Die vielen Krisen Brasiliens

Dr. Jan Woischnik im Interview mit WDR 5 über Brasiliens gegenwärtige Probleme

Brasilien ist in eine schwere Rezession und Staatskrise geschlittert, Präsidentin Dilma Rousseff in eine Korruptionsaffäre verwickelt. Die Lage ist momentan sehr angespannt, berichtet Dr. Jan Woischnik, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Brasilien, auf WDR 5. Im Interview erläutert er die Gründe für die schlechte wirtschaftliche Situation und sagt, wie deutsche Unternehmen in Brasilien darauf reagieren.

Im Grunde erschütterten momentan gleich vier Krisen Brasilien und würden für eine „aufgekratzte und polarisierte“ Situation sorgen, berichtet Dr. Jan Woischnik: Die politische und die wirtschaftliche Krise bedingten sich einander und verstärkten sich. Hinzu komme eine Verfassungskrise: „Die Verfassungsorgane bekämpfen sich gegenseitig“, so Woischnik. Und zu allem Überfluss leide Brasilien noch unter einer medialen Glaubwürdigkeitskrise.

Noch vor wenigen Jahren hätten die Menschen dank hoher Rohstoffpreise und starker Nachfrage aus China den wirtschaftlichen Aufstieg gefeiert. Große Umverteilungsprogramme holten viele Arme in die Mittelschicht. Doch Brasilien verpasste es, wichtige Strukturreformen durchzuführen und die Industrie vielfältiger zu gestalten. Jetzt gebe es zu wenig eigene Wertschöpfung und die Wirtschaftsleistung sinke rapide, sagt Woischnik. Die Gründe für die Wirtschaftskrise seien auch Brasiliens Protektionismus, die schlecht ausgebaute Infrastruktur, der schwache Bildungssektor und eine „ausufernde, zermürbende Bürokratie, wie ich sie in kaum einem Land je erlebt habe“, so Woischnik.

Deutsche Unternehmen, die in Brasilien aktiv sind, agieren unterschiedlich. Kleine und mittelständische Firmen hätten eher einen kurzen Atem und hielten sich jetzt mit Investition zurück. Die großen Konzerne hingegen bauen darauf, dass sich die wirtschaftliche Lage in wenigen Jahren wieder stabilisieren werde, sagt Woischnik. Wie sehr deutsche Unternehmen betroffen sind, zeigt ein Blick auf São Paulo. Allein hier wirtschaften 900 deutsch-brasilianische Unternehmen: „São Paulo ist damit einer der wichtigsten deutschen Wirtschaftsstandorte weltweit.“

Das gesamte WDR 5-Interview vom 1. April 2016 können Sie hier hören. Bitte beachten Sie, dass Inhalte der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten nur zeitlich begrenzt abrufbar sind.

erschienen

Berlin, 4. April 2016

Über eine Million Menschen demonstrierten Mitte März in São Paulo gegen Korruption und Straflosigkeit. Sie forderten den Rücktritt von Präsidentin Rousseff | Foto: Radio Interativa / Flickr / CC BY-NC 2.0

Über eine Million Menschen demonstrierten Mitte März in São Paulo gegen Korruption und Straflosigkeit. Sie forderten den Rücktritt von Präsidentin Rousseff. | Foto: Radio Interativa / Flickr / CC BY-NC 2.0