"Ein Spiegel der nachkriegsdeutschen Mentalität"

Die Deutschen auf der schwierigen Suche nach ihrer Nationalhymne 1949-1952

Als nach dem zweiten Weltkrieg das Fehlen einer Hymne in der westdeutschen Besatzungszone immer offensichtlicher wurde und die DDR sich bereits 1949 eine Nationalhymne gab, gingen aus der Bevölkerung wäschekörbeweise Vorschläge und Forderungen ein. Erstmals hat Dr. Clemens Escher diese Schriftstücke kategorisiert und aufbereitet. Das Bildungsforum Berlin lud ein zum Gespräch ein, um mit den Historikern Prof. Dr. Wolfgang Benz und Dr. Clemens Escher über das neue Buch „Deutschland. Deutschland. Du mein Alles“ zu diskutieren.

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Dr. Clemens Escher (links) und Prof. Dr. Wolfgang Escher

Die beiden Historiker, Dr. Clemens Escher (links) und Prof. Dr. Wolfgang Benz, diskutierten über die Ursprünge der deutschen Nationalhymne.

„Die dritte Strophe des Deutschlandliedes von Hoffmann von Fallersleben, ist für mich die ideale deutsche Hymne, da sie das Wesen der Bundesrepublik widerspiegelt“, sagte Escher auf dem Podium in der Akademie in Berlin. Weder die etwa 2.000 Vorschläge aus der Bevölkerung, noch die Neudichtung im Auftrag von Altbundespräsident Theodor Heuss, hielten dem Vergleich mit der dritten Strophe stand.

„Flucht in ein Deutschland, das es nie gegeben hat“

Ohne Häme betrachtet Escher die Vorschläge im Kontext der damaligen Zeit. Für ihn stellen die Entwürfe einen Blick in die deutsche Seele der Nachkriegszeit dar. Escher erläuterte, dass die Bevölkerung das Elend der Kriegsjahre und die Erfahrungen durch Flucht und Vertreibung hinter sich lassen wollte. Viele Einsender besannen sich auf das 19. Jahrhundert zurück. Sie standen unter dem Einfluss der Romantik und hätten sich mit ihren Vorschlägen für die neue Nationalhymne in ein Deutschland geflüchtet, das es so nie gegeben habe.

„Theos Nachtmusik“

Heuss gab 1950 bei Rudolf Alexander Schröder eine Neudichtung in Auftrag. Auf Wunsch des Ehepaars Heuss, wies die erste Strophe einen starken Gottesbezug auf und verwies auf die Werte „Glaube – Hoffnung – Liebe“ aus dem ersten Korintherbrief. Die sakrale Anmutung des Liedes traf bei der Bevölkerung jedoch auf wenig Gegenliebe. „Es war eine der schwersten Niederlagen von Theodor Heuss, dass sich sein Entwurf nicht als Nationalhymne durchsetzen konnte“, sagte Escher.

„Mutter Germania“

Interessant ist laut Escher, wie sich das deutsche Frauenbild in der Nachkriegszeit veränderte. Der Wissenschaftler erläuterte, dass sich das Bild von der heroischen, kämpferischen Germania der NS-Zeit, zu dem einer beschützenden Mutter wandelte. Das die Zusendungen überhaupt aufbewahrt wurden, sei sehr ungewöhnlich, da das Material kaum als „archivwürdig“ bezeichnet werden könne, so Escher. Da die Hymnenfrage zum Zeitpunkt der Einsendungen noch nicht entschieden war, wurden alle Vorschläge der Bevölkerung behandelt als hätten sie „staatstragenden Charakter“ und somit aufbewahrt.

„Eine Hymne aus der Mitte des Volkes“

Escher setzte die Entstehungsgeschichte der Hymne der ehemaligen DDR und die der Bundesrepublik Deutschlands in Bezug zu den beiden damaligen Staatsformen. Escher machte deutlich, dass die Hymne der Bundesrepublik auf Wunsch des Volkes und gegen den erheblichen Widerstand des Bundespräsidenten eingesetzt worden sei. Die Hymne der ehemaligen DDR hingegen sei ohne Mitspracherecht des Volkes von Oben diktiert worden.

Schlussendlich wurde nach einer längeren Findungsphase Anfang der 1950er Jahre keine der zahlreichen Einsendungen zur neuen Nationalhymne erkoren. Mit der dritten Strophe besann sich 1952 die Bundesrepublik Deutschland auf Werte aus der Zeit der Befreiungskriege zurück: Einigkeit und Recht und Freiheit.

Ein Bericht von Fabian Schlüter

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erschienen

Berlin, 22. September 2017