Soziale Marktwirtschaft

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Das Modell der sozialen Marktwirtschaft wurde in Deutschland Ende der 40er Jahre eingeführt. Im Verlauf hat dieser Schritt dazu geführt, dass die Bundesrepublik auf globaler Ebene zu einer der stärksten Wirtschaftsmächte heranwachsen konnte. Für Entwicklungs- und Schwellenländer bedeutet die soziale Marktwirtschaft eine Alternative zu anderen Wirtschaftsmodellen, wie sie beispielsweise von den USA, Japan, Irland, Taiwan oder Singapur unterhalten werden.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts zog Deutschland mehrfach und aus unterschiedlichen Gründen das internationale Interesse auf sich. In beiden Weltkriegen spielte das Land eine wesentliche Rolle; weite Teile Deutschlands wurden zerstört. Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs wurde das Land zwischen den Weltmächten und folglich zwischen den herrschenden politischen Ideologien aufgeteilt. Trotz der kriegsbedingten Rückschläge in der nationalen Entwicklung wies die Bundesrepublik in der Folge ein exponentielles Wirtschaftswachstum auf, das sie auf die Liste der reichsten Staaten der Welt beförderte. Das heutige Deutschland gehört zu den stärksten Wirtschaften in Europa, was insbesondere auch auf die Einführung der sozialen Marktwirtschaft zurückzuführen ist. So ist das nationale Wirtschaftsmodell bis heute als Grundlage der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands anerkannt.

Kurze historische Eingliederung

Ende der 30er Jahre verfassen Walter Eucken, Alfred Müller-Amack, Franz Böhm, Hans Großmann-Doerth und Ludwig Erhard eine Publikationsreihe mit dem Titel Ordnung der Wirtschaft. Die Publikationen öffnen die Tür für die Gründung der „Freiburger Schule der Sozialökonomie“. Die Wissenschaftler diskutieren die Regeln der Wirtschaft auf der Grundlage der individuellen Freiheit und gehören damit gleichzeitig einer intellektuellen Opposition zum nationalsozialistischen Regime der Zeit an. Nach Beendigung des Krieges bekleiden einige von ihnen Ämter in der neuen Regierung. Als bekanntester von ihnen trägt Ludwig Erhard noch vor seiner Zeit als Wirtschaftsminister zur Durchsetzung zahlreicher Wirtschaftsreformen bei. Diese Reformen ermöglichen die Stabilisierung der nationalen Währung bis zum Jahre 1948, was den Beginn der sozialen Marktwirtschaft kannzeichnet.

Im Jahre 1949 wird eine neue Verfassung verabschiedet. Aus den Wahlen, die in der Folge abgehalten werden, geht Konrad Adenauer als erster Bundeskanzler hervor. Ludwig Erhard wird Wirtschaftsminister. Die SPD bildet zu dieser Zeit eine starke Opposition, die die Planwirtschaft und die Kontrolle des Produktionsapparates propagiert. Trotz einiger Kritiker, jedoch mit der Rückendeckung Adenauers hält Erhard am Modell der sozialen Marktwirtschaft fest. Im folgenden Jahrzehnt ermöglicht die Adenauer-Regierung so ein konsequentes Wachstum der deutschen Wirtschaft. in diesem Zusammenhang wird eine Vollbeschäftigung der Gesellschaft sowie die Konsolidierung der Qualitätsmarke „Made in Germany“ erreicht.

Grundsätze der sozialen Marktwirtschaft

Die Grundlage der sozialen Marktwirtschaft bilden die individuelle Freiheit und die soziale Gerechtigkeit, die das gesellschaftliche Wohlbefinden garantieren sollen. Eine wesentliche Eigenschaft des Wirtschaftsmodells ist zudem die Anpassungsfähigkeit an äußere Veränderungen. Durch diese Flexibilität erneuert sich das Modell entsprechend der wirtschaftlichen und sozialen Umstände.

Trotz aller Flexibilität gibt es grundlegende Prinzipien, in dessen Rahmen die wirtschaftlichen Aktivitäten stattfinden:

  • Optimale Gestaltung der Preissysteme des Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalmarkt
  • Stabile Währung durch eine effiziente Währungspolitik
  • Freie Marktzugänglichkeit
  • Privatisierung der Produktion
  • Volle Verantwortung auf Seiten der Unternehmen
  • Vertragsfreiheit
  • Eine beständige Wirtschaftspolitik mithilfe regulativer Maßnahmen wie der angemessenen Kontrolle von Monopolen und dem Ausgleich Markt-bedingter Einkommen.

Die genannten Grundsätze des nationalen Wirtschaftssystems stärken die privaten Unternehmen im Sinne der persönlichen Freiheit des Menschen und fördern gleichzeitig die weniger begünstigten Wirtschaftssektoren. So wird ein allgemeiner sozialer Wohlstand erreicht.

Ordnungspolitik

Ein Konzept, das mit der sozialen Marktwirtschaft einher geht, ist das der Ordnungspolitik. Die Ordnungspolitik bildet die Querachse zur Wirtschaftspolitik und garantiert den Wettbewerb und die individuelle Freiheit innerhalb der sozialen Marktwirtschaft.

Die Ordnungspolitik zielt darauf ab, in der nationalen Wirtschaft eine klare Grenze zwischen dem Staatlichen und Privaten zu ziehen. Dabei bestimmt der Staat die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und greift lediglich in das Geschehen ein, wenn ein Markt nicht angemessen funktioniert. Das Eingreifen drückt sich in regulativen Maßnahmen oder in eigenen wirtschaftlichen Tätigkeiten aus.

So versucht die Ordnungspolitik die Sozialpolitik und Politik der Umverteilung mit der Privatwirtschaft im Gleichmaß und somit den Markt stabil zu halten.

Übertragung der sozialen Marktwirtschaft auf Entwicklungs- und Schwellenländer

Da die wirtschaftliche Situation der Bundesrepublik und ihr Erfolg aus einem besonderen historischen und sozialen Kontext entstanden sind, ist es kaum möglich, das Modell der sozialen Marktwirtschaft so wie es in Deutschland Anwendung findet eins zu eins auf ein anderes Land zu übertragen. Nichtsdestotrotz ist es möglich einige generelle Grundsatzregeln, die im Verlauf zum deutschen Wirtschaftsmodell von heute geführt haben, zu übernehmen.

Die besonderen Umstände, in denen das Modell der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland entstanden ist, können zwei Bereichen zugeschrieben werden:
Der erste Bereich ist die Politik. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte und musste Deutschland einen neuen Anfang wagen. Die Errichtung eines neuen Staatsapparates sowie eines neuen Wirtschaftssystems waren an die Zustimmung der Alliierten USA und Großbritannien gebunden, um eine eventuelle Neubildung eines Einheitsstaats zu unterbinden. Zudem war es an den Alliierten einen Rahmen für den politischen Aufbau des Landes festzusetzen. Innerhalb dieses Rahmens gelang es der politischen Elite Deutschlands eine Bundesrepublik zu bilden, deren Bundesländern und Kommunen gegenüber dem Zentralstaat eine relativ starke Entscheidungsmacht zugewiesen wurde. Die politische Macht der Bundesländer ist auf das Zweikammersystem zurückzuführen, in dem Vertreter der Länder den Bundestag bilden. Zu den Aufgaben des Bundestags gehört es Gesetzesentwürfe, die die Länder betreffen, entweder anzunehmen oder abzulehnen. Aufgrund der dezentralistische Struktur der Bundesrepublik erfordern gesetzliche Veränderungen, die die wirtschaftliche Organisation betreffen, darüber hinaus einen hohen sozialen und politischen Konsens.

Denselben politischen Bereich, nun jedoch speziell die Wirtschaftspolitik betreffend, wurden der Deutschen Bundesbank Kompetenzen zugesprochen, um die Währungspolitik unabhängig von kurzweiligen politischen Schwankungen gestalten zu können. Zuletzt wurde ebenfalls unter Anleitung der alliierten Besetzermächte auf wirtschaftlicher Ebene ein Wettbewerb ermöglicht, der den Fortbestand der großen Industriekartelle vereitelte.

Auch die Kultur trägt als zweiter Bereich seinen Teil zu den besonderen historischen Umständen der Bundesrepublik bei. Historisch gesehen haben die Gesellschaften Zentral- und Westeuropas oftmals gewusst ihr wirtschaftliches Potential und ihre Ressourcen effektiv zu nutzen, indem sie der Wirtschaft eine Sonderstellung einräumten. Dieses wirtschaftliche Denken und Handeln wurde daraufhin von den USA und einigen asiatischen Staaten übernommen. Ein Kontrast zeigt sich jedoch im Vergleich mit den Staaten Süd-, Nord- und Osteuropas, deren gesellschaftlicher Fokus weniger auf dem wirtschaftlichen und materiellen Erfolg als auf den sozialen Beziehungen lag. Im Falle Deutschlands lässt sich die wirtschaftliche Ausrichtung des Landes unter anderem auf die hohe Arbeitsmoral der Gesellschaft zurückführen, die für die Entwicklung der sozialen Marktwirtschaft eine große Rolle gespielt hat.

Aufgrund der besonderen politischen und soziokulturellen Umstände der Bundesrepublik in der zweiten Hälfte des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts lässt sich die soziale Marktwirtschaft also kaum in ihrer Gesamtheit auf andere Länder übertragen. Eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik entsteht prinzipiell in Anlehnung an eine konkrete Gesellschaft, indem die bestehenden Potentiale ausgenutzt werden, und sodass im besten Fall alle Gesellschaftsbereiche vom Wirtschaftswachstum profitieren.

Wenn auch nicht das Gesamtkonzept, können Entwicklungs- und Schwellenländer durchaus einzelne, wesentliche Grundelemente des in Deutschland praktizierten Wirtschaftsmodells übernehmen. Als Beispiel können an dieser Stelle die positiven Auswirkungen eines stabilen politischen Systems auf die Wirtschaft genannt werden. Weitere Beispiele sind eine Öffnung und gleichzeitige Überwachung der Märkte, um einen dynamischen und kooperativen Wettbewerb zu ermöglichen, sowie die Einführung einer Sozialpolitik, die auch der nicht aktiv am wirtschaftlichen Leben teilhabenden Bevölkerungsgruppe soziale Sicherheit und einen angemessenen Lebensstandard bietet.