Nationalhymnen als Kampf der Emotionen

„Ohne ihn wäre die Kulturpolitik in Berlin heute eine andere.“ Mit diesen Worten begrüßte Rita Schorpp, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung, Christoph Stölzl. Er sei eine „herausragende Persönlichkeit der Kulturpolitik der letzten Jahrzehnte“. Stölzl war u.a. Gründungs- und Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums, später Berliner Senator für Kultur und Wissenschaft und Vize-Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin. Seit 2010 ist er Präsident der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar.

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Prof. Dr. Christoph Stölzl

Nationalhymnen seien ein junges musikalisches Genre, sagte Stölzl. Als älteste Hymne der Welt gelte diejenige der Niederlande aus dem 16. Jahrhundert. Fast alle Hymnen seien zur selben Zeit entstanden. Vielen gemeinsam sei der zugrunde liegende „Kampfmythos“: Man müsse sich entweder gegen andere Nationen verteidigen oder gegen die Unterdrückung der eigenen Nation kämpfen. Nationalhymnen seien daher keine Schönwetterveranstaltungen, sondern ein Kampf der Emotionen. Zur Einführung zeigte Professor Stölzl eine Filmszene aus „Casablanca“ (1942), in der (meist jüdische) Flüchtlinge mit der „Marseillaise“, Frankreichs Nationalhymne, gegen die von Wehrmachtsoffizieren angestimmte "Wacht am Rhein" ansingen. Es folgte die niederländische Hymne „Het Wilhelmus“, gespielt von André Rieu und seinem Orchester und gesungen von Chor und großem Publikum. Bei beiden zeige sich die emotionale Dynamik beim gemeinsamen Singen der Hymne, erklärte Stölzl: Man singt, was zusammenhält und stellt so Gemeinschaft her.

Fallersleben und das Deutschlandlied

Professor Stölzl stellte auch die deutsche Nationalhymne vor. Dichter des Lieds der Deutschen war Hoffmann von Fallersleben. Seine Geschichte und seine am 26. August 1841 geschriebene Hymne erzählen viel über uns, so Stölzl. Hoffmann von Fallersleben sei antiautokratisch, ein Rebell, eine gescheiterte Existenz und bitterarm gewesen. Hätte es damals bereits Tantiemen gegeben, wäre er vermutlich reich geworden, denn zahlreiche bekannte(Kinder-)Lieder (z.B. Alle Vögel sind schon da, Der Kuckuck und der Esel, Ein Männlein steht im Walde) stammen aus seiner Feder. Auf Helgoland habe er Spottgedichte zur Melodie von Joseph Haydns österreichischer Kaiserhymne verfasst. Er verwendete diese Melodie auch für sein Deutschlandlied. Fallersleben habe die Kleinstaaterei Deutschlands als Unterdrückung empfunden und besingt im Liedtext die Grenzen des noch nicht geeinten Landes. Konkreter Anlass hierfür waren französische Gebietsansprüche auf das Rheinland.

Wie die dritte Strophe deutsche Nationalhymne wurde

Die deutsche Nationalhymne startete im 19. Jahrhundert als Studentenlied. In den 1920ern wurde sie zum Kampflied der rechten Freikorps. Um das Lied „nicht den Rechten zu überlassen“, machte Reichspräsident Friedrich Ebert es 1922 zur Hymne des Deutschen Reiches. Unter den Nationalsozialisten wurde ab 1933 nur noch die erste Strophe gesungen, immer gefolgt vom Horst-Wessel-Lied, der eigentlichen Hymne des NS-Regimes.

Nach der Gründung der Bundesrepublik 1949 gab es zunächst keine offizielle Hymne. Schon 1950 habe Konrad Adenauer bei einer Veranstaltung im Titania-Palast in Berlin die dritte Strophe des Deutschlandliedes angestimmt und damit eine Debatte ausgelöst. Durch ein Bulletin der Bundesregierung schließlich, das einen Briefwechsel zwischen Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss veröffentlichte, wurde das ganze Lied der Deutschen im Mai 1952 offiziell zur Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland. Gesungen werden sollte aber bei offiziellen Anlässen nur die dritte Strophe. Nach der Wiedervereinigung erklärten Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1991 die dritte Strophe des Deutschlandlieds zur offiziellen Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland.

Autor

Jana Biesterfeldt

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Berlin, 9. Mai 2017

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