AFGHANISTAN, QUO VADIS?

Eine Bestandsaufnahme anderthalb Jahre nach Beendigung des internationalen Kampfeinsatzes

Auf der Bonner Afghanistan-Konferenz 2011 wurde der Übergang von der Phase der Transition, die im Dezember 2014 offiziell gemeinsam mit dem ISAF-Einsatz endete, zu einer bis 2024 laufenden Dekade der Transformation beschlossen. Während der Transitions-Phase wurde die Sicherheitsverantwortung im Land vollständig an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. In der anschließenden Transformations-Phase soll Afghanistan weiterhin internationale Unterstützung für den Wiederaufbau erhalten. Die ersten anderthalb Jahre der Transformations-Phase sind vergangen, Zeit also für eine Bestandsaufnahme.

Afghanistan ist aus dem Fokus der internationalen Öffentlichkeit weitestgehend verschwunden

Seit der Beendigung des ISAF-Kampfeinsatzes am 31. Dezember 2014 ist Afghanistan weitestgehend aus dem Blickpunkt sowohl der deutschen als auch der internationalen Öffentlichkeit verschwunden. Drei Griechenlandrettungspakete, die weiterhin schwelende Euro-Krise, der Bürgerkrieg in Syrien sowie das Entstehen des Kalifats des Islamischen Staates in Syrien und im Irak, die Annexion der Krim durch Russland, die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Separatisten im Osten der Ukraine, die Terroranschläge in Paris und Brüssel und die Flüchtlingskrise haben die Berichterstattung über Afghanistan in den Hintergrund gedrängt. Insgesamt entstand der Eindruck, dass Afghanistan nicht nur in den Medien kaum noch Beachtung findet, sondern auch weitgehend von der politischen Agenda der internationalen Gemeinschaft verschwunden ist.

Dabei sind die Kampfhandlungen seit dem ISAF-Abzug und dem Beginn der Beratungs- und Ausbildungsmission Resolute Support keineswegs abgeflaut, sondern in zuvor nicht gekannter Heftigkeit entbrannt. Die Taliban haben 2015 größere militärische Erfolge im Kampf gegen die afghanischen Regierungstruppen erzielen können, als seit Beginn des amerikanischen Militäreinsatzes im Oktober 2001. Mit der 15-tägigen Besetzung von Kunduz ist es den Taliban erstmals gelungen, eine Provinzhauptstadt zu erobern. Das Terrornetzwerk Al Qaida, immerhin der Auslöser des Afghanistan-Einsatzes im Oktober 2001, hat dem neuen Taliban-Anführer Mullah Haibatullah Achundsada im Juni 2016 die Treue geschworen. Dem Islamischen Staat ist es gelungen, sich in Afghanistan als Konkurrenz zu den Taliban, wenngleich bisher auch nur in einer Provinz, festzusetzen. Im Rahmen der Flüchtlingskrise hat sich Afghanistan - nach Syrien - zu dem zweitgrößten Herkunftsland von Flüchtlingen nach Europa entwickelt. Die internationale Gemeinschaft und Deutschland (nach den USA und Japan der drittgrößte Geldgeber im Rahmen der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit) wären gut beraten, Afghanistan wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als dies derzeit der Fall ist.

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Autor

Matthias Riesenkampff

Serie

Länderberichte

erschienen

Afghanistan, 1. Juli 2016