anfängen stecke, erhoffe sie sich von der Konferenz wertvolle Anregungen und Tipps für zukünftige Untersuchungen. Um den Realitätsbezug zu gewährleisten, sei die Teilnahme deutscher und ägyptischer Jugendlicher als Experten in eigener Sache an dem Seminar unerlässlich.

Nach der Begrüßung und einer kurzen Vorstellung der Arbeit der Konrad Adenauer Stiftung betonte Dr. Lange die Bedeutung die Jugend betreffender politischer Entscheidungen, da die in großer Zahl in den Arbeitsmarkt drängenden Jugendlichen einer unsicheren Zukunft entgegengingen. Kaum ein arabisches Land habe die Bedeutung dieses tief greifenden gesellschaftlichen Wandels erkannt und die entsprechenden Maßnahmen in Angriff genommen. Dieses Zusammenkommen hier in Ägypten sei ein erster, wichtiger Schritt, der einer zunehmenden Frustration der Jugendlichen entgegenwirke. Zusammen mit einem Mangel an Kommunikation zwischen den Generationen und Kulturen und an politischen Ausdrucksmöglichkeiten könne die Situation zu einer Radikalisierung der Jugend, besonders in Hinblick auf islamistisches Gedankengut, führen. Er unterstrich die Notwendigkeit eines neuen Sozialvertrages zwischen Staat und Jugend, in dessen Zentrum die Bildung stehen müsse. Die Wertvorstellungen und Ansichten der Jugendlichen müssten in der Gestaltung einer jugendgerechten Politik berücksichtigt werden. Dazu müssten diese aber zunächst zugänglich gemacht werden, um Aufmerksamkeit in der Gesellschaft zu finden. Er freue sich daher auf einen konstruktiven, offenen Dialog mit Forschern, Regierungsvertretern und Jugendlichen, der zu diesem Ziel beitragen solle.

Als Vertreter des Ministers für Jugend begrüßte Dr. Abd El-Aal die Seminarteilnehmer und hob die Bedeutung einer Politik, die den Vorstellungen und Ansprüche der Jugend gerecht werde hervor. Er sagte weiter, dass das Ministerium stets nach dem Prinzip handle, Jugendliche aktiv in den Entscheidungsprozess einzubeziehen und auf diese Weise ihren Wünschen gerecht zu werden. Das Ministerium plane in diesem Zusammenhang die Einrichtung eines „National Youth Council“, der eine Vielzahl von Meinungen zusammenführen solle und so die Ministeriumsarbeit erleichtern könne. Auch würden nichtstaatliche Einrichtungen wie die verschiedenen deutschen politischen Stiftungen in den Prozess einbezogen. Die Konferenz könne als bedeutender Leitfaden für zukünftige Entscheidungen dienen.

Prof. Dr. Münchmeier stellte in seinem Vortrag die 13. Shell Studie vor, die auf Grund ihrer weitreichenden Tradition besonderes Ansehen in wissenschaftlichen Kreisen, aber auch in der Öffentlichkeit und der Politik genieße. Da die empirischen Studien bereits über den Zeitraum von 50 Jahren erhoben werden, sei die Aussagekraft im Hinblick auf den Wandel der Wertvorstellungen der Jugendlichen besonders hoch. Die quantitative Erhebungsmethode durch Interviews, Umfragen und Gruppendiskussionen liefere ein repräsentatives Bild der in Deutschland lebenden Jugend bezüglich spezifischer Probleme wie Zukunftsängste (Arbeitslosigkeit, Drogenkonsum und persönliche Beziehungen) und der Unterscheide der sozialen Hintergründe. Anhand der Ergebnisse der Shell Studie konnten im weiteren Verlauf des Seminars Unterschiede in den Wertvorstellungen der Jugendlichen in Deutschland und verschiedenen Ländern des arabischen Raumes betreffend der Rolle der Familien und Geschlechterrollen, der Religion und der sich bietenden Berufschancen weiter verfolgt werden. Obwohl die Studie von Shell großzügig finanziert sei, sei die wissenschaftliche Unabhängigkeit gewährleistet und die Jugend stehe als Nutznießer der Studie im Vordergrund.

Prof. Dr. Dessouki kommentierte den einleitenden Vortrag von Prof. Münchmeier mit einigen allgemeinen soziologischen Überlegungen. So stellten unterschiedlichen Autoritäten für Jugendliche aus verschiedenen Kulturen und verschiedenen sozialen Schichten die relevanten Bezugspunkte in ihrer Entwicklung dar. Dabei stünden der politischen Autorität diejenige von Familie, gesellschaftlicher religiöser Überzeugung und Freundeskreis gegenüber. Auf Grund dieser, den jeweiligen Kulturkreisen angepassten Autoritäten sei eine genaue Übernahme des methodologischen Ansatzes der Shell Studie für den arabischen Raum weniger sinnvoll, auch wenn der Bezug der Jugendlichen zu den Autoritäten durch die modernen Kommunikationsmöglichkeiten nicht mehr auf ein Informationsmonopol selbiger beschränkt sei, sondern sich sehr schnell wandele. Die handlungsanleitende Rolle der Religion müsse beispielsweise im Rahmen der arabischen Vorstellungen deutlich höher bewertet werden, da sich diese auf alle anderen Normen und Werten der muslimischen Gesellschaften auswirkten. Zahlreiche ägyptische Studien hätten außerdem die Situationen der Jugendlichen bereits untersucht.

Dem schloss sich eine Diskussionsrunde an, in der Teilnehmer kritisierten, dass ebendiese Studien in Ägypten nicht für die Öffentlichkeit zugänglich seien. Dem gegenüber vertraten zahlreiche Diskussionsteilnehmer, dass es nicht genügend verwertbare Daten über die Situation der Jugendlichen in Ägypten gebe. Die Frage nach der tatsächlichen Umsetzung der Forschungsergebnisse in Politik blieb allerdings unbeantwortet, Prof. Dr. Münchmeier betonte aber, dass durch die öffentliche Präsentation der Studie in der Bundespressekonferenz ein gesellschaftlicher Druck auf die Regierung entstehen könne, der eine Implementierung von politischen Maßnahmen erzwingen könne. Weiter setzte er die Diskussion in denn aktuellen Rahmen der Globalisierung, in dem zwar die Wertestruktur zunehmend komplexer werde, aber effektiv nur eine partielle Modernisierungswelle von statten gehe. Es veränderten sich zwar die gedanklichen Wertmuster, im Handeln der Menschen schlage sich dies aber kaum nieder. Der größte Teil der Diskussionsteilnehmer vertrat ebenfalls die Auffassung, dass Jugendstudien an die kulturellen Umstände angepasst werden müssten.

Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Abaza stellte Prof. Dr. Sabella die Ergebnisse seiner in Kooperation mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft durchgeführte Studie über die Haltung der palästinensischen Erwachsenen und Jugendlichen zu demokratischen Entscheidungsprozessen vor. Von besonderem Interesse seien dabei die gegenseitige Beeinflussung der Jugendlichen und ihre Eltern in Hinblick auf politische Themen. Die Familie als Ganzes sei somit essentiell beteiligt an der politischen Sozialisierung der Jugendlichen, was den bisherigen Lehrmeinungen widerspreche, dass hauptsächlich der Vater als Vermittler dieser Vorstellungen fungiert. Mit der Intifada hätten sich gar die Vorstellungen der Jugend gegen diejenigen der Elterngeneration durchgesetzt. Die Untersuchungsvariablen waren dabei zum einen der Familienzusammenhalt und Häufigkeit von innerfamiliären Gesprächen über Politik. Familien mit starken Bindungen zwischen den Familienmitgliedern und zahlreichen politischen Diskussionen weisen laut der Studie eine höhere Vermittlung von Wertvorstellungen und politischen Orientierungen auf. Andererseits spielten die geschlechtsspezifischen Bindungsmuster eine entscheidende Rolle in diesem Prozess. Seine Forschungsergebnisse interpretierend forderte Sabella, dass die palästinensischen Entscheidungsträger ihre demokratische politische Agenda unabhängig von den assymmetrischen internationalen Machtverhältnissen und den regionalen Konflikten zügig abarbeiten müssten, sollten die Erwartungen der Bevölkerung an die Demokratie erfüllt werden.

Eine ähnliche Untersuchung stellte Prof. Dr. Oswald vor, der die geschlechtsspezifischen Unterschiede deutscher und palästinensischer Jugendlicher hinsichtlich ihres politischen Interesses untersuchte. Bisher sei die Forschung auf Grund einer „one-item“-Befragung (Politik als ein Komplex) davon ausgegangen, dass männliche Heranwachsende ein stärkeres politisches Interesse aufweisen als weibliche. Durch die Aufspaltung der Politik in verschiedene Themenbereiche in den der repräsentativen Studie zu Grunde liegenden Fragebögen zeigte Prof. Dr. Oswald jedoch auf, dass dies nur für bestimmte Bereiche zutreffend sei, in anderen gar umgekehrte Verhältnisse zu konstatieren seien. Die größten Unterschiede zeigten sich in Fragen der Gesundheits- und Entwicklungspolitik, für die weibliche Jugendliche ein deutlich höheres Interesse kund taten als ihre männlichen Altergenossen, Gegenteiliges gelte für „front-page politics“.

Frau Anja Wollenberg beschäftigte sich ihrerseits im Rahmen einer Medienkooperation (Rundfunkprogamme deutscher, palästinensischer und irakischer Jugendlicher) mit der Frage in wie weit sich das Leben im Irak nach dem Fall Saddam Husseins geändert hat, welche Faktoren dabei vor allem für die junge Bevölkerung eine Rolle spielen, und welche Motivationsgründe und Interessen ihre Entscheidungen mitbestimmen. In einer auf 29 Interviews basierende, qualitative Untersuchung stellte sie fest, dass die Mehrheit der Befragten durchaus positive Zukunftsperspektiven hätten und sich vornehmlich auf ihre eigenen Anstrengungen und Fähigkeiten verließen. Dies gehe einher mit einer größeren Distanz und einem generellen hohen Maß an Misstrauen zwischen Staat und Bevölkerung. Dabei müsse jedoch beachtet werden, dass die Ergebnisse keinen repräsentativen Charakter besäßen.

In der sich anschließenden Diskussion stellte sich die Frage nach der Bewertung der Politiker und nach der Diskrepanz in der Wahrnehmung deren Rhetorik und der tatsächlich umgesetzten Politik im Vergleich Deutschlands und Palästinas. Dr. Sabella erläuterte, dass er in seinen Untersuchungen nicht auf die Unterschiede der Jugendlichen an sich eingehen wollte, sondern lediglich die Veränderungen in der Intensität und Ursächlichkeit des politischen Engagements der Jugendlichen evaluieren wollte. Ein Vergleich Deutschlands und Palästinas im Hinblick auf die Wahrnehmung der Demokratie sei fragwürdig, da durch den lang anhaltenden israelisch-palästinensischen Konflikt diese grundsätzlich einen anderen Stellenwert habe. Ein Teilnehmer nahm Stellung zu den Ausführungen Frau Wollenbergs und hinterfragte die Interessen der Deutschen bei einer solchen, unterstellt eigennützigen Einflussnahme im Irak. Frau Wollenberg versicherte, dass der Inhalt der Radiosendungen von irakischen Journalisten erarbeitet werde und dass das Interesse der deutschen Mitarbeiter bei einer solchen Zusammenarbeit rein auf dem Streben nach einer pluralistischeren Meinungsdarstellung und auf der Förderung des politischen Bewusstseins im Irak beruhe.

Die dritte Sitzung wurde von Studierenden der Freien Universität Berlin gestaltet. In Feldstudien in Kairo, die von Dr. Hüsken betreut wurden, setzten sie sich in qualitativen Sozialstudien mit dem städtischen Leben in Kairo auseinander. In persönlichen Begegnungen mit jungen Ägyptern aus allen Gesellschaftsschichten untersuchten sie den Wandel der Werte- und Moralvorstellungen sowie sozialer Praktiken junger Menschen, insbesondere junger Frauen, in Kairo. Die Studien stellten für das junge Forscherteam nicht nur eine wissenschaftliche Herausforderung dar, sondern boten auch einen hautnahen, interkulturellen Austausch.

Nicolas Kosmatopoulos machte die zahlreichen Kaufhäuser (Shopping malls) als öffentlichen Raum und Arbeitsplatz zum Gegenstand seiner Studie. Darin beleuchtete er das Verhalten privilegierter und unterprivilegierter Konsumenten und Angestellter vor dem Hintergrund einer sich weltweit verbreitenden Vorstellung der Modernität und ihrer lokalen Projektion. Im Umfeld des Massenkonsums würden die konfligierenden Arbeits- und Konsumprozesse, die Dynamik von Identität und Identifikation und die Diskrepanz von Möglichkeiten und Einschränkungen zwischen den Jugendlichen aus verschiedenen sozialen Schichten offenbar.

Frieda Koeppe lebte für den Zeitraum von drei Monaten in einem Haushalt in Al-Nahda, einer ärmeren Gegend außerhalb Kairos und porträtierte das alltägliche Leben von Frauen in dieser Gegend. Finanzielle Probleme, das Fehlen staatlicher Unterstützung und besonders die Willkür und Gewaltbereitschaft der Männer stellen eine alltägliche Missachtung der Frau dar. Nichtsdestotrotz konnte ein erstaunliches Maß an Einfallsreichtum, Willenskraft und Cleverness der Frauen aus armen Verhältnissen in ihrem Streben nach Sicherheit und einer besseren Zukunft für ihre Kinder festgestellt werden. Netzwerke aus Familie und Freunden in diesen urbanisierten Dörfern sind wichtige Faktoren, die helfen, mit den genannten Schwierigkeiten umzugehen.

Kulturelle, politische und sozioökonomische Herausforderungen interkultureller Beziehungen zwischen jungen Ägyptern und Europäern waren Anne Schoenfelds Forschungsgegenstand. Sie konzentrierte sich auf Vorstellungen, Erfahrungen und Persönlichkeiten der Jugendlichen aus der Mittelklasse und Oberschicht Kairos. Dabei bot sich ein interessanter und greifbarer Einblick in die Verhaltensweisen und Kommunikationsschwierigkeiten kulturell gemischter Beziehungen vor dem Hintergrund der Globalisierung.

Sarah Hartmann nahm ein in der ägyptischen Öffentlichkeit heftig umstrittenes Phänomen in Angriff. Die Mängel und Probleme des staatlichen Bildungssystems haben zu einer enormen Zunahme privaten Nachhilfeunterrichts geführt, deren Kosten die finanzielle Situation vieler Haushalte stark belasten. Durch Teilnahme an der täglichen Routine von Schülern sowie Lehrern in ärmeren Gegenden Kairos war es ihr möglich, mit besonderem Augenmerk auf die Situation von Mädchen und junger Frauen, die Bildungsziele und Zukunftshoffnungen der Betroffenen eingehend unter die Lupe zu nehmen. Die Studie schließt auch die Perspektive der Lehrer mit ein, die auf dem Wege der privaten Nachhilfe ihr mageres Einkommen aufzubessern versuchen und die derjenigen, die Bildung kommerziell vermarkten.

Daran schloss sich der Beitrag Katja Hintz’ an, der die sich verschlechternde Qualität des ägyptischen Bildungssystems und die unbefriedigende Arbeitsmarktsituation als ernstes Problem für Universitätsabgänger erhellte. Im Mittelpunkt standen dabei die Ansichten, Vorstellungen und Strategien der jungen Menschen in einem zunehmend unsicheren sozioökonomischen, politischen und kulturellen Umfeld. Der Widerspruch von Wille zur Teilhabe einerseits und dem Misstrauen gegenüber der Zukunft andererseits sind die Eckpfeiler ihrer Fallstudie.

Tabea Goldboom betrachtete die Problematik der Jugendarbeitslosigkeit besonders unter jungen Frauen in der Altstadt Kairos. Die Studie handelt von Berufstätigkeit und Arbeitslosigkeit im formellen und informellen Sektor der Wirtschaft und versucht Möglichkeiten, Einschränkungen und Wünsche der Frauen diesbezüglich zu erforschen. Dabei hätte diese Gruppe nicht nur mit einem überlasteten Arbeitsmarkt, sondern auch mit moralischen Zwängen und patriarchalischen Strukturen zu kämpfen, die ihnen bessere Zukunftsaussichten zusätzlich erschwerten.

Katharina Langs Studie über die Berufsausbildung betrachtet die Entwicklungshindernisse Ägyptens auf Grund des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften. Sie identifiziert die weit verbreitete sozioökonomische Praktik, bei der die existierenden Formen der Berufsausbildung selten die Ansprüche der jungen Arbeitssuchenden erfüllen. Besonders in armen Gegenden obliegt die Ausbildung den familiären Kleinbetrieben des informellen Wirtschaftssektors, was zu uneinheitlichen Standards und Kinderarbeit, Ausbeutung und willkürlichen Arbeitsverhältnissen während der Ausbildung führt. Die Studie geht auch auf die Rolle und Maßnahmen der Hilfsorganisationen und NGOs ein.

Sandra Göllnests Analyse setzt sich nicht nur mit dem Zustand der Gesundheitsversorgung in Manshiet Nasr, Kairo, sondern auch mit dem kulturellen Gesundheitsverständnis und dem Vertrauensproblem zwischen Patient und Behandelnden auseinander. Sie setzt sich darüber hinaus mit patriarchalischen Geschlechterverhältnissen und Moralvorstellungen auseinander, die nicht nur den Zugang der Frauen zum Gesundheitswesen beschränkten, sondern auch kulturelle Tabus in Bezug auf den weiblichen Körper beinhalten. Die Kommentare der folgenden Diskussionsrunde kritisierten, dass sämtliche Untersuchungen der deutschen Studentengruppe den entscheidenden Faktor des autoritären Staates vernachlässigt hätten. Weiter wurde der eindimensionale Charakter des Projektes kritisiert und eine Einbeziehung ägyptischer Studenten in den Forschungsprozess gefordert. Dies wurde aber von den Vertretern der Freien Universität zurückgewiesen, da dies versucht worden sei, aber auf Grund bürokratischer und politischer Hindernisse auf Seiten der ägyptischen Behörden gescheitert sei.

Die Vorsitzende Dr. Kaschl Mohni begrüßte die Teilnehmer zur vierten Sitzung, die Dr. Hegasy mit der Präsentation ihrer Forschungsergebnisse bezüglich des Verhältnisses junger marokkanischer Menschen zu Macht begann. Ihre Untersuchung stütze sich auf eine Befragung 622 junger Marokkaner im Alter von 18 – 35 Jahren in Form von Interviews und Fragebögen und untersuchte die sich wandelnde Haltung zu dem jungen König Mohammed VI. Die Studie beachtete dabei auch Faktoren wie Herkunft, Bildung, Mobilität und Medienbenutzung der Befragten. Dr. Hegasy merkte an, dass ihre Ergebnisse nur teilweise repräsentativ seien. Sie sei in ihren Untersuchungen sowohl quantitativ als auch qualitativ vorgegangen. Es sei zu beobachten, dass Mohammed VI. seine Legitimation vermehrt rational begründe und sich zunehmend von einer patriarchalischen und autoritären Herrschaft abwende. Die Studie hinterfragte die Vereinbarkeit der Rollen des Monarchen als oberste religiöse Autorität und höchste politische Instanz im Staat mit der Rolle des bei der modernen, mittelständischen Jugend beliebten Idols in Zeiten der Globalisierung. Die Loyalität der marokkanischen Bevölkerung zu ihrem König habe viele Ursachen, die man als Teil des sozialen Änderungsprozesses betrachten müsse. Gleichzeitig ließe sich in der Tat eine Zunahme der Popularität des jungen Monarchen feststellen. Besonders bei der weiblichen Bevölkerung genieße Mohammed VI großes Ansehen.

Ebenfalls um die im Wandel befindlichen Wertvorstellungen der marokkanischen Jugend drehte sich die Präsentation Prof. Dr. El-Harras’, der die rapiden Veränderungen in den Werte- und Moralvorstellungen unter den Studenten des Landes untersuchte. Die traditionellen Identifikationsmodelle hätten sich demnach überlebt, da die Elterngeneration auf Grund ihrer meist schlechteren Bildung und ihres Konservativismus ihre Attraktivität für die Heranwachsenden verloren hätten. Sie spielten keine Rolle mehr als Wissensvermittler oder moralische und religiöse Autorität. Die Normen und Werte der vorherigen Generation verlören in einem zunehmend experimentellen Umfeld ihre Gültigkeit. Dennoch spiele die Familie weiterhin eine zentrale Rolle im Leben der marokkanischen Jugend, da die vertrauten und stabilen Strukturen Gespräche über intime persönliche Wünsche und Erfahrungen erlaubten. Über Fragebögen konnte Dr. El-Harras insbesondere die identitätsstiftende Rolle der Religion für Jugendliche in diesem unstrukturierten Umfeld herausarbeiten.

Diese Untersuchungsergebnisse führten zu einer lebendigen Diskussion unter den Teilnehmern des Workshops. Die Frage nach der Identifikation der Bevölkerung mit ihrem König müsse nach Altergruppen unterschieden werden, ebenso wie die Zustimmung zu Persönlichkeit und Politik durchaus unterschiedlich zu bewerten sei. Darüber hinaus wurden einige widersprüchliche Ergebnisse der Studie El-Harras’ eingehender diskutiert. So sei kaum verständlich, wie die Bevölkerung Marokkos als religiös bezeichnet werden könne, gleichzeitig aber mehr als 90% der Frauen eine Beschäftigung anstrebten, was dem Islam nach Meinung der Wortmeldung widerspreche. Schließlich wurde noch angemerkt, dass der Migrationswunsch, den viele junge Marokkaner hegten, in der Studie überhaupt nicht untersucht worden sei.

Prof. Dr. Gomaa eröffnete den zweiten Tag des Workshops mit einer kurzen Vorstellung der Referenten der ersten Sitzung und erläuterte kurz deren Untersuchungsgegenstände.

Prof. Dr. El-Tawila stellte im Zusammenhang mit den Bemühungen aussagekräftige Jugendforschung zu betreiben, methodologische Überlegungen vor. Sie beschrieb dabei das Vorgehen und die Schwierigkeiten, die sich bei vergangenen Forschungsunternehmungen gezeigt hätten. Sie bezog sich auf die in den Jahren 1997 und 2000 in Ägypten durchgeführten nationalen Umfragen, in deren Mittelpunkt sich die Probleme der Jugendlichen im Übergang zum Erwachsenenalter und die Hintergründe der Eheschließung und Familiengründung befanden. Mehrere Einrichtungen wie die Universität von Alexandria, die American University in Cairo, die medizinische Fakultät der Assiut Universität und der Population Council (Regional Office) hätten die Studie unterstützt. Das Hauptziel der beiden Untersuchungen sei es gewesen, ein umfassendes, repräsentatives Profil der ägyptischen Jugend zu erstellen, das Bildung, Arbeitssituation, Gesundheitsstand und Einstellungen zur Ehe und Familie der Befragten integrierte. Die hohe Mobilitäts- und die schwankende Rücklaufrate unter den Teilnehmern der Befragungen seien ein grundsätzliches Problem einer nationalen Erhebung in Ägypten.

Die dringendsten Probleme der ägyptischen Jugend, wie sie sich in einer repräsentativ in verschiedenen Governoraten Ägyptens erhobenen Studie abzeichneten, stellte Prof. Dr. Farag El-Kamel vor. Dabei wurden in Gruppendiskussionen im Nildelta, dem Ballungsraum Kairo und einer ländlichen Region in Oberägypten die Interaktionsmuster der Jugendlichen gegenüber Eltern, Lehrern und der „peer-group“ eingehend untersucht. Dabei habe sich herausgestellt, dass die Kommunikation zwischen Eltern und den heranwachsend auf Themen wie Schule und Berufsaussichten beschränkt oder auf Grund mangelnden Vertrauens zwischen den Generationen völlig eingestellt sei. Themen wie Sexualität seien tabu und könnten nur mit fragwürdigen Informationen innerhalb des Freundeskreises diskutiert werden. Insgesamt böte sich für männliche Vertreter dieser Altersgruppe aber ein positiveres Bild mit reicheren Möglichkeiten der Entwicklung, junge Frauen hingegen besäßen häufig Minderwertigkeitskomplexe, die sich aus den traditionellen Rollenverständnissen und deren Perpetuierung ergäben. Außerdem ergab die Studie, dass Drogenkonsum ein ernst zu nehmendes Phänomen unter Jugendlichen darstelle, da insbesondere Marihuana und Missbrauch von legalen Medikamenten eine weit verbreitete Erscheinung seien.

Die folgende Diskussion warf die wichtige Frage auf, welchen Ersatz sich Jugendliche schaffen würden, um die meist unzureichenden Kommunikationsmöglichkeiten mit der Elterngeneration zu kompensieren und welche Rolle dabei neue Kommunikationsmittel wie das Internet und Satellitenfernsehen spielten. Für alle vorgelegten Studien wurden die Erhebungsmethoden kritisiert, da man sich nur schwerlich auf Informationen verlassen könne, die von Jugendlichen stammten und, so die Diskussionsteilnehmer, vieles gegenüber den Wissenschaftlern verheimlichen würden. Außerdem wurde wiederholt Kritik an der undeutlichen Begründung der gewählten Befragungssamples und –methoden geäußert, was die wissenschaftliche Fundierung der Studien untergrabe. Dies wurde von den Referenten mit gesellschaftlichen Zwängen und stets gegebenen Einschränkungen bei Untersuchungen in diesem Bereich erklärt. Dennoch seien die so erhaltenen Ergebnisse wertvoll und in jedem Falle besser, als gänzlich davon abzusehen, Jugendstudien durchzuführen.

In seinem Beitrag stellte Dr. Rashwan die Ergebnisse seiner Untersuchung über die politische Partizipation Jugendlicher vor. Bemerkenswerterweise stünden dabei weniger nationale politische Fragestellungen im Vordergrund, sondern deutlich stärker internationale Probleme. Er bezeichnete in diesem Zusammenhang den letzten Krieg im Irak und die palästinensische Intifada als ursächliche Ereignisse. Im Laufe der Zeit habe sich aber auch zunehmend ein Interesse an nationalen Problemen entwickelt, wie sich bei mehr und mehr Demonstrationen zeige und die langsame Rückkehr der Jugend in die politische Arena erlaube. Allerdings gebe es ein zweigeteiltes Agitationsumfeld, einerseits dominiert von islamistischen Organisationen, die eine besondere Attraktivität für Jugendlichen aufwiesen, andererseits die liberaleren Bewegungen wie die gemischte Protestgruppe „Kefaya“, die trotz ihrer schwachen Programmatik eine erstaunliche Anziehungskraft besäße. Der Zulauf bei diesen staatlich nicht anerkannten Organisationen sei zu einem großen Teil den starren Strukturen und den hierarchischen Ordnungen innerhalb der etablierten Parteien geschultert, die daher zunehmend vergreisen.

Frau Salem beschrieb in ihrem Vortrag die Bemühungen des Population Council, das restriktive Geschlechterverhalten in ländlichen Gegenden Ägyptens zum positiven zu verändern und beschrieb die Ergebnisse eines auf Maßnahmen und Interventionen basierenden Projektes (Ishraq Projekt) in mehreren ägyptischen Dörfern. Die in den Zeitraum von 2001 – 2004 gesammelten Daten würden Aufschluss geben darüber, welche geschlechterspezifischen Normen das Leben der jungen Frauen beeinflussen und ob und wie man diese festgefahrenen Ansichten durch Interventionsprogramme verändern könne. Erstaunlich an den Ergebnissen sei, dass der Bildungsstand der in den Programmen Betreuten nicht unbedingt relevant sei. Es sei vielmehr wichtiger, die jungen Frauen über ihre Rechte und ihre Situation aufzuklären, den Analphabetismus zu bekämpfen und eine sichere Stellung in der Gesellschaft und der Familie zu schaffen. Als Indikatoren bei der vergleichenden Befragung sowohl teilnehmender als auch nicht teilnehmender Frauen dienten deren Aussagen über frühe Heirat, weibliche Genitalverstümmelung und körperliche Gewalt. Die Verhaltensmuster hinter diesen Indikatoren böten Aufschluss über die persönlichen Ansichten der jungen Frauen, doch noch vielmehr über die der Eltern, die oft hinter diesen Praktiken stünden. Trotz einiger Bemühungen, sei die ländliche Bevölkerung weiterhin eine zu wenig beachtete Bevölkerungsgruppe, die kontinuierlich die geringsten Raten an Schulbesuchen, eine äußerst schlechte allgemeine gesundheitliche Situation und verschiedene Ausprägungen der sozialen Ausgrenzung aufwiesen. Die Referentin resümierte, dass – obwohl das genannte Ishraq Programm ein sehr junges Projekt sei, um die Lage der Landbevölkerung durch Aufklärung und Bildung zu verbessern und es methodologisch noch verfeinert werden müsse - bereits bescheidene Erfolge aufweisen könne.

Die die Sitzung abschließende Diskussion wurde durch die Frage der Vorsitzenden Prof. Dr. Gomaa eingeleitet, weshalb Bildung, im Gegensatz zu den Untersuchungsergebnissen des vorangegangenen Beitrags, von der UNO als Maß für die Stärkung der Frauen angeführt werde. Frau Salem erklärte dazu, dass die Bedeutung der Bildung darin läge, dass tatsächlich ein Großteil der an den Interventionen teilnehmenden Frauen bereits grundlegende Schulbildung erfahren hätten und ihre Bereitschaft zu den Projekten größer sei als diejenige der Frauen mit keiner oder sehr geringer Ausbildung. Bei den Resultaten der Interventionsprogramme müsse man sich jedoch eingestehen, dass der Faktor Bildung hinsichtlich der drei oben genannten Indikatoren irrelevant sei, da die überkommene staatliche Bildung traditionelle Rollenmuster eher bestärke. Daraufhin kam die Frage nach der Reaktion der männlichen Dorfbevölkerung auf und ob diese in die Projektarbeit integriert worden wäre, da nur so die Nachhaltigkeit des Wandels der Rolle der Frauen in der Gesellschaft erreicht werden könne. Frau Salem gab zu, dass die Versuche der Integration nicht ausreichend seien und es teilweise zu einer Verschärfung der Geschlechterkonflikte durch die Interventionsprogramme komme. Weiterhin wurde die Frage nach der Orientierung der politischen Aktivität der Jugendlichen im Hinblick auf Außen- oder Innenpolitik erörtert, wobei einige Teilnehmer die Ansicht vertraten, dass die Jugendlichen durchaus mehr Interesse an außenpolitischen Themen hätten, weil sie aufgrund ihres mehr abstrakten Charakters anziehendere Wirkung hätten. Dies sei damit zu begründen, dass eine Auseinandersetzung mit der politischen Realität in Ägypten oft wegen einer allgemeinen Verdrossenheit nicht stattfinde. Dieser Zusammenhang liefere mögliche Antworten auf eine sich radikalisierende, religiös-politische Orientierung, wie sie beispielsweise die Muslimbrüder darstellten. So würden komplexe politisch-ökonomische Konflikte, wie der Irak-Krieg, mit vereinfachenden, religiös motivierten Parolen einflussreicher islamistischer Gruppierungen den Jugendlichen nahe gebracht und trügen so zu einer Mobilisierung der jungen Massen bei.

Anschließend wurden die Teilnehmer in die Galerie des Goethe Instituts eingeladen, wo sich mehrere Jugendorganisationen aus Kairo und Alexandria präsentierten. Ulrike von Räcker von den „Pioneers of Change“ gab zunächst einen Überblick über die allgemeine Situation der NGOs in Ägypten vor dem Hintergrund des NGO Gesetzes von 2002/03, das die Arbeit vieler nicht-staatlicher Organisationen auf eine unsichere rechtliche Basis stellte. Sie erläuterte die Aufgaben und die Schwierigkeiten der Organisationen und stellte klar, dass – obwohl diese laut Gesetz lediglich die Regierungsarbeit ergänzend unterstützen dürften – sie tatsächlich aber von essentieller Bedeutung für das Angebot sozialer Hilfsleistungen in Ägypten seien.

Die Vertreter der Organisation AITAS (Andalus Institute for Tolerance and Anti-Violence Studies), die die Vorstellungsrunde eröffneten, erläuterten ihre Zielsetzung als Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements durch Freiwilligenprogramme und Dialogprojekte zwischen ägyptischen und europäischen Jugendlichen. Darüber hinaus strebt die Organisation eine Pressebeobachtung im Vorfeld der anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an, um so die Chancengleichheit der Kandidaten und Parteien evaluieren zu können.

Die Künstlergruppe Gudran, in der sich Maler, Bildhauer, Filmemacher, Grafiker und Musiker zusammengefunden haben, arbeitet vornehmlich in einem kleinen Fischerdorf in der Nähe Alexandrias. Es wird versucht, der dortigen Bevölkerungen in Zeiten des Niedergangs der Fischerei Perspektiven zu bieten, ihre erodierenden Traditionen zu bewahren und Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung aufzuzeigen. Diese Arbeit wird insbesondere durch künstlerische Angebote geleistet, die ein Selbstbewusstsein der Gemeinde schaffen sollen.

Nahdet El Mahrousa bietet jungen engagierten Ägyptern Fortbildungsprogramme an, die es ihnen ermöglichen sollen zivilgesellschaftliche Projekte zu initiieren. Unterstützt werden die Jugendlichen durch Netzwerke, die ihnen die Akquirierung von Ressourcen erleichtern und ihnen eine Plattform für ihre Arbeit und deren öffentlichkeitswirksame Darstellung bieten. Darüber hinaus werden Fortbildungsprogramme angeboten, die die NGO-Mitarbeiter in die Lage versetzen sollen, am politischen Diskurs Ägyptens effektiv teilzunehmen.

Die letzte Gruppe, die sich im Rahmen der Vorstellungsrunde präsentierte, war die „Sustainable Development Association“ (SDA). Diese Organisation implementiert für verschiedene internationale und lokale Geberorganisationen Programme, die eine Interaktion der staatlichen und nicht-staatlichen Akteure ermöglichen sollen und dabei insbesondere die junge Generation einbeziehen sollen, um deren Ideen und Vorstellungen in den politischen Prozess einzuspeisen. Konkret wird dies durch Workshops zu verschiedenen Themen, Stipendienprogramme, Bildungsangebote und Angebote zu Freiwilligenarbeit umgesetzt.

Im die Konferenz beschließenden Panel unter Vorsitz von Dr. Hegasy fasste Prof. Dr. Münchmeier die wichtigsten erarbeiteten Ergebnisse zusammen. Es sei klar geworden, dass ein Bedarf an fundierten Daten über die Bedürfnisse und Vorstellungen der Jugendlichen in Ägypten bestehe, um zukünftig politische Entscheidungen auch effektiv daran ausrichten zu können. Diese Erkenntnis könne ein Beweggrund für die Etablierung einer langfristig angelegten Jugendstudie für Ägypten sein, ihm sei aber durch die Präsentation der arabischen Workshopteilnehmer deutlich geworden, dass eine direkte Übertragung der Shell Studie in die arabische Welt kaum Sinn machen könne. Daher plädierte er für einen differenzierten Ansatz mit einer langfristigen rudimentären Erhebung der wichtigsten Daten, die durch spezialisierte Untersuchungen zu spezifischen Themenkomplexen, die der diversen gesellschaftlichen Struktur Ägyptens gerecht würden, ergänzt werden könne. Er betonte weiter, dass ein objektiv-normativer Ansatz in jedem Falle durch subjektive Forschungsdesigns komplementiert werden müsse, da sonst die Gefahr bestehe, nur eine Evaluierung des Entsprechungsgrades mit von vorn herein gegebenen Zielsetzungen zu erreichen. In diesem Zusammenhang betonte er die Bedeutung wissenschaftlicher Unabhängigkeit und das Problem der mangelnden politischen und gesellschaftlichen Unterstützung solcher Forschungsprojekte.

Den letzt genannten Punkt hob auch Prof. Dr. Abaza hervor, die diese Problematik insbesondere der qualitativen Untersuchungsansätze weiter ausführte. In den 60er Jahren sei die Forschung an den Staat gebunden gewesen und habe sich erst in den letzten Jahren teilweise aus diesem Griff lösen können. Dabei sei aber keine Unabhängigkeit der Forschung erreicht worden, sondern nur eine Verschiebung der Forschungs-Stakeholder vom Staat zu verschiedenen privaten Akteuren erfolgt. Um den Mangel an fundierten qualitativen Studien zu beheben sei der Verzicht des Staates auf Kontrolle der Wissenschaft notwendig und die Regierungseinrichtungen sollten sich auf die von ihnen geleistete quantitative Datenerhebung beschränken, bei der politische Interessen weniger bedeutend seien.

Dr. Rashwan schloss sich Herrn Prof. Münchmeier an und unterstrich, dass Ägypten in seinen Untersuchungen auf die individuellen, landesspezifischen Hindernisse eingehen müsse. Darüber hinaus sei es wichtig staatliche, öffentliche und auch unkonventionelle Quellen in die Informationsakquirierung einzubeziehen. Hierbei sei die Zusammenarbeit ägyptischer und ausländischer Einrichtungen besonders wünschenswert.

Herr Abdou ergänzte Prof. Dr. Münchmeiers Anregungen, die Forschungsarbeit durch Schaffung mehrerer Gremien noch effektiver zu machen und nannte mögliche Ansätze. Einer unabhängigen, neu einzurichtenden und finanziell eigenständigen Einrichtung der Sozialforschung stünde die Wiederbelebung eines bereits existierenden Instituts gegenüber. In jedem Falle aber müsse mehr Gewicht auf der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Zentren und Disziplinen der Sozialforschung liegen.

Bei all diesen Überlegungen, gab Frau Wahba zu Bedenken, sei die Beteiligung und Mitarbeit der Jugendlichen essentielle Grundlage. Im gesamten Prozess, von der Forschungsplanung bis zur praktischen Ausführung, müsste die Partizipation der Jugendlichen beachtet werden. Die Jugendlichen müssten tatsächlich in die oben genannte Gremien einbezogen werden und an der Forschung teilnehmen. Ein interkultureller und wissenschaftlicher Austausch ägyptischer und deutscher Jugendlicher und Studenten sei wertvoll und hilfreich mit Hinblick auf die weitere Jugendforschung.

In der abschließenden Diskussion kamen allgemeine Fragen zur Finanzierung der Jugendforschung auf. Während in Deutschland private Industrieunternehmen wissenschaftliche Projekte finanzierten, ließe selbst die Bereitstellung staatlicher Mittel in den arabischen Staaten zu wünschen übrig. Um so mehr sei zu bedenken, dass die Ergebnisse solcher Studien positive Auswirkungen auf die Qualität der universitären Lehre hätten und den Informationsfluss zwischen Kulturen, wissenschaftlicher Einrichtungen und zwischen den Generationen verbessern können. Dies sei in der zunehmenden Ausrichtung der Weltwirtschaft auf Wissen von zunehmender Bedeutung. Daher sei auch die die Zugänglichkeit der Studienergebnisse von elementarer Bedeutung, um den öffentlichen Diskurs effizient zu gestalten. Einige Diskussionsteilnehmer stellten die Redlichkeit der von Industrieunternehmern finanzierten Untersuchungen in Frage und unterstellten ein Profitinteresse. Auch die Tatsache der Veranstaltung des Workshops durch deutsche Einrichtungen wurde mit Skepsis beurteilt und ein unlauteres Eigeninteresse der Veranstalter unterstellt. Frau Wahba versicherte hingegen, dass allein die Jugend von den Forschungsergebnissen und Veranstaltungen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzten, profitiere.

Das Schlusswort der Veranstaltung gehörte Prof. Dr. Kharboush. Dieser vertrat im Gegensatz zu den Workshop-Teilnehmern die Auffassung, dass die staatlichen Forschungsinstitute (staatliche Statistikbehörde CAPMAS und IDSC, ein dem Kabinett zuarbeitendes Forschungsinstitut) ausreichend Material über die Jugend in Ägypten bereitstellten. Das Problem sei vielmehr die Zusammenführung der verschiedenen Ergebnisse auch aus der Forschung der Universitäten zu einem kohärenten Bild. Weiter verwies er auf die geplante Schaffung eines nationalen Jugendrates und die Jugendprogramme des Ministeriums zur Förderung der Jugend und zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Er hob die Kooperationsbereitschaft des Ministeriums hervor und nannte Beispiele erfolgreicher Kooperation, schob die Schuld an unzureichender Zusammenarbeit in einigen Bereichen den zivilgesellschaftlichen Akteuren zu. Abschließend lobte er die studentischen Austauschprogramme mit Universitäten in Europa, die einen fruchtbaren Dialog in Gang gesetzt hätten. Als Fazit der Veranstaltung regte Kharboush an, eine Untersuchung durchzuführen und nach einigen Jahren eine zweite anzuschließen. Mit den Ergebnissen könne dann evaluiert werden, ob ein Bedarf bestehe, dieses Thema weiter zu verfolgen, oder ob diese Situation befriedigen sei.

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