Den Tod nicht aus dem Alltag verdrängen

12. Fachtagung der Palliativen Geriatrie in Berlin

Mit geschlossenen Augen steht Stepan Gantralyan auf der Bühne und singt auf Spanisch „Mit Dir in die Ferne“. Seine Hände untermalen die Bedeutung seiner Worte, während ihn Cristián Felipe Varas Schuda auf der akustischen Gitarre begleitet. Die lateinamerikanischen Chansons, Boleros und Balladen, die die beiden präsentieren, stehen sinnbildlich für einen lebendigen Umgang mit dem Lebensende.

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Die Musiker Stepan Gantralyan (links) und Cristián Felipe Varas Schuda

Die Musiker Stepan Gantralyan (links) und Cristián Felipe Varas Schuda

Auf der 12. Fachtagung zur Palliativen Geriatrie des Unionhilfswerks und der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin verdeutlichten über 200 Experten, Pflegende und Ehrenamtler aus Deutschland, Schweiz und Österreich, wie Patienten das „Lebens“-Ende so schmerzfrei wie möglich und mit Genuss erreichen können.

Vernetzung der Schnittstellen

Hospiz leitet sich vom lateinischen Begriff “Hospitium“ ab und bedeutet „Herberge“. Das Wort verdeutliche wunderbar die verschiedenen Orte, an denen Menschen umsorgt werden, so Staatssekretärin Barbara König. Sie ist seit Dezember 2016 verantwortlich für die Bereiche Gesundheit, Pflege und Gleichstellung im Berliner Senat. „In all diesen Räumen brauchen wir entsprechende Regeln“, forderte sie. Ihr ist es ein großes Anliegen, dass die Bereiche Palliativmedizin, Geriatrie und Sterbebegleitung nicht auseinanderdriften. „Die einzelnen Schnittstellen müssen besser miteinander vernetzt werden.“ Krankenhäuser sowie häusliche Pflegeeinrichtungen dürften nicht außen vorgelassen werden. Mit dieser Forderung schließt sie sich ihrem Amtsvorgänger Mario Czaja an, der vergangenes Jahr an der Fachtagung teilnahm. Die bereits erfolgreich etablierte 80plus-Initiative sowie die Hospizwoche seien Beispiele für gelungene Projekte. „Wir sind auf einem guten Weg, Rahmenbedingungen zu schaffen“, sagte die Staatssekretärin. Das Unionshilfswerk arbeitet intensiv an der Verzahnung der Schnittstellen zwischen Patient, Pflegenden, Angehörigen, Medizinern und einzelnen Einrichtungen. Insbesondere die Digitalisierung werde die Bereiche Pflege- und Hospizarbeit maßgeblich beeinflussen, führt Wolfgang Grasnick, Vorstandsmitglied des Unionhilfswerks, als gedanklichen Impuls an.

Alt möchte keiner werden

Bereits die Trauerarbeit findet auf verschiedenen digitalen Kanälen statt. Dabei beginnen viele Todesanzeigen mit der Formulierung: „Plötzlich und unerwartet verstarb unsere Oma im Alter von 90 Jahren.“ Für Dr. Hans-Jürgen Wilhelm ist dies ein klares Zeichen, dass viele den Tod aus ihrem Alltag ausklammern und überrascht feststellen, dass jemand in hohem Alter aus der Welt scheidet. „Der Tod ist eine Sache des Alters geworden und alt möchte keiner werden“, sagt der Geschäftsführer des „Elisabeth Alten- und Pflegeheims“ in Hamburg. Der Tod wird aus dem Alltag verdrängt. Es mangele an Ritualen, die in der Vergangenheit noch gepflegt wurden. Da erhielt der Christ am Aschermittwoch vom Pfarrer das Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet zur Erinnerung an die Vergänglichkeit. Oder ein Trauerzug zog durch die Straßen, um dem Verstorbenen das letzte Geleit zu geben. „Wir haben die Perspektive der Endlichkeit verloren und flüchten in die Zukunft“, erläutert Wilhelm. Er fordert die Gesellschaft auf, den Tod zu akzeptieren und eine innere Haltung des Loslassens zu entwickeln.

Palliative Care den Bedürfnissen anpassen

Wenn jeder die eigene Endlichkeit annimmt, kann dies Pflegenden im Umgang mit alternden Menschen und Schwerstkranken helfen. „Dabei zählt nicht die Herkunft oder der Glaube eines Patienten, sondern nur die Hilfe“, sagt Ethikmediziner Prof. Dr. Ralf J. Jox aus Lausanne. Physiotherapeut, Krankenschwester, Arzt oder Angehörige stehen in einem Beziehungsgeflecht aus Not und Hilfe, bei dem äußere Faktoren keine Rolle spielen sollten. Eine „Ethik der Bedürfnisse“ schaffe Solidarität und Frieden in der Gesellschaft, die sich Jox wünscht. Doch nicht selten werden diese Ziele zum Wohle des Patienten und die Ethik des Gesundheitswesens vernachlässigt, kritisierte Jox. Mangelnde Aufklärung der Patienten, Überbehandlung oder sogar Zwangsbehandlungen eines Sterbenden, weil keine Patientenverfügung vorliegt, sind die Schattenseiten des Gesundheitssystems. Jox plädiert für eine spezialisierte Palliative Care, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingeht. Um eine allumfassende, gesundheitliche Versorgung zu gewährleisten, brauche es die Kommunikation mit den Angehörigen und ausgebildetes, spezialisiertes Fachpersonal. In den vergangenen Jahren haben sich die Palliativ- und Geriatriemedizin weiterentwickelt. „Wir haben ein Umsetzungsproblem, kein Erkenntnisproblem“, brachte es Margit Hankewitz vom Altenselbsthilfe- und Begegnungszentrum „Käte-Tresenreuter-Haus Sozialwerk Berlin“ in Grunewald auf den Punkt.

Serie

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erschienen

Berlin, 12. Oktober 2017