Welches Europa?

Konferenz "Brücken bauen in Europa"

Zum Abschluss der diesjährigen Konferenz „Brücken bauen in Europa – Literatur, Werte und europäische Identität“ wandten sich im Tallinner Museum der Estnischen Architektur der estnische Staatspräsident Toomas Hendrik Ilves und der Präsident des Deutschen Bundestages, Prof. Dr. Norbert Lammert, an das Auditorium. Vorgestellt wurden die beiden Festredner von Frank Spengler, stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Europäische und Internationale Zusammenarbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Präsident Ilves bezeichnete die Einteilung Europas in „Ost“ und „West“ als mittlerweile untauglich sowie Ausdruck einer „überheblichen Beziehung“. Die „neuen“ Mitgliedsstaaten würden keine „Nachhilfe in Demokratie“ brauchen, sondern ihre eigenen, besonderen Erfahrungen mitbringen. Die Ost-West-Einteilung sei als Analysekategorie daher überholt, heute seine andere Dimensionen wichtig. Dazu gehöre eine verantwortungsvolle Wirtschaftspolitik mit der Annahme und dem Befolgen der selbst aufgestellten Regeln durch alle Partnerländer – gerade in Zeiten der Krise. Die „großen“ Staaten müssten sich ihrer Vorbildrolle neu bewusst werden und diese ernst nehmen.

Besonders in den „neuen“ Mitgliedsstaaten bilde „Europa“ einen wichtigen Teil der persönlichen und nationalen Identität. Vor allem Menschen aus peripheren Regionen würden ein größeres Bewusstsein für die Wichtigkeit von Solidarität und Gemeinschaft besitzen und damit zum weiteren Bau Europas beitragen. Dies äußere sich in den hohen Zustimmungszahlen zur Mitgliedschaft in der Europäischen Union, wie sie beispielsweise in Estland vorherrsche. Die gemeinsamen Werte, auf denen diese Identifikation mit Europa beruhe, würden vor allem in der Kultur deutlich werden.

Professor Lammert hob die mehrfache Brückenfunktion der Konferenzreihe hervor. Einerseits würde durch die jeweils wechselnden Standorte eine ganz konkrete Verbindung zu Europa aufgebaut. Anderseits würde auch ideell eine Brücke zwischen dem aktuellen Zustand Europas und seiner Herkunft, seinen Traditionen geschlagen. Die Identifikation mit Europa sei hauptsächlich über die Kultur zu erreichen. Ein gemeinsames Maß an Erfahrungen und Überzeugungen, an vielfältigen Traditionen werde daran deutlich.

Der Weg zu einer solchen Identifikation führe über das jeweils eigene Land, und zwar unabhängig von Zielstellungen der Integration. Die Entstehung einer „Nation neuen Typs“ im Sinne Gyorgy Konrads sei dabei zwar auf absehbare Zeit nicht zu erwarten, dennoch könne man bei aller Vielfalt der Auffassungen über die Zukunft der Europäischen Union „Heimat in Europa möglich machen“. Überhaupt seien die Quantensprünge und Errungenschaften der europäischen Integration zu wenig präsent, die bereits zurückgelegte Wegstrecke wird von der Politik nicht verdeutlicht. Denn „heute müssen wir die Probleme lösen, die wir uns Jahrzehnte lang gewünscht haben.“

Mit den Vorträgen fand die sechste Konferenz „Brücken bauen in Europa“, die vom 16. bis 19. Mai in der europäischen Kulturhauptstadt Tallinn stattfand, ihren Schluss- und Höhepunkt. Zu Beginn der Abschlussveranstaltung war auf einer Podiumsdiskussion mit der estnischen Journalistin und Politikwissenschaftlerin Dr. Iivi Anna Masso, dem litauischen Autor und Literaturwissenschaftler Dr. Laurynas Katkus und dem deutschen Schriftsteller und Publizisten Ulrich Schacht die Frage nach der zukünftigen Gestalt Europas thematisiert worden. Besonders die Bedeutung der regionalen Ebene für die Identitätsbildung wurde dabei erneut hervorgehoben.

Anschließend hatte der Schweizer Dichter Adolf Muschg in seinem Redebeitrag einige zentrale Diskussionspunkte der vorhergegangenen „intensiven und lückenlosen Veranstaltung“ resümiert. Er warnte dabei vor einem Zuviel, aber auch einem Zuwenig an Grenzen in Europa. In Anlehnung an Jacob Burckhardts Theorem der nötigen Balance zwischen Politik, Kultur und Religion betonte Professor Muschg die Wichtigkeit einer solchen Balance auch für die Europäsche Union, denn Europa erscheine häufig „als Widerspruch, den wir ertragen müssen“. Einen wichtigen Beitrag zur Balance könne das „Korrektiv der Kunst“ leisten, wie es am Beispiel der Literatur auf der Tagung bereits mehrfach angedeutet worden war.

Autoren

Andreas Michael Klein, Martin Munke

Serie

Veranstaltungsbeiträge

erschienen

Sankt Augustin, 19. Mai 2011

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Andreas Michael Klein

Leiter des Bildungswerks Hamburg

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