"Europa erfahren" - Studienreise Bulgarien

Politik und Gesellschaft, Geschichte und Kultur/Religion, Land und Leute

In der Reihe "Europa erfahren" ging es dieses Jahr mit dem Politischen Bildungsforum Brandenburg der KAS auf Entdeckungstour nach Bulgarien.

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Alexander Newski Kathedrale Sofia

Die Alexander-Newski-Kathedrale in Sofia, größte Kirche auf der Balkanhalbinsel

Im Rahmen der Reihe „Europa erfahren“ des Politischen Bildungsforums Brandenburg der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) gab es in den vergangenen Jahren Studienreisen nach Polen und in die Ukraine (Galizien), in die Baltischen Staaten, durch Mittelosteuropa sowie nach Armenien und Rumänien (Siebenbürgen). In diesem Jahr stand vom 19. bis 26. Mai über Pfingsten Bulgarien auf dem Programm, das im ersten Halbjahr 2018 die Europäische Ratspräsidentschaft innehat. Bulgarien wurde 2007 gemeinsam mit Rumänien in die Europäische Union aufgenommen. Es gehört zu den wirtschaftlich schwächsten und ärmsten Ländern der Gemeinschaft und wurde neben der Orthodoxie kulturell auch durch rund 500 Jahre osmanische Fremdherrschaft geprägt. Wie wenig wir in Europa durchschnittlich voneinander wissen, was Geschichte und Kultur, Politik und Gesellschaft angeht, wird bei solchen Studienreisen immer wieder deutlich. Dem abzuhelfen, ist das Ziel der Reisen frei nach dem Ausspruch von Johann Wolfgang von Goethe: „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“.

Die achttägige Reise mit 37 Personen wurde in Kooperation mit dem Veranstalter „Ökumene Reisen“ unter der Leitung des Landesbeauftragten der KAS für Brandenburg, Stephan Raabe, durchgeführt. Als örtlicher Reiseleiter fungierte Dr. Vesselin Valkov, ein Kulturwissenschaftler und Ökonom mit reicher Erfahrung und stupendem Wissen. Der junge bulgarische Busfahrer Mario kutschierte die Gruppe in einem bequemen Mercedes-Reisebus ruhig und sicher durch das Land. Gut zwei Drittel der Teilnehmer kam aus Berlin und Brandenburg, ein Drittel aus anderen Bundesländern: Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg, die teilweise am Flughafen Frankfurt/Main dazukamen.

Die Reise führte zunächst per Flugzeit in die Hauptstadt Sofia. Dort führte am Pfingst-Sonntag vormittags im Hotel Ramada der Büroleiter der KAS in Sofia, Thorsten Geißler, ein ausführliches politisches Briefing zu Politik und Gesellschaft in Bulgarien sowie zu den deutsch-bulgarischen Beziehungen und der EU-Ratspräsidentschaft durch. Die Teilnehmer aus Berlin und Brandenburg hatten darüber hinaus bereits vor der Reise am Montag, dem 14. Mai, die Gelegenheit, mit dem bulgarischen Botschafter in Deutschland, Radi Naidenov, ins Gespräch zu kommen, der im Rahmen der KAS-Reihe „Die Welt zu Gast in Potsdam“ sein Land vorstellte.

Nach der Besichtigung der Hauptstadt Sofia mit 1,2 Millionen Einwohnern ging die Fahrt am Pfingst-Montag nach Süden über das Rila-Gebirge, das bis 2.925 Meter hinaufreicht, zum Rila-Kloster (120 km), das bereits im 10. Jahrhundert gegründet wurde und zum Weltkulturerbe gehört. Ein Pfingstvortrag des Seminarleiters informierte auf der Fahrt über das Große Schisma von 1054 zwischen den Ostkirchen und der Kirche im Westen, über die Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen Orthodoxie und Katholiken/Protestanten, wobei insbesondere die unterschiedliche Akzentsetzung im Verständnis des trinitarischen Gottesbegriffes, in der „trinitarischen Heilsökonomie“, erklärt wurde, die zu einer etwas stärkeren Bedeutung des Heiligen Geistes in den orthodoxen Kirchen führte. Dass die christliche Ökumene mit der Orthodoxie weiter reicht, als das in Deutschland im Fokus stehende Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten, wurde in Bulgarien deutlich. Mit jedem Kirchen- oder Klosterbesuch erschloss sich die uns im Westen fremde orthodoxe Welt mit ihren herrlichen Wandmalereien, Ikonen, Ikonostasen, ihrer Liturgie und ihrem Glauben etwas mehr. Vom Rila-Kloster ging es weiter nach Westen nach Plowdiw (235 km), der zweitgrößten Stadt Bulgariens und einer der ältesten Städte der Welt, die 2019 Kulturhauptstadt Europas sein wird und auf drei Hügeln erbaut wurde. Nach der Besichtigung der mittelalterlichen Altstadt und des Ethnographischen Museums führte ein Abstecher am Nachmittag des nächsten Tages in das Rhodopen-Gebirge (2.191 m) zum Kloster Batschkowo (35 km) aus dem 11. Jahrhundert mit einem bemerkenswerten, ausgemalten Refektorium.

Am fünften Tag war die alte Hauptstadt Weliko Tarnowo (350 km) mit ihrer alten Burganlage Ziel der Reise. Auf dem Weg ging es aber zunächst aus den Rhodopen-Gebirge heraus in die fruchtbare ostthrakische Ebene mit ihrem berühmten Rosenanbau (Damascena Rosen) zum einzigartigen thrakischen Grabmal in Kazanlak aus dem Ende des 4. Jahrhunderts vor Christi (Weltkulturerbe). Dann über den Schipka-Pass (1185 m) im Balkangebirge (2376 m), Ort von mehren Schlachten im Russisch-Osmanischen Krieg von 1877–1878, der schließlich zur Wiedergeburt Bulgariens als Staat führte. Weiter zum Freilichtmuseum „Etara“ und zum Nonnenkloster Sokolovo bei Gabrowo und schließlich nach Weliko Tarnowo, Hauptstadt des Zweiten Bulgarischen Reiches 1186 bis 1371.

Nach Besichtigung der Ruinen des Zarenpalastes aus dem 13./14. Jahrhundert am nächsten Tag, dem Festtag der Brüder und Slawenapostel Kyrill und Method, die die Kyrillische Schrift schufen, die in Osteuropa benutzt wird, führte die Reise zunächst zur Christi-Geburt-Kirche in Arbanassi (10 km), die wegen ihrer beeindruckenden Wandmalereien vom Ende des 16. Jahrhunderts auch die „Sixtinische Kapelle Bulgariens“ genannt wird. Weiter ging es zum Reiter von Madara (150 km) aus dem Ende des 8. Jahrhunderts zur Zeit des Ersten Bulgarischen Großreiches (679 – 971). Das Reiter-Relief war Teil einer Hauptkultstätte des Reiches und befindet sich an einer etwa 100 Meter hohen Klippe aus Sandstein in 23 Meter Höhe. Es gehört ebenfalls zum Weltkulturerbe. Schließlich ging die Fahrt nach Warna, der drittgrößten Stadt Bulgariens am Schwarzen Meer.

Neben den teils sehr ausführlichen Erläuterungen des bulgarischen Reiseleiters zum Land, den Orten, der Geschichte und Kultur, aber auch zur Gesellschaft und sozialen Lage etc. wurden vom Vertreter der KAS auf den Busfahrten drei Vorträge zu den sechs Zeitabschnitten der bulgarischen Geschichte gehalten: 1. Die Bulgarischen Reiche im frühen und hohen Mittelalter; 2. Die Herrschaft der Osmanen 1393 – 1879/1908; 3. Die nationale Wiedergeburt; 4. Die Zeit der Weltkriege; 5. Die Volksrepublik; 6. Die Demokratisierung und der Weg in die EU.

Vier weitere Referate gingen 1. auf die Orthodoxe Kirche(siehe oben) und 2. auf die politische Geographie, Demographie, Ethnien und die Medien ein und behandelten 3. das politische System, die aktuelle politische Entwicklung und die Parteien in Bulgarien sowie 4. die Bereiche Finanzen, Wirtschaft und Korruption. Dabei waren die teilweise angefügten Ergänzungen des bulgarischen Reiseleiters aus einer bulgarischen Perspektive jeweils interessant. Dass die Arbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Freundeskreis der Stiftung vorgestellt wurden, versteht sich. Daneben wurden von den beiden Reiseleitern Fragen der Teilnehmer aufgenommen und beantwortet. So wissen nun etwa alle, warum das „Schwarze Meer“ schwarzes Meer heißt usw.

Auch zum Problem der Flüchtlings- und Migrationspolitik gab die Reise einen interessanten Einblick. Hier spielt Bulgarien als Grenzland der EU zur Türkei eine wichtige Rolle. Bereits früh hatte Bulgarien ohne Aufsehen seine EU-Außengrenze mit Zaunanlagen gesichert. Angesichts eines Bevölkerungsverlustes nach 1990 von fast 20 Prozent, der weitgehend durch Auswanderung bedingt ist, der eigenen sozialen Probleme, der historischen Erfahrung der osmanisch-islamischen Herrschaft und der türkischen Minderheit im Land, ist die Bereitschaft zur Aufnahme islamischer Flüchtlinge sehr begrenzt. Andererseits ist das Land wegen seines sozialen und ökonomischen Standards auch für die Flüchtlinge und Migranten wenig attraktiv.

Am vorletzten Tag der Reise ging es in einem Tagesausflug zur mittelalterlichen Stadt Nessebar (100 km) mit ihren vielen Kirchen, die auf einer Halbinsel im Schwarzen Meer liegt. Die Besichtigung des Archäologischen Museums in Warna mit dem ältesten Goldschatz der Welt bildete am letzten Tag den Abschluss des erlebnisreichen Programms, in dem ein weiterer Teil Europas „erfahren“ wurde. Von Warna über Wien führte der Flug dann zurück nach Berlin bzw. Frankfurt. Nur eine oft gestellte Frage blieb bis auf weiteres offen: In welchen Teil Europas es denn nächstes Jahr gehe auf der Tour „Europa erfahren“.

Autor

Stephan Georg Raabe

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Potsdam, 6. Juni 2018

Bulgarien-Reiseroute

Die Reiseroute von West nach Ost: Sofia, Rila-Kloster, Plowdiw, Kazanlak, Weliko Tarnowo, Madara, Warna, Nessebar

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Landesbeauftragter für Brandenburg und Leiter des Politischen Bildungsforums Brandenburg

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