Umdenken ist auch eine Innovation

Drittes Chinesisch-Deutsches Forum an der Tongji Universität Shanghai

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Zusammen mit dem Deutschland-Forschungszentrum der Tongji-Universität und dem Center for Global Studies (CGS) an der Universität Bonn, lud die Konrad-Adenauer-Stiftung Shanghai am 14. November 2015 zum dritten Chinesisch-Deutschen Forum ein.

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Gruppenfoto

Gruppenfoto mit den Teilnehmern der Konferenz

Umdenken ist auch eine Innovation

Mindestens in diesem Punkt waren sich alle Teilnehmer des dritten CD-Forums einig: Die digitale Welt verschmilzt mit der menschlichen Welt. Mehr als 20 Wissenschaftler und Experten aus Deutschland und China haben sich am 14. November 2015 über Chancen, Risiken und Zusammenhänge von wissenschaftlich-technisch oder sozial geprägten Innovationen in Deutschland und China ausgetauscht. Das Ergebnis: Die Welt ist durch die digitale und gesellschaftliche Transformation kräftig in Bewegung gekommen.
Zu der Konferenz "Innovation in Deutschland und China vor dem Hintergrund der Digitalisierung: Erfahrungen und Kooperationen" hatte das Deutschlandforschungszentrum der Tongji-Universität, das Center for Global Studies der Universität Bonn, die Shanghai Overseas Returned Scholars Association sowie das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung namhafte Wissenschaftler aus China und Europa in die chinesische Wirtschafts-, Finanz- und Hafenmetropole Shanghai eingeladen.

Einig waren sich die Forscher und Experten zu Beginn der Konferenz vor allem über eines: Der Begriff Innovation unterliegt in Deutschland und in China einer jeweils eigenen Interpretation. So wies Prof. Peter Sachsenmeier darauf hin, dass Deutschland weltweit als eine innovative und technologieorientierte Exportnation gesehen wird. "In Deutschland müssen wir Innovieren, um den Wohlstand zu sichern", sagte Sachsenmeier. In China dagegen sei Innovation vor allem eine Frage der Entwicklung. "Es ist Zeit für das chinesische Zeitalter der Innovation. China braucht dringend eigene wissenschaftsbasierte Innovationen und Ingenieurleistungen." Dabei könnten vor allem Universitäten helfen, wenn sie ihre eigene Innovationsbereitschaft erhöhen würden.

Die Voraussetzungen dafür macht Prof. DU Debin von der East China Normal University vor allem in Shanghai aus, wo die Ressourcen Arbeitskräfte, Hochschulstandort und Innovationsdienstleistungen bereits vorhanden wären und auch Kern der Stadtentwicklungsstrategie Shanghais seien.

Daran anknüpfend führte Dr. Schüler-Zhou vom GIGA Institut für Asienstudien aus Hamburg aus, dass es - trotz des "Deutsch-Chinesischen Jahres der Innovationskooperationen 2015" - sehr differenzierte Unterschiede in Deutschland und China gäbe. In Deutschland sei der Begriff "Industrie 4.0" zunächst vor allem als ein Marketingbegriff der Bundesregierung eingeführt worden. Mittlerweile habe sich in der gesamten Industrie- und Wirtschaft hinter diesem Begriff jedoch eine komplexe Agenda entwickelt. "Industrie 4.0 ist die Verbindung der digitalen Welt mit konventionellen Prozessen und Diensten der produzierenden Wirtschaft, die jedoch weit über den blossen Prozess hinausgeht." Allein Big Data und Analytik ermöglichten ganz neue Geschäftsmodelle und hätten das Potenzial, bestehende Kundenbeziehungen komplett zu verändern. Einen positiven Einfluss auf die Entwicklung einer Industrie 4.0 hätten die deutsche Industrie durch ihre Infrastruktur, eine aktive Innovationsökologie sowie sehr starke und leistungsfähige Forschungs- und Innovationszentren.

Einen pessimistischeren Ausblick auf China gab Prof. CHEN Xinvon der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften. Während aus seiner Perspektive Deutschland das Potenzial der Industrie 4.0 erkannt habe und viel Wert auf die thematische Entwicklung und auf die Rolle von Software und der Wert von Fort- und Ausbildung lege, müsse China noch nachholen. "China muss noch die Entwicklungsschritte Industrie 2.0 und danach 3.0 nachholen. Irgendwann sind wir dann mit der Industrie 4.0 dran." Trotzdem sei der Wandel der Industriebranche seit dem Beitritt Chinas zur WTO ein gigantisches und ständiges Thema. "Made in China 2025" sei vor allem ein Thema für den Diensleistungs- und e-commerce-Sektor, der seit 2004 enorme Entwicklungen zu verzeichnen habe. Für die produzierende Industrie leitete Chen drei konkrete Kooperationsfelder für Innovation ab: Systeme, Standards und Sicherheit bei der intelligenten Fertigung.

Für Kai Schweppe vom Arbeitgeberverband Südwestmetall ist klar: "Industrie 4.0 bringt vor allem eine massive Veränderung der Organisation von Arbeit mit sich." Neben der technischen Komponente der Mensch-Maschine Kollaboration komme es vor allem zu organisationalen Veränderungen, wie Personaleinsatzplanungen oder einem ortsunabhängigen Arbeitsplatz. Außerdem berge "Industrie 4.0" die Chance personelle Aspekte der Mitarbeiter positiv zu verändern. Als Beispiel dafür sehe er physische und kognitive Entlastung der Mitarbeiter oder eine lernförderliche Arbeitsgestaltung.

"Jeder mag den Begriff Soziale Innovation, niemand weiß, was damit gemeint ist." - Prof. Susan Müller vom Schweizerischen Institut für Klein- und Mittelunternehmen der Universität St. Gallen steigt provokant ein. Für die Ökonomin ist klar: Soziale Innovationen haben die Chance, positiv zu sozialen Herausforderungen beizutragen. Dazu müsse aber vor allem ein Paradigmenwechsel auf gedanklicher Ebene stattfinden. "Soziale Innovation wird häufig erwähnt, aber letztlich denken wir fast ausschließlich an technische Innovation", sagt Müller. Dabei führte sie vor allem zwei zentrale Mechanismen von sozialen Innovationen an. Auf der einen Seite würden sie Gruppen mit Wissen ausstatten und befähigen, auf der anderen Seite könnten durch die Integration von Partnern völlig neue Akteurskonstellationen entstehen.

Einen thematischen Bruch wagte Prof. Maximilian Mayer von der Shanghaier Tongji-Universität. Der studierte Politikwissenschaftler stellte in seinen Ausführungen vor allem auf die Bedeutung von Mega-Metropolen in Innovationsprozessen ab. Dabei diskutierte er vor allem die zentrale Fragestellung, wie Mega-Metropolen auf Innovationsprozesse einwirken. Für Mayer steht fest: "Urbanisierung und Bevölkerungswachstum bilden den zentralen Inkubationsraum für Innovation." Damit seien aber nicht nur technische Innovationen, sondern auch sozio-technische Prozesse gemeint, die weit über die klassische Erfindung hinausgehe. So griff er auf das Konzept der Smart-City zurück, welches nicht bloß eine einfache Weiterentwicklung der Stadt zum Ziel hätte, sondern die Mega-Metropole eine hypbride Zone bilde, in der digitale Infrastruktur zur bestehenden physischen Innovationen hinzuaddiert werden könne.

Bevor das Netzwerk aus Forschern und Experten zu einzelnen Kommentierungen und Erörterungen überging, stellte Verena Rieger vom KIT Karlsruhe Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Innovationskultur vor. Dabei konzentrierte sich die junge Wissenschaftlerin vor allem auf den Wertebegriff. "Werte kann man kaum ändern, weil sie fest verankert sind." Man könne aber Prozesse ändern und Anreize setzen. Für die studierte Kultur- und Wirtschaftswissenschaftlerin können drei zentrale Werte grundsätzlich zu einer Innovationsbereitschaft bei Mitarbeitern von Unternehmen führen. Erstens eine "Bereitschaft zum Kannibalismus" - dabei müsse das Unternehmen die Bereitschaft zeigen, erfolgreiche Produkte durch noch erfolgreiche Innovationen ablösen zu lassen. Zweitens müsse die Risikotoleranz steigen und die Misserfolge somit toleriert werden. Und Drittens führe auch eine Zukunftsorientierung der Unternehmen zu einer Innovationsbereitschaft bei den Mitarbeitern.

Die zweitägige Konferenz konnte Impulse und Handlungsempfehlungen für den weiteren deutsch-chinesischen Austausch im Bereich Innovationen verzeichnen. Dabei wurde deutlich, dass die Thematik neben der rein technologischen Ebene auch konkrete gesellschaftlich-soziale Fragestellungen mitaufnimmt,in der der Austausch von Wissen und praktischen Erfahrungen Mehrwert auf beiden Seiten erzeugen kann.

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

China, 23. November 2015

Kontakt

Tim Wenniges

Leiter des Auslandsbüros in China | Shanghai

Tim Wenniges
Tel. +86 21 6249 8511
Fax +86 21 6249 4549
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