BUENOS AIRES BRIEFING - SEPTEMBER 2015/1

Die Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. in Argentinien möchte allen Interessierten einen besseren Zugang zu den politischen Ereignissen des Landes ermöglichen. Dafür veröffentlichen wir alle zwei Wochen ein kurzes Briefing mit den wichtigsten Nachrichten aus dem Land. Diese Ausgabe fasst die wichtigsten Ereignisse zwischen dem 1. und 15. September zusammen.

Politische Kampagne oder traurige Wahrheit? Der Fall Oscár Sánchez

Es war geradezu bizarr: Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner, den Tränen nahe, verkündet in einer Rede mit brüchiger, überdrehter Stimme, sie wolle nicht werden „wie die Länder, die Immigranten abweisen und Kinder an den Stränden sterben lassen“. Es ist der Tag, an dem im eigenen Land, in der Nordprovinz Chaco, der 14 Jahre alte Oscár Sánchez stirbt – an einer Lungeninfektion, an Tuberkulose und auch an Unterernährung. Laut argentinischen Medien wog der Junge zum Todeszeitpunkt zwischen neun und elf Kilogramm. Und wenige Tage später stürzt auch noch das Dach des Kinderkrankenhauses ein.
Offiziellen Angaben zufolge ist Oscárs Tod die Folge einer Verkettung unglücklicher Umstände gewesen. Schließlich habe die Familie des indigenen Qom-Stammes Lebensmittel und ärztliche Versorgung erhalten. Zwei Tage nach dem Tod seines Sohnes dementiert Oscárs Vater dies jedoch. Einmal im Monat habe man ihm einen Korb mit Lebensmitteln zukommen lassen; ärztlich untersucht worden sei sein Sohn lediglich, nachdem Bewohner der Gemeinschaft aus Protest die Landstraße blockiert hätten. Sogar den Rollstuhl habe ein Verwandter aus Rosario (Provinz Santa Fé) für den körperlich behinderten Oscár mitgebracht – Anträge bei den Behörden seien ohne Erfolg geblieben. Sechs Stunden, so erzählte es der Vater, habe er auf einen Krankenwagen warten müssen.
Oscár ist bereits das zweite tote Kind aus dem Qom-Stamm innerhalb eines Jahres. Der tragische Tod eröffnete abermals die unterschwellige Debatte über die tatsächliche Armut in Argentinien. Private Forschungsinstitute wie Isepci schätzen, dass im Chaco etwa die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebe, wovon wiederum 14,4 Prozent obdachlos seien. Das Statistische Bundesamtes Indec, eine Regierungsbehörde, nennt allerdings ganz andere Zahlen: 8,4 Prozent aller chaqueños lebten in ärmlichen Verhältnissen, 1,4 Prozent in extremer Armut (die letzte statistische Erhebung fand 2007 statt). Zudem heißt es aus Regierungskreisen, dass man die Armut in Argentinien in den vergangenen zwölf Jahren – seit dem Amtsantritt des Präsidenten Néstor Kirchner – um 42 Prozentpunkte auf 8 Prozent verringert habe.
Der öffentliche Diskurs dreht sich allerdings nicht nur um die Wahrhaftigkeit der Statistiken, sondern auch um die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung. Angeblich sollen Ärzte indigene Patienten benachteiligen. So sei es keine Seltenheit, dass schwangere Frauen mit indigenem Hintergrund unter mangelnder Ernährung und schlechter sanitärer Versorgung litten und folglich Kinder mit Behinderung gebären würden. Daher wird der Regierung unter anderem vorgeworfen, dass es ihr nicht gelungen sei, ihren Bürgern ein menschenwürdiges Leben zu garantieren, obwohl dies nicht nur ein Grundrecht der argentinischen Verfassung ist, sondern vor allem auch ein fundamentales Menschenrecht. Besonders tragisch ist die Vielzahl der an Unterernährung sterbenden Kinder angesichts des Produktionsvolumens an Lebensmitteln für den Binnenmarkt und Export, mit dem die gesamte Bevölkerung der Nation bis zu sieben Mal ernährt werden könnte.
Alleine 2015 sind sechs Fälle von Kindern bekannt geworden, die unterernährt starben. Regierungsnahe Parteien merken jedoch an, dass man nicht nur die Finger in die Wunden legen dürfe, sondern auch die geleisteten Fortschritte anerkennen müsse. Für Oscár Sánchez kam jedoch jede Hilfe zu spät. Die Präsidentin erwähnte ihn übrigens mit keinem Wort.

Ramón Mestre (UCR) gewinnt die Bürgermeisterwahl in Córdoba mit 32,35 Prozent

Einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen hat die Partei Unión Cívica Radical das Bürgermeisteramt von Córdoba verteidigt. Zum zweiten Mal in Folge entschieden sich die Einwohner der zweitgrößten Stadt des Landes für Ramón Mestre. In seiner Antrittsrede versprach er, sich in seiner zweiten Amtsperiode vor allem der Infrastruktur anzunehmen; unter anderem beabsichtigt er, das Abwassersystem zu erneuern. Zudem will sich Mestre mit dem ehemaligen Bürgermeister der Stadt Medellín, Kolumbien, treffen, um über sich über das Vorgehen gegen die Drogenbanden auszutauschen.
Zum Sieg verholfen hatte Mestre auch sein Zusammenschluss mit dem Bündnis Juntos por Córdoba mit PRO, der Partei des Präsidentschaftskandidaten Macri, und der Coalición Cívica. Den zweiten Platz belegte Tomás Méndez (ADN) mit 23,17 Prozent, gefolgt von Esteban Dómina (Partido Justicialista) mit 17,31 Prozent. Javier Musso (Frente de Izquierda) gelang Historisches: er wird der erste Stadtrat seiner Partei in Córdoba sein. Schwach schnitt wie schon bei den landesweiten Vorwahlen (PASO) am 9. August die Präsidentenpartei Frente para la Victoria ab: Ihr Kandidat Daniel Giacomino erreichte in Córdoba lediglich 14,7 Prozent – so viel, wie der kirchneristische Präsidentschaftskandidat Daniel Scioli in der gleichnamigen Provinz geholt hatte.

Der Super-Derby-Spieltag

Am vergangenen Wochenende kam es in der argentinischen Liga zu einem historischen Spieltag: Nachdem die Primera División vor Beginn der Saison neuformiert und auf 30 Teams aufgestockt worden war, richtete der Argentinische Fußballverband AFA einen speziellen Spieltag ein: den der clásicos, der Lokalderbys. Das brisanteste Duell war dabei wie immer der Superclásico der beiden Großklubs aus der Hauptstadt, der traditionell das ganze Land elektrisiert: River Plate gegen Boca Juniors. Boca siegte im Stadion des Erzfeindes 1:0 und eroberte die Tabellenführung zurück (weil der Papstklub San Lorenzo seinen clásico gegen Huracán verlor). Wichtiger aber noch: Man bewahrt Abstand zu River. Boca hat von den 195 Superclásicos nun neun mehr gewonnen und ist damit nach argentinischer Fußballtradition el papá, der Vater. Mehr Meisterschaften hat allerdings Bocas Sohn (el hijo) gewonnen.
Das Wochenende der sieben Derbys war auch ein Großkampftag für die Sicherheitskräfte. Mehr als 7000 Polizisten waren im Einsatz – und das, obwohl seit zwei Jahren keine Gästefans mehr ins Stadion dürfen. Der argentinische Nationalsport hat seit jeher ein Gewaltproblem. 307 Tote zählt die Organisation „Salvemos al Fútbol“ (Retten wir den Fußball!) von 1922 bis heute (http://salvemosalfutbol.org/lista-de-victimas-de-incidentes-de-violencia-en-el-futbol/ ). Das Verbot von Auswärtsfans war dann die Konsequenz einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen der Polizei und Hooligan-Gruppen des Vereins CA Lanús. Allerdings hat diese Entscheidung die Gewalt allenfalls gelindert, aber am Grundproblem wenig geändert. Ursache Nummer 1 für Tote und Verletzte sind die Rivalitäten innerhalb der Vereine. Die sogenannten Barras Bravas (Wilde Horden), eine Mischung aus Ultras und Hooligans, kämpfen um die Herrschaft auf der Tribüne. Denn wer über sie die Kontrolle hat, hat auch die Kontrolle über das Geschäft am Spieltag; die Barras verkaufen auf dem Schwarzmarkt die Tickets, die ihnen der Verein spendiert, verdienen an den Imbissständen und Parkplätzen, an Merchandising und anderen Dingen. Und sie stehen häufig unter dem Schutz von Politik, Polizei und Vereinsführung.
Das Verbot war und ist umstritten; vor allem kleine Klubs mit zu großen Stadien gehören zu den Verlierern und klagen über fehlende Einnahmen; Vereine mit riesiger Fanbasis – River, Boca, Independiente, Racing und San Lorenzo sowie die beiden Klubs aus Rosario, Newell’s und Central – füllen ihre Ränge auch ohne die Anhänger des jeweiligen Gegners und sparen zudem bei den Kosten für die Sicherheit.
Daniel Scioli, Präsidentschaftskandidat des Frente para la Victoria, will das Verbot nun teilweise aufheben lassen. Der Plan ist Teil seiner Wahlkampfstrategie. Von Ende September an sollen in der Provinz Buenos Aires, deren Gouverneur Scioli noch ist, die hinchas der Gastmannschaft probeweise wieder zugelassen werden. Sollte es, so versprach Scioli, bei diesem Experiment zu keinerlei Problemen kommen und er zudem die Präsidentschaftswahlen am 25. Oktober gewinnen, so würden die Auswärtsfans wieder Eintritt in die argentinischen Stadien erhalten.

erschienen

Argentinien, 15. September 2015