Politische Systeme und Indigenes Regieren

Rechtspluralismus in Bolivien

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Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und das Wahlorgan des plurinationalen Staates Bolivien organisierten die Veranstaltung "Workshop zur Erstellung eines Forschungsprotokolls über politische Systeme und indigenes Regieren" mit der Beteiligung der indigenen Vorstände der Wahlgremien der neun bolivianischen Departements.

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Maria Eugenia Choque, Vorstand des Obersten Wahlgerichtshofes

Maria Eugenia Choque, Vorstand des Obersten Wahlorgans

La Paz, 5. und 6. Februar 2018

Die in der Verfassung Boliviens seit 2009 festgeschrieben "Plurinationalität" bedeutet in der Praxis eine große Herausforderung. In Bolivien stoßen verschiedene Arten des Lebens, verschiedene Wertvorstellungen, unterschiedliche Regierungs- und Justizsysteme der liberalen Demokratie und der Demokratie der indigenen Völker aufeinander. Obwohl es viele Gesetze über die Rechte der indigenen Bevölkerung gibt, kennen viele Menschen diese nicht und die Gesetze finden kaum Anwendung.

Der Rechtspluralismus wirft viele Fragen auf: Welches politische System gilt wo und wann? Sollte das Recht indigener Völker oder das staatliche Recht Vorrang haben? Wie ist die liberale Demokratie mit dem indigenen politischen System vereinbar? Wie schafft man es durch die Anwendung der indigenen Rechte und Pflichten sowohl eine gemeinschaftliche als auch interkulturelle Demokratie auszuüben?

Die Diskussion dieser Fragen und der Austausch von Erfahrungen über diese Themen war das Ziel des „Workshops zur Erstellung eines Forschungsprotokolls über politische Systeme und indigenes Regieren“, an dem die indigenen Vorstände der Wahlgremien der neun bolivianischen Departements teilgenommen haben. Das erarbeitete Protokoll soll auf regionaler und nationaler Ebene als Leitfaden für den Prozess der Annäherung an indigene Völker und Nationen dienen. Durch diese Arbeit sollen sowohl die Rechte und Pflichten der indigenen Bevölkerung angewandt und verwirklicht als auch genannte Völker mit ihrem Wissen und ihren Rechtsauffassungen besser verstanden werden.

Tag 1
Der erste Tag wurde mit Willkommensreden von María Eugenia Choque und Dr. Idelfonso Mamani, beide im Vorstand des Obersten Wahlorgans, und Dr. Georg Dufner, Leiter des Auslandsbüros der KAS Bolivien, eröffnet. Dr. Dufner betonte die Komplexität der Versöhnung von repräsentativer Demokratie westlicher und kommunitärer Demokratie in Bolivien.

Im Folgenden stellte sich jeder indigene Vorstand der neun Wahlgremien vor. Die meisten begrüßten die Anwesenden in ihrer indigenen Sprache, versicherten daraufhin in spanischer Sprache ihre Verbindlichkeit gegenüber dem Workshop und legten ihre Erwartungen von der Veranstaltung dar.

Experte Edwin Armata stellte anschließend Methoden zur Erforschung des Wissen, der Bräuche und Wertvorstellungen indigener Völker vor. In einer weiteren Präsentation wurde das Recht auf intellektuelles Eigentum am indigenen Wissen thematisiert. Der Referent verdeutlichte, dass es in Bolivien kein ausreichendes Bewusstsein über besagtes Recht gibt. Um diese Rechte zu schützen, gründete sich die globale Organisation des intellektuellen Eigentums (OMPI).

Am Ende des Tages teilten sich die Teilnehmenden nach drei geographischen Großregionen auf. In diesen Arbeitsgruppen sollten sie den präsentierten Forschungsleitfaden anwenden, um die wichtigsten Interessensgebiete ihrer Region herauszukristallisieren.

Tag 2
Zu Beginn des zweiten Tages wurden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen vorgestellt. Die erste Gruppe sah das zentrale Problem ihrer Region in den patriarchalen Strukturen in der Politik und entschied sich deshalb, vor allem an der Beseitigung dieser Strukturen und der Ermächtigung von Frauen zu arbeiten. Die Teilnehmer der zweiten Gruppe betrachteten es als wichtig, die Identität der Völker zu stärken, um vor allem der Migration von Jugendlichen vorzubeugen. Die dritte Gruppe betonte die Zurückgewinnung und Systematisierung der Wertvorstellungen und des überlieferten Wissens der Indigenen, ihrer politischen Systeme als auch die Stärkung ihrer Autonomien.

Am Vormittag präsentierte Carlos Alfred, Projektassistent der KAS, die Verfassung des bolivianischen Staates, durch die KAS übersetzt in die drei größten indigenen Sprachen Quechua, Aymara und Guaraní. Die Veröffentlichung wurde sehr positiv aufgenommen und die Vorstände der Wahlgremien dankten der Konrad-Adenauer-Stiftung für ihre wichtige Arbeit. In den nächsten Monaten soll die von der KAS übersetzte Version der Verfassung in den verschiedenen Departements einem breiten Publikum vorgestellt werden.

Des Weiteren wurde sowohl ein Zeitplan für die kommenden Forschungsarbeiten und die Agenda der Vorstände der Wahlgremien erstellt als auch die Perspektive der Finanzierung von indigenen Völkern vorgestellt. Abgeschlossen wurde die Veranstaltung mit einer Auswertung durch die Teilnehmenden, welche ihre Dankbarkeit über den Workshop bekundeten. Außerdem drückten sie ihre Hoffnung darüber aus, im nächsten Jahr die ersten Forschungsarbeiten über politische Systeme und indigenes Regieren präsentieren zu können.

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Bolivien, 10. Februar 2018

Kontakt

Dr. Georg Dufner

Leiter des Auslandsbüros in Bolivien und des Regionalprogramms PPI

Dr. Georg Dufner
Tel. +591 22 71 26 75
Sprachen: Deutsch,‎ English,‎ Español,‎ Français