Dezentrale Stromerzeugung

International Erfahrungen und Vergleichsanalysen

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Das Regionalprogramm EKLA-KAS organisierte zusammen mit der Studiengruppe Elektrizitätssektor (GESEL) des Instituts für Wirtschaftswissenschaften der Bundesuniversität Rio de Janeiro (UFRJ) einen Expertenworkshop mit dem Ziel die Dezentralisierung des Stromsektors zu diskutieren, neue Herausforderungen anzusprechen, Lösungsansätze zu sammeln, diese gemeinsam weiterzuentwickeln und schließlich als Artikelreihe zu publizieren.

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GESEL Distributed Generation

Durch die Förderung und verstärkte Nutzung von erneuerbaren Energien verändert sich der bis dato existente Strommarkt. Zwei wichtige Merkmale in diesem Zusammenhang sind Dezentralisierung und Eigenverbrauch. Diese sind die Folgen der bei der erneuerbaren Energieproduktion verwendeten Technologien, die oft dezentrale Anlagen begünstigen. So installieren immer mehr Verbraucher Mikro-Solarkraftwerke auf den eigenen Dächern. Die Vorteile eines dezentralen, auf erneuerbaren Energiequellen beruhenden Energiesystems sind unumstritten: Neben verbesserter Umweltverträglichkeit und verminderter Ressourcenabhängigkeit erlauben dezentrale Systeme zum ersten Mal einen funktionierenden Wettbewerb im Energiesektor. Gleichzeitig stellen die Veränderungen die gesamte Energiewirtschaft vor neue Herausforderungen: Einerseits müssen Netzwerke an die neuen technischen Schwierigkeiten, wie die Einführung von bidirektionalen Energieflüssen und Spannungs- und Stromkontrollen, angepasst werden. Andererseits tendiert der Markt für Energieversorgungsunternehmen zu schrumpfen, da immer mehr Verbraucher eigene Mikro-Kraftwerke installieren. Die Verlierer im Zuge dieser Entwicklung werden also die sein, die sich das Installieren von Mikrosolaranlagen nicht leisten können und somit für die wachsenden Einkommensverluste der Energieversorgungsunternehmen aufkommen müssen.

Vor diesem Hintergrund organisierte das Regionalprogramm EKLA-KAS zusammen mit der Studiengruppe Elektrizitätssektor (GESEL) des Instituts für Wirtschaftswissenschaften der Bundesuniversität Rio de Janeiro (UFRJ) einen Expertenworkshop mit dem Ziel Lösungsansätze für obengenannte Schwierigkeiten zu sammeln, diese gemeinsam zu diskutieren, weiterzuentwickeln und schließlich als Artikelreihe zu publizieren.

Die Teilnehmenden wurden von Christian Hübner, Leiter EKLA-KAS, Nivalde de Castro, Koordinator GESEL und Institut für Wirtschaftswissenschaften UFRJ, und Moacir Carlos Bertol, Stellvertretender Direktor für Energieplanung und -entwicklung vom brasilianischen Ministerium für Bergbau und Energie begrüßt.

Im ersten Panel berichtete Thilo Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln von den deutschen Erfahrungen mit der Dezentralisierung des Strommarktes. In einem Land wie Deutschland, wo bereits große Teile des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen stammen, werden stetig Lösungen für Probleme, wie Spannungs- und Stromschwankungen gesucht und gefunden. Weiter gäbe es auch Möglichkeiten, so Schäfer, erneuerbaren Strom – sowohl Wind als auch Solarstrom – zentral zu produzieren, was den Vorteil hätte von Skaleneffekten zu profitieren, Gebiete mit viel Sonne/Wind effizienter nutzen zu können und den Stromtransport zu vereinfachen. Isaac Dyner von der Universidad Jorge Tadeo Lozano aus Kolumbien erklärte den Teilnehmenden die Distributed Generation Spiral of Growth: Die Dezentralisierung des Strommarkts, insbesondere der wachsende Anteil an privater Mikro-Solarstromerzeugung, so Dyner, führe zu einem Einkommensverlust der traditionellen Energieversorgungsunternehmen, welcher dann von der schrumpfenden Gruppe derer beglichen werden müsse, die vom Stromnetz abhängig geblieben sind. Energieversorgungsunternehmen sollten traditionelle Wirtschaftsmodelle aufgeben und neue alternative Lösungen suchen. Denn, so zeigte Dyner an Beispielen aus Kolumbien und Brasilien, die traditionellen Wirtschaftsmodelle könnten schon in naher Zukunft an den veränderten Marktbedingungen scheitern.

Im zweiten Panel wurden die Fragen, wie Maßnahmen zur Vergütung von Strom aus PV-Analgen gestaltet werden sollten und wie politische Anreize für Mikro-Solarenergie-Erzeuger erfolgreich eingeführt werden könnten, adressiert. Lori Bird vom nationalen Labor für erneuerbare Energien (National Renewable Energy Laboratory) in Colorado, stellte die Situation der Solarstromerzeugung und -regulierung in den USA vor. Obwohl die Solarstromerzeugung in den verschiedenen Staaten sehr unterschiedlich ausgeprägt ist – Kalifornien produziert fast einen Viertel des gesamten Solarstroms des Landes – und auch jeder Staat eigene politische und regulatorische Ansätze hat, verwies Bird auf die in den USA durchgehend wichtigste Maßnahme zur Vergütung von Strom aus dezentralen PV-Anlagen, das Net Metering. Eine große Herausforderung beim Design solcher Maßnahmen ist für Bird das Abschätzen des zusätzlichen Wertes (gemessen an Faktoren wie Strompreise, Nutzen für Umwelt, Gesellschaft usw.) des Solarstroms für das öffentliche Netz. Net Metering alleine könne diesen Wert nicht erfassen. Bird stellte innovative Beispiele aus New York und Kalifornien vor, anhand derer sie aufzeigte, wie die beiden Staaten versuchen, mehr Faktoren in die Kalkulation der Vergütung von Solarstrom miteinzubeziehen. Bird verwies auch auf neue Projekte, wie Community Solar, in denen sich verschiedene Verbraucher an einem Gemeinschafts-Solarstromprojekt beteiligen können. Solche Projekte machen es auch Verbrauchern, welche keine eigenen PV-Anlagen installieren können, möglich, sich an der Solarstromproduktion zu beteiligen. Joana Resende von der Universität Porto in Portugal beleuchtete Anreiz schaffende Strategien für Photovoltaik weltweit. Sie stellte verschiedene Strategien von vereinfachten Netzzugangsbedingungen bis zu steuerlichen Anreizen und Marktregulierungsinstrumenten, wie Net Metering, Net Billing, Feed-In-Tarifs etc. vor. Dabei wies Resende ¬– wie bereits Dyner im ersten Panel – auf die schwierige Situation der traditionellen Energieversorgungsunternehmen hin und betonte, dass der Schlüssel zu einer erfolgreichen Energiewende darin läge, die Marktregulierungsinstrumenten so zu gestalten, dass eine Balance zwischen den Anreizen für die Produktion von Solarstrom und der finanziellen Tragfähigkeit von Energieversorgungsunternehmen gefunden werden könne. Zum Abschluss des zweiten Panels, stellte Davi Rabelo von der brasilianischen Behörde für Elektrizitätsregulierung (Agência Nacional de Energia Eléctrica) den Markt für Solarstrom und Marktregulierungsinstrumente in Brasilien vor: Das bevorzugte Instrumente in Brasilien sei, wie in den USA, das Net Metering. Es gebe aber auch andere Instrumente, wie Feed-In-Tarifs und Auktionen. Seit einigen Jahren gebe es in Brasilien auch Gemeinschaftssolarprojekte, ähnlich wie die Community Solar in den USA, berichtete Rabelo.

Im dritten Panel erläuterte Job Figueiredo von Grupo Energisa die Auswirkungen der Mikro-Solarstromerzeugung und Regulierungsvereinbarungen in Brasilien. Aus Sicht eines großen brasilianischen Energieversorgungsunternehmens, ging Alves hauptsächlich auf die Herausforderungen des durch den wachsenden Anteil an privater Mikro-Solarstromerzeugung dezentralisierten Strommarkts ein. Dilek Uz von der University of Nevada beleuchtet die Situation der Mikro-Solarstromerzeugung und Regulierung in Nevada. Der US-Wüstenstaat begann bereits in den 1990er Jahren erste Anreize für Solarstrom durch Net Metering Policies zu schaffen. Uz berichtete sowohl von den Vor- als auch Nachteilen des Net Metering und betonte die Wichtigkeit von Kosten-Nutzen Analysen um den Mehrwert der Marktregulierungen für das Erreichen des eigentlichen Zieles, den Kampf gegen den Klimawandel, richtig abzuschätzen. Schließlich verglich Lorena Cardoso Borges dos Santos von dem brasilianischen Energieversorgungsunternehmen CPFL Energia in ihrer Präsentation die globale Situation der Mikro-Solarstromerzeugung und Regulierung mit der brasilianischen. Sie betonte, dass in Brasilien, wo die durchschnittliche Sonneneinstrahlung viel höher als in Europa und Nordamerika sei und wo die Solarstromerzeugung in den letzten zwei Jahren um 550% zugenommen habe, Regulierungsinstrumente im Hinblick auf einen schnell weiterwachsenden Sektor gut durchgedacht und geplant werden müssten.

Der internationale Expertenworkshop zeigte einmal mehr das große Interesse aller Beteiligten an der Transformation des Energiesektors hin zu mehr erneuerbaren Energien. Er verdeutlichte auch, dass in den meisten Gebieten der Welt gewisse Regulierungsinstrumente und andere Anreize für Photovoltaik und erneuerbare Energieproduktion vorhanden sind und dass sich diese Instrumente oft gleichen. Net Metering scheint noch immer das beliebteste und am weitesten verbreitete Regulierungsinstrument im Bereich Photovoltaik zu sein. So positiv die Entwicklung hin zu mehr erneuerbaren Energien grundsätzlich wahrgenommen wird, so bewusst ist man sich auch der großen Gefahr, welche die Dezentralisierung für die Energieversorgungsunternehmen birgt. Es war daher für alle Teilnehmenden klar, dass die bereits implementierten Regulierungsinstrumente angepasst werden müssen und es in Zukunft neue innovative Instrumente brauchen wird um die Situation für alle Marktteilnehmer möglichst optimal zu gestalten.

Autor

Ilona Gremminger

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Brasilien, 24. Oktober 2017

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