„Der Staat ist zwar verschwunden, die Menschen aber sind geblieben“

Eröffnung der Ausstellung „Das sowjetische Experiment - 100 Jahre Oktoberrevolution“

Wie weit ist die Aufarbeitung des Kommunismus 100 Jahre nach der Oktoberrevolution vorangeschritten? Um diese Frage drehte sich eine Diskussionsrunde im Forum der Konrad-Adenauer-Stiftung anlässlich der Ausstellungseröffnung des jungen Historikers Ivan Kulnev. In 43 Kollagen versucht der russische Künstler die Erinnerung an die Schrecken des Kommunismus wach zu halten. Er verfolgt mit Sorge den Wunsch nach einer Resowjetisierung gerade bei jungen Leuten in Russland.

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Dr. Hubertus Knabe, Prof. Dr. Jörg Baberowski, Sven Felix Kellerhoff, Freya Klier, Ivan Kulnev, Christian Schleicher

Zu Beginn der Veranstaltung berichtete Jörg Baberowski, dass in der ersten Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs unter Intellektuellen in Russland eine Aufbruchsstimmung spürbar gewesen sei. Den meisten normalen Menschen hätten Demokratie und ökonomische Liberalisierung jedoch nichts gebracht, mehr noch: Die Lebensverhältnisse verschlechterten sich dramatisch, weswegen die Betroffenen bald die Demokratie mit dem ökonomischen Niedergang verbanden, erläuterte der Professor für Osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Das hatte, so Baberowski, eine erneute Hinwendung zu einem autoritären Regime zu Folge, eine Entwicklung, die in den achtziger Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Eine Erklärung dafür sei, dass Russland vor dem Kommunismus keine demokratische Vergangenheit hatte.

Wie konnte zum „Kommunismus-Experiment“ kommen?

Diese besondere Situation in Russland, die Weltwirtschaftskrise, aber auch die zweifelhafte Faszination, die die Menschen der Idee des Kommunismus entgegenbrachten, waren für Hubertus Knabe, die wichtigsten Ursachen für den Beginn des kommunistischen Experiments. Er leitet die Gedenkstätte Hohenschönhausen, die an die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft in Deutschland erinnert. Zum ersten Mal setzte ein Land die Idee des Kommunismus in die Tat um und eine intellektuelle Klasse ergriff im vermeintlichen Interesse des Volkes die Macht im Staat: Eine Partei der Berufsrevolutionäre sollte die passende Vorhut für einen demokratischen Zentralismus darstellen, so Knabe. Besonders sei außerdem gewesen, dass es erstmals keine kommissarische Diktatur war, die regierte bis der Normalzustand wiederhergestellt war, sondern die Diktatur das Ziel an sich darstellte, ergänzte Baberowski. In der Gleichschaltung aller Menschen komme der Volkswille am besten zum Ausdruck, so die kommunistische Ideologie.

Es fehlt den Menschen an Wissen

Für die Regisseurin und Autorin Freya Klier lässt die heute wieder auflebende Begeisterung für diese Ideologie eine starke Geschichtsvergessenheit zu Tage treten: Jedes Mal, wenn eine Gruppe Personen zusammen an die Macht gekommen ist, sei es letztendlich zu einem Konflikt um die Macht in dieser Gruppe gekommen. Über die Folgen und Auswirkungen der Politik nach der Oktoberrevolution seien sich die Menschen heute nicht mehr bewusst, es fehle eine Menge Wissen, bemerkte Baberowski und äußerte sein Unverständnis über diejenigen, die sich für den sowjetischen Kommunismus begeisterten: Sie haben die Gräuel der Dreißigerjahre nicht erlebt und denken nostalgisch an die satten, friedlichen Breschnew-Jahre, die Zeit nach Stalins Tod. Mit dem Wissen von heute bewerten wir Dinge anders als es die Zeitgenossen damals taten, so Baberowski. Diesen Lernprozess zu vermitteln, das sei eine der Aufgaben der Historiker, was er mit einem eindeutigen Beispiel untermauerte: „Menschen, die 1933 die Nazis gewählt haben, wussten nicht, dass es Ausschwitz geben würde“, untermauerte er seine Darstellung.

Zur Aufarbeitung Einzelschicksale darstellen

Doch die Geschichte kann nicht nur durch Historiker und wissenschaftliche Literatur aufgearbeitet werden. Darin waren sich alle Podiumsteilnehmer einig. Während die Historiker Zahlen und Belege für die große Geschichte liefern können, gelingt es Filmemachern, Autoren aber auch Künstlern durch Einzelschicksale die konkreten Erlebnisse der Menschen während dieser Zeit darzustellen. Gerade in Russland habe keine Aufarbeitung stattgefunden, sagte Kulnev: „Der Staat ist zwar verschwunden, die Menschen aber sind geblieben.“ Deswegen wolle er durch Collagen zur Erinnerungskultur beitragen – und lud die Zuhörer ein, die Kombinationen verschiedener historischer Medien wie Zeitungsausschnitte, Bilder und Notentexte zu betrachten und auf sich wirken zu lassen.

Bis 31. März 2017 können sind die Collagen von Ivan Kulnev in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgestellt. Der Eintritt ist kostenfrei.

Autor

Simon Pfeffereder

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Berlin, 16. März 2017

Kontakt

Christian Schleicher

Abteilungsleiter Politische Bildungsforen und Regionalbüros Nord

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