Heimat in die Zukunft denken

Visionen zu Heimat und Identität am Tag der Konrad-Adenauer-Stiftung

Der Tag der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema “Heimat und Identität in Europa” zeigte, Heimat ist kein rückwärtsgewandter Begriff, sondern Aufgabe für die Zukunft, Verpflichtung in der Gegenwart: “Werte sollten besser hochgehalten werden, im persönlichen Gespräch, nicht nur auf politischer Ebene”, so Birgül Akpinar.

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Tag der KAS | Stuttgart | 08.06.2016

Stefan Hofmann, Leiter des Landesbüros Baden-Würrttemberg, begrüßt die Gäste.

Poetry Slam aus dem Adenauer-Lab

So begann provokant und modern der Tag der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema “Heimat und Identität in Europa”. Dr Stefan Hofmann, Leiter des politischen Bildungsforums Baden-Württemberg der KAS, begrüßte ein gut gemischts Publikum aus Jung und Alt im Hospitalhof in Stuttgart. Bereits am frühen Nachmittag startete das Programm mit einer Live- und Konferenzschaltung zwischen Stuttgart, der Hauptstadt und Straßburg. - Heimat ist Gemeinschaft, Toleranz, Widersprüchlichkeit, diese Heimat-Interpretationen der Slammer Bas Böttcher und Dalibor Markovic fanden sich auch in den Wortbeiträgen der Diskutanten an den drei Orten wieder. Vor Ort in Stuttgart: Birgül Akpinar, Mitglied des Landesvorstandes der CDU Baden-Württemberg und Dr. Michael Blume, Leiter des Referats Kirchen und Religion, Integration und Werte im Staatsministerium Stuttgart, aus Straßburg live zugeschaltet, Rainer Wieland, MdEP und Vizepräsident des Europäischen Parlaments und live aus Berlin: Professor Barbara John, Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtverbandes Berlin und langjährige Ausländerbeauftragte des Berliner Senats a.D., Thomas Kielinger, langjähriger Korrespondent der WELT in London sowie Gergely Pröhle, stellvertretender Staatssekretär für Internationale und EU-Angelegenheiten im Ministerium für Gesellschaftliche Ressourcen Ungarns und ehemaliger ungarischer Botschafter in Deutschland. Die Frage, wie ein “gesundes nationales Wir-Gefühl” entstehen könne, beantwortet Birgül Akpinar mit dem Wissen um die eigene Kultur und Identität. Dazu gehöre auch die Rechtsstaatlichkeit und das Grundgesetz mit Religions- und Meinungsfreiheit. Dabei warnt sie ausdrücklich vor einem “unkontrollierten Zuviel an Toleranz”. Wichtig sei vielmehr eine konsequente Wertevermittlung. Allerdings dürfe die nicht nur auf der politischen Ebene erfolgen, sondern hier sei das persönliche Gespräch gefragt. Die erweiterte Frage nach einer “europäischen Identität” sah Rainer Wieland aus dem straßburger Büro kritisch. Er bemängelte den fehlenden gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa und forderte mehr Solidarität ein. Wichtig sei aber, dass man weiter Schritt für Schritt vorangehe und Verständnis für den jeweils anderen zeige. Jeder Mitgliedstaat habe seine eigene Tradition und Situation. Nationale Identität und Europäische seien aber kein Widerspruch, sondern ließen sich gegenseitig zu.

"Heimat in die Zukunft denken"

Im anschließenden Workshop zum Thema Heimat, Religion, Kultur und Identität begaben sich die Teilnehmer auf die Suche nach ihrem höchstpersönlichen Heimat- und Identitätsgefühl. Das reichte vom sinnlichen Empfinden unterschiedlicher Gerüche und “guter Luft” bis hin zum Mercedes-Stern als Symbol für Auto und Innovation, der eine ganze Region prägt und ihr seine Identität verleiht. Kreativ wurde es für die Teilnehmer als es darum ging, in Gruppen ein “Storyboard” zu einem “Filmdreh” zu schreiben, Thema: “Heimat 2026/2056 – eine Erfolgsdokumentation oder wie haben wir erfolgreich Heimat gebildet”. Dabei wurde klar: angesichts der aktuellen Herausforderung durch den Zuzug von Flüchtlingen mit anderen kulturellen Prägungen und unterschiedlichen Religionen bedarf es vor allem zweier Komponenten, nämlich Zeit und Kompromissfähigkeit. Nur dann kann es gelingen, uns allen ein neues Heimatgefühl zu geben. Komplett neu aber war der Gedanke, Heimat nicht in die Vergangenheit zu denken und zu den eigenen Wurzeln zurückzukehren, sondern HEIMAT gestalterisch in die ZUKUNFT zu denken.

Heimat – ein Begriff in ständigem Wandel

Zur Podiumsdiskussion am Abend begrüßte Dr. Stefan Hofmann rund 200 Gäste, unter ihnen zahlreiche Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. In seiner Einführungsrede zur Thematik “Heimat, Religion, Kultur und Identität in Zeiten der Globalisierung” verwies Stefan Hofmann darauf, dass Heimat zu keiner Zeit als starres Konzept funktioniert habe. Solange es Menschen gebe, solange gebe es Konflikte, Krisen und Kriege, die uns dazu zwängen, uns und unsere Vorstellung von Heimat immer wieder neu zu überdenken und anzupassen. Gesellschaftliche Veränderungen verliefen aber oft auch unterschwellig, würden spät wahrgenommen oder bewusst verdrängt, bis sich Verunsicherung, Sorgen und Ängste Bahn brechen und einen Nährboden bilden könnten für vermeintlich einfache Lösungsangebote . Hier setze die Aufgabe der politischen Bildung ein. Sie habe den Auftrag, wichtige Themen aufzugreifen, differenziert aufzubereiten und Begegnungs- und Diskussionsforen gleichermaßen für diejenigen zu schaffen, die Bedenken und Ängste haben wie auch für diejenigen, die handeln und in vielfältiger Weise für andere da sind.

Zur eigenen Identität gehört auch Abgrenzung

Frau Gudrun Heute-Blum, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städtetages Baden-Württemberg und Oberbürgermeisterin von Lörrach a.D. näherte sich in ihrer Rede dem Thema von unterschiedlichen Seiten. So habe sie Menschen in ihrem Umfeld gefragt, was Heimat für sie bedeute, wo Heimat liege. Keiner von ihnen habe mit einem einfachen “Hier” antworten können. Heimat lasse sich nicht so einfach festlegen, sei vielfältig und habe mit Vertrauen als Grundlage für die eigene Identität zu tun. Dafür sei auch Abgrenzung wichtig solange daraus nicht Ausgrenzung werde.

Vom Grundgesetz, Nutella mit Brötchen und dem Paradies auf Erden

Mit einem süßen Geschenk an Dr. Stefan Hofmann, an diesem Abend nicht nur Gastgeber, sondern auch Moderator der Podiumsdiskussion, beantwortet Birgül Akpinar, Mitglied des CDU Landesvorstandes der CDU Baden-Württemberg und Alevitin, charmant die Frage nach ihrem Heimatgefühl. Doch der Heimatbegriff ist für sie nicht nur sinnliches Element oder ihre Familie, sondern hat genauso mit Gesetzestreue und der Beachtung des Grundgesetzes zu tun. Hier habe sie ihre Ausbildung bei der Bundeswehr maßgeblich geprägt. Gerade das Recht auf freie Meinungsäußerung habe für sie einen hohen Stellenwert und sei in vielen anderen Ländern nicht selbstverständlich. – “Glaube, Frieden und bunte Vielfalt”, so fasste Werner Laub, stellvertretender Stadtdekan der katholischen Kirche Stuttgart, sein Heimatgefühl zusammen. Neben Familie, Sprache und Dialekt gebe ihm als katholischem Pfarrer vor allem der Glaube Heimat. “Wüste, spirituelle Erfahrung und Grün als Paradies auf Erden”, mit dieser Schilderung definierte Dr. Abdelmalek Hibaoul, Imam und Akademischer Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen, seinen Heimatbegriff. Aufgewachsen in Marokko, habe er dort die ersten 34 Lebensjahre verbracht und die Wüste mit den damit verbundenen spirituellen Erfahrungen bedeute ihm Heimat für diesen Lebensabschnitt. Deutschland aber sei ihm eine zweite Heimat geworden. Das üppige Grün der Natur sei für ihn das Paradies auf Erden und Heimat zugleich. Aber auch die Chance, eine beruflichen Karriere zu entwickeln, die ihm in Deutschland zuteil geworden sei, beinhalte für ihn Heimat. - “Dazugehören ist Heimat” so schlussendlich Michael Blume. Als Kind habe er oft Ausgrenzung erfahren, deshalb sei “dazugehören” wesentlich für seinen Heimatbegriff.

“Vom Machtkampf der Generationen”

Die Frage nach einer Formel für die erfolgreiche Integration von Muslimen in Deutschland beantwortete Abdelmalek Hibaoul mit “Bildung, Bildung, Bildung”. Auch gelte es, den Islam so weiterzuentwickeln und den Koran so zu interpretieren, dass er in den Kontext der deutschen Kultur- und Wertegemeinschaft mit Religionsfreiheit und Gleichberechtigung passe. Dazu sei erforderlich, Zentren für islamische Theologie zu schaffen. Im übrigen reagiere die muslimische Jugend zunehmend “genervt” auf den Begriff Integration, sie fühle sich bereits angekommen in Deutschland. Diese Haltung spiegele sich im übrigen auch wider, wenn es um die Frage nach der Öffnung der Moscheen für Begegnungen zwischen Christen und Muslimen gehe. Hier gebe es einen Machtkampf zwischen alter und neuer Generation. Neben dem strukturellen Problem der rein ehrenamtlichen Tätigkeit der Imame, sei es die ältere Generation, die noch für Abschottung stünde während die Jüngeren keine Berührungsängste mehr hätten.

“Menschen zu Menschen bringen”

“Was kann auf kommunaler Ebene für eine gelingende Integration geleistet werden?”, richtete Stefan Hofmann die Frage an Frau Heute-Blum. Widerstände gegenüber Neuem und Fremdem seien oft da am größten, wo es keine zwischenmenschlichen Begegnungen gebe und paradoxerweise dort, wo der Ausländeranteil gering sei. Abhilfe könne nur über direkte Begegnungen geschaffen werden. “Menschen zu Menschen bringen”, das sei der Schlüssel.


Text: Stefanie Behrens
Fotos: Jonathan Kamzelak

Autor

Dr. Stefan Hofmann

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Stuttgart, 12. Juni 2016

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Dr. Stefan Hofmann

Landesbeauftragter für Baden-Württemberg und Leiter des Politischen Bildungsforums Baden-Württemberg

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