Achtsamkeit für die Schöpfung

Die Enzyklika Laudato si‘ und die SDGs für eine soziale und ökologische Entwicklung zusammendenken

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Internationales Symposium zur Enzyklika ‚Laudato si‘ in Costa Rica vom 29. November bis zum 2. Dezember 2017

Mit den Chancen der Umsetzung der vor zwei Jahren erschienenen Enzyklika „Laudato si’’“ beschäftigte sich ein von der vatikanischen Stiftung Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. und der katholischen Universität von Costa Rica veranstaltetes internationales Symposium. Es betonte die Kontinuität des Denkens zwischen Papst Benedikts „Ökologie des Menschen“ und der „Sorge um das gemeinsame Haus“ von Papst Franziskus. Mit der Einrichtung eines „Observatoriums Laudato si“, das die ökologische und soziale Entwicklung weltweit beobachtet und die Erfüllung der Forderungen der Enzyklika in einzelnen Ländern misst, sollen die Ziele der Enzyklika befördert werden. Costa Rica gilt in Lateinamerika in umweltpolitischen Fragen als ein Musterland, weil der Strom fast vollständig aus erneuerbaren Energien gewonnen wird und weite Teile des Landes in den vergangenen Jahren unter Naturschutz gestellt wurden, auch um den Artenreichtum zu erhalten.

Integraler Bestandteil war zum Auftakt der Konferenz ein Gottesdienst, bei dem Kurienkardinal Marc Quellet, ein Papabile von 2013, die einführende Predigt hielt. Schon hier wurden die Kerngedanken intoniert: die Kontinuität der Soziallehre seit Johannes Paul II. und die Notwendigkeit einer Umkehr hin zu einer größeren Aufmerksamkeit für die Schöpfung.

Die Videobotschaft des Papstes zu Beginn des Symposiums zeigte eindringlich die dramatischen Folgen des Klimawandels und mahnte, dass technische Lösungen allein nicht helfen würden, sondern es der persönlichen Verhaltensänderung jedes Einzelnen bedürfe, um die Ziele im konkreten Leben zu erreichen. Ausgehend von den Texten des Papstes erklärte der scheidende Präsident von Costa Rica, Dr. Luis Guillermo Solis Rivera, dass Ökologie nicht ohne Anthropologie gedacht werden könne. Man müsse die Klage der Armen und der Erde hören und das gemeinsame Wohl aller anstreben. Die Wissenschaft müsse geeignete Wege finden, die die Politik umsetzen könne. So könne man in einem ehrlichen und glaubwürdigen Dialog zu einem allgemeinem Wohl und einer gerechten Ordnung für Umwelt und Menschen gelangen.

In der Erläuterung der Absicht von Laudato si’ forderte Quellet, sich nicht allein auf rein technische Lösungen zu verlassen, weil sie eine Herabsetzung der Umwelt und des Menschen bedeute. Der Lebensstil der Menschen müsse sich ändern. Durch eine stärker spirituelle Haltung sollen die Menschen die Umwelt und Gott in ihrem Leben aufmerksamer wahrnehmen.

Der Dekan der theologischen Fakultät von Salamanca (Spanien) Dr. Gonzalo Tejerina Arias verfolgte die Entwicklung der Enzykliken seit Centesimus Annus über Caritas in Veritate bis zu Laudato si. Papst Franziskus betone, dass sich nicht das Recht des Stärkeren auf Kosten künftiger Generationen durchsetzen dürfe. Das Umdenken beginne in der Familie. Dort müsse das Konsumverhalten überprüft werden. Ein ganzheitlicher Ansatz der Achtung aller Geschöpfe schließe auch den Widerspruch zu Abtreibung und künstlicher Befruchtung ein.

Dr. Tomas Insua aus Harvard, Mitbegründer der weltweiten katholischen Bewegung für Klimaschutz, die mehr als 400 Organisationen umfasst, forderte politische Aktionen. Gemäß der Maxime „Sehen – Urteilen – Handeln“ beklagte er, dass trotz des Wissens über die Umweltsünden seit 2015 nichts passiert sei. Veränderungen müssten konkret für ein Land oder eine Region mit jeweils spezifischen Maßnahmen umgesetzt werden. Ein ökumenisches Beispiel sei die Aktion „Zeit für die Schöpfung.“ Sie habe ihren Ursprung in der orthodoxen Kirche und finde jedes Jahr im September statt. Die Umkehr zu einem einfachen Lebensstil bedeutet eine kulturelle und bildungsmäßige Wende. Auf politscher Ebene müsse die Kirche mehr Druck auf die Regierungen zur Reduzierung von Treibhausgasen und zur Dekarbonisierung ausüben. Fortschrittsideen müssten neu zu definiert werden, wie die Bewegung „Vive laudato si“ anrege (http://vivelaudatosi.org/).

Der Theologe und Soziologe Prof. Michel Agliardo erläuterte, wie Laudato si’ in verschiedenen Ländern aufgenommen wurde. Besonders interessant war das Beispiel Polen. Obwohl Katholizismus ein wichtiger Bestandteil der polnischen politischen Kultur sei, werde Laudato si dort als Bedrohung aufgefasst. Denn sie wende sich gegen den Gebrauch von Kohle. Ohne die Papstbotschaft zu zitieren, habe sich der polnische Umweltminister gegen die Einschränkung beim Verbrauch von Kohle gewandt. Die Kirche dagegen verbinde sich mit weltlichen Umweltorganisationen und sei auf Distanz zur regierenden PiS gegangen.

Einen anderen Akzent setzten die Wissenschaftler Dr. Michael Green und Dr. Roberto Artavia Loria. Beide forschen zum „Social Progress Index“ und setzen sich für seine weltweite Verbreitung ein. Jenseits des Bruttoinlandsprodukts, das sich nur auf wirtschaftliche Daten stütze, gelte es, um das soziale Wohlbefinden eines Landes zu messen, einen Social Progress Index einzuführen. Er soll sich auf sozialen Fortschritt beziehen und entsprechende Kriterien aufstellen. Die Darstellung war verbunden mit einer Einladung zum Dialog, um Kriterien zu finden, die dem Gemeinwohl auf nationaler aber auch auf Weltebene dienen. Das 21. Jahrhundert müsse auf Solidarität gebaut sein.

Um die Anregungen zu vertiefen, beschäftigten sich sechs Arbeitsgruppen von etwa hundert Personen mit der praktischen Anwendung der vorgetragenen Impulse.

Dabei ging es des um die Arbeitsbedingungen, die ökologisch und sozial sein sollten. Gegen die technologische Behandlung aller Vorgänge müsse eine Bildungsoffensive gestartet werden, die Familien, Schule und Medien einbinde und als ökologische Bildung begriffen werden könne. Viele kleine Schritte, Recycling, mehr Fahrräder, weniger Papier, Ablösung von Plastikbehältern könnten eine Änderung hervorrufen. Bildung müsse auf Werten beruhen und dem Gedanken Rechnung tragen, dass jeder Mensch Gottes Ebenbild sei, dem mit Achtsamkeit begegnet werden müsse. Dabei gehe es auch um die Rechte der Indigenen. Ein Netzwerk von guten Beispielen erfordere eine größere Beteiligung der Gesellschaft, um Maßnahmen auf der lokalen Ebene zu erreichen. Diskutiert wurden auch neue Formen des wirtschaftlichen Wachstums. Um gleiche ethische Standards zu erlangen, biete sich eine Verbindung von SDG mit dem Programm von Laudato si’ an. Es gelte, Brücken zu bauen zwischen den SDGs der UN und den Prinzipien von Laudato si’ und die Überschneidungen von SDG und LS herauszuarbeiten. Im Ergebnis zielt dies auf eine Ethik der Achtsamkeit, die sich in einem neuen Lebensstil zeigt.

Bei der Diskussion um diese Ergebnisse wurde anerkannt, dass es auch in Costa Rica Verbesserungspotential gebe. Der Arbeitsminister räumte ökologische Probleme beim Arbeitsschutz von Migranten ein. Bei der gesundheitsschädlichen Ananasproduktion sollten Lösungen in Zusammenarbeit zwischen dem Arbeitsminister und dem Umweltminister gefunden werden. Auch gefährde der Verkehrsinfarkt wegen des CO2 Ausstoßes die Umweltbilanz Costa Ricas.

Auf der Grundlage von Laudato si’ lässt sich die Botschaft der Konferenz formulieren: Sie fordert eine Abkehr vom Anthropozentrismus und übersteigertem Individualismus. Stattdessen müssten die Natur und die anderen Lebewesen wahrgenommen werden, die in besonderer Weise verletzlich seien. Es bedürfe einer Vertiefung der Spiritualität und einer Umkehr zu einfachem Leben jenseits eines unreflektierten Konsumverhaltens.

Dazu sei ein Dialog mit verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und Institutionen sowie gesellschaftlichen Gruppen nötig. Bei der Konferenz sei dies gelungen, indem Soziologen, Theologen, Naturwissenschaftler und Politiker – u. a. der Präsident und der Arbeitsminister Costa Ricas – sowie rund 700 Teilnehmer, die zu einem großen Teil in Bildungseinrichtungen tätig und als Multiplikatoren zu betrachten sind, miteinander nach Lösungen um ein Gemeinwohl unter ganzheitlichen Gesichtspunkten gesucht hätten. Um eine dauerhafte Verankerung der Umweltziele zu gewährleisten, ist zukünftig eine stärkere Einbeziehung wirtschaftlicher Akteure wünschenswert, auf dass die ökonomischen Grundlagen gesichert werden. Die Einrichtung der Beobachtungsstelle „Observatorio Laudato si’“, die umweltbezogene Daten sammelt und einen Entwicklungsindex für einzelne Länder erstellt, soll weitere Grundlagen für einen solchen Austausch liefern.

Autoren

Dr. Karlies Abmeier, Dr. Werner Böhler

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Costa Rica, 12. Januar 2018