Wer braucht wen?

Deutschland setzt auf Brasilien und umgekehrt

„Brasilien ist einer der reizvollsten Investitionsstandorte, die wir derzeit global vorfinden können!“ – Davon schien Karl-Theodor zu Guttenberg auch vor seiner Reise nach Brasilien schon überzeugt zu sein.

Und so nahm sich der Wirtschaftsminister, auch in der heißen Phase des heimischen Wahlkampfes Zeit, um vom 30. August bis zum 1. September zu den 27. deutsch-brasilianischen Wirtschaftstagen nach Brasilien zu reisen, die vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) mitorganisiert wurden und diesmal unter dem Motto „Deutsch-Brasilianische Zusammenarbeit für mehr Wachstum und Beschäftigung“ standen. Auch der brasilianische Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva unterstrich mit seiner Teilnahme an diesem Forum die Bedeutung der Wirtschaftsbeziehungen beider Länder.

Zusammen mit über 700 geladenen Gästen aus Wirtschaft und Politik, darunter rund 170 deutsche Unternehmer und Wirtschaftsvertreter, versuchte zu Guttenberg im nördlich von Rio de Janeiro gelegenen Vitória, die deutsch-brasilianischen Handelsbeziehungen zu stärken und neue Kontakte zu knüpfen. Eines seiner Hauptanliegen war es, die deutschen Unternehmen zu ermutigen, sich dem stark wachsenden internationalen Wettbewerb am Investitionsstandort Brasilien zu stellen und nicht anderen Ländern das vielversprechende Feld in Brasilien zu überlassen.

Die bilateralen Handelsbeziehungen sind für beide Länder von großer Bedeutung. Vor allem der Austausch von Waren und Dienstleistungen wird für Deutschland immer interessanter. Schon jetzt ist Brasilien in Lateinamerika mit Abstand Deutschlands wichtigster Handelspartner – ausserhalb der EU der achtgrößte weltweit. In den letzten zehn Jahren hat sich das bilaterale Handelsvolumen von Brasilien und Deutschland, von 8,4 Milliarden Euro im Jahr 1998 auf knapp 18 Milliarden Euro im Jahr 2008, mehr als verdoppelt. Damit werden schon heute circa zehn Prozent des brasilianischen industriellen Bruttoinlandproduktes von den 1200 dort ansässigen deutschen Unternehmen erwirtschaftet.

Auch Deutschland steht in der brasilianischen Liste der wichtigsten Handelspartner ganz weit oben: Als Abnehmer brasilianischer Exporte nimmt es den fünften Platz ein, als Lieferant von Importen Platz vier. Beim Vergleich der Handelsdaten der Jahre 2007 und 2008 können darüber hinaus enorme Zuwächse ausgemacht werden: Die brasilianischen Exporte nach Deutschland stiegen in einem Jahr um 23 Prozent, auf 8,9 Milliarden Dollar, die Importe um knapp 39 Prozent, auf 12 Milliarden Dollar. Auf Grund dieser Entwicklungen kann der brasilianische Präsident Lula, trotz des durch die Wirtschaftskrise bedingten Rückgangs im Warenaustausch von circa 20 bis 25 Prozent im Jahr 2009, auf die Verdoppelung des Handelsvolumens „in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren“ hoffen.

2014 - Zu Gast bei Freunden?!

Die 2014 in Brasilien stattfindende Fußballweltmeisterschaft bietet viele Möglichkeiten, diesem Ziel des brasilianischen Staatspräsidenten näher zu kommen. Wirtschaftsminister zu Guttenberg betonte in Vitória die enormen Chancen deutscher Unternehmen, in Brasilien mit ihrem, während der WM in Deutschland 2006 erworbenem Wissen trumpfen zu können und Milliardenaufträge zu ergattern. Für den reibungslosen Ablauf der Spiele stehen, nach Angaben des BDI, insgesamt Investitionen in Höhe von circa 40 Milliarden US-Dollar an, vor allem in den Bereichen Infrastruktur und Sicherheit. Der deutsche Wirtschaftsminister betonte, dass sich Deutschland nach der gelungenen WM jetzt als wichtiger Partner anbiete, der Brasilien bei den Vorbereitungen mit technischem und organisatorischem Know-How unter die Arme greifen könne: „Da sind Themenkomplexe gegeben, wo wir mit besten Erfahrungen auftreten können und die wollen wir hier auch entsprechend flankieren“, betonte zu Guttenberg. Kooperation im Klimaschutz

Auch in Klimafragen wollen beide Länder enger zusammenarbeiten. Für die Ende des Jahres in Kopenhagen stattfindende UN-Klimaschutzkonferenz schlug Lula einen Schulterschluss beider Länder vor. Es sei wichtig, so der Präsident in seiner Rede bei den Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstagen, dass Deutschland und Brasilien, zusammen mit den USA und anderen Ländern, die in Klimafragen Verantwortung übernehmen können, bereits vor der Konferenz eine gemeinsame Position erarbeiteten, um auf diese Weise effiziente Verhandlungen zu gewährleisten. Er kündigte an, dies vor allem mit Deutschland diskutieren zu wollen. Ungenutztes Potential - Deutschland unter Zeitdruck

Es gibt noch viel Raum für deutsche Produkte in Brasilien, so z. B. im Bereich Erneuerbarer Energien, Umwelt-, Verkehrs- und Medizintechnik und umgekehrt für brasilianische Industrieprodukte in Deutschland. Eine Veränderung auf den Märkten der Agrarprodukte hängt dagegen weiter von einer Liberalisierung des Warenverkehrs zwischen dem Mercosur der EU und dem Gemeinsamen Südamerikanischen Markt ab. Seit vielen Jahren verhandelt die Europäische Union über ein Freihandelsabkommen mit dem Mercosur, doch passiert ist nicht viel. Doch gerade in Zeiten der Krise lohnt es sich wahrscheinlich, darüber wieder ins Gespräch zu kommen. Man muss allerdings auch im Auge behalten, dass die Intensivierung der brasilianischen Landwirtschaft zur Befriedigung des europäischen Marktes nicht nur Vorteile mit sich bringt. Eine Ausdehnung der Sojaplantagen und der Rinderzucht ohne eine vorherige Lösung beispielsweise der Frage der Eigentumsrechte im Amazonasgebiet hätte fatale Folgen für die Bestände des Regenwaldes und somit für die Umwelt und ihr Ökosystem.

Deutschland ist bei seinem Engagement in Brasilien auf ein verantwortungsbewusstes Vorgehen und die Einhaltung ökologischer Standards bedacht, denn mit der ökonomischen Kooperation sollte auch der Gedanke der Nachhaltigkeit einhergehen. Somit steht Deutschland steht vor einem schwierigen Problem: Auf der einen Seite existiert der Wille zu einer nachhaltigen Politik und auf der anderen Seite spürt Deutschland den Handlungsdruck, denn die zunehmende Konkurrenz im Kampf um Aufträge und Investitionschancen schläft nicht. Besonders China könnte Deutschland in Zukunft wichtige Aufträge streitig machen: Der chinesisch-brasilianische Handel ist seit 2003 jedes Jahr durchschnittlich um 40 Prozent gestiegen. Der Anteil Chinas an den Importen Brasiliens ist mit 12 Prozent fast doppelt so hoch wie der deutsche Anteil. Für Brasilien ist China hinter den USA schon der zweitwichtigste Handelspartner und mit diesem rasanten Tempo verdrängt China Deutschland und die EU von vielen Märkten in Lateinamerika.

Doch Deutschland wird hoffentlich nachziehen und der Besuch des deutschen Wirtschaftsministers in der Schlussphase des Wahlkampfs macht deutlich, dass die Bundesregierung unter Angela Merkel den „Weckruf“ zu einem verstärkten wirtschaftlichen Engagement in Brasilien und Lateinamerika gehört hat und willens ist zu handeln. Präsident Lula sprach in seiner Rede davon – wohl davon ausgehend, dass Kanzlerin Angela Merkel weiterregiert - dass er im Dezember zu seiner „Amiga Angela“ (Freundin Angela) reisen werde und dann werden neben dem Klima- und Umweltschutz auch weitere Fragen der wirtschaftlichen Zusamenarbeit vertieft.

Autoren

Anja Czymmeck, Kristin Müller, Stephanie Adam

Serie

Länderberichte

erschienen

Sankt Augustin, 11. September 2009