Zerbricht die Mitte? – Denken und Handeln gegen eine Gesellschaft der Angst

Eine Bilanz des Wiesbadener Tischgesprächs 20. April 2017

„Die Mitte ist stabil. Abstürze aus dieser Mitte sind ein sehr seltenes Phänomen. Wir sollten deshalb sehr vorsichtig umgehen mit dem Duktus der Dramatisierung: So wird Panik erzeugt. Und diese Statuspanik führt zu Abgrenzung nach unten.“ Im Wiesbadener Tischgespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung überraschte manche These von Professor Dr. Georg Cremer, Generalsekretär und Vorstand Sozial- und Fachpolitik des Deutschen Caritasverbandes, 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

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Professor Dr. Georg Cremer (Foto: Christine Leuchtenmüller)

„Falsche Vorstellungen über unsere Gesellschaft sind sehr wirkmächtig.“ (Professor Dr. Georg Cremer, Foto: Christine Leuchtenmüller)

„Wer den Niedriglohnsektor abschaffen will, muss sich auf steigende Arbeitslosigkeit einstellen.“

Dennoch stellte Cremer diese klare Anforderung an etwaige Rentenreformen: „Arbeit muss sich im Alter gelohnt haben.“ Er empfindet es als „Gerechtigkeitsdefizit“, dass Menschen, die Jahrzehnte lang im Niedriglohnsektor gearbeitet haben, im Alter doch nur Anspruch auf Grundsicherung haben: „Arbeit lohnte sich für diese Menschen nicht.“ Cremer ermutigte die Akteure der Sozialpolitik, sich auch in Wahljahren auf berechtigte Anliegen einzelner Gruppen zu konzentrieren, statt mit dem Instrument einer „sozialpolitischen Schrotflinte“ vielen weniger bedürftigen Menschen sehr überschaubare finanzielle Zuwendungen zu versprechen: „Wir brauchen auf Fakten gestützte Empathie.“

„Wer Armut verhindern will, darf sich nicht nur auf materielle Leistungen beziehen.“

Cremer beurteilt den in Deutschland hohen „Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg“ skeptisch. Da sechs Prozent der Jugendlichen an ihren Schulen keine Abschlüsse erreichen, fordert der Freiburger Wissenschaftler: „Die kinder- und Jugendhilfe muss früher eingreifen, um sicher zu stellen, dass junge Menschen ihre Potenziale entfalten können.“ Dennoch warf Cremer einen nüchternen Blick warf auf die Folgen der „Expansion des Bildungssystems“: „Nicht jeder Abschluss garantiert heute ein guten sozialen Status: Die Konkurrenz nimmt zu.“

„Falsche Vorstellungen über unsere Gesellschaft sind sehr wirkmächtig.“

Jeder fünfte Deutsche – so zitierte Cremer einschlägige Studien - glaube, eine kleine Elite beherrsche in rücksichtsloser Weise unser Land. Weitere dreißig Prozent der Bürger stellen sich die die deutsche Gesellschaft als eine Pyramide vor, in der die breite Mehrheit „unten“ und eine kleine Minderheit „oben“ zu verorten seien. Im Gegensatz zu diesen Befindlichkeiten, denen trotz eindeutiger Befunde über die Verteilung von Einkommen und Vermögen immerhin jeder zweite Deutsche anhänge, hielten Amerikaner ihre Gesellschaft „für viel egalitärer, als sie in Wirklichkeit ist“.

Autor

Dr. Thomas Ehlen

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Wiesbaden, 21. April 2017

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Landesbeauftragter für Hessen und Leiter des Politischen Bildungsforums Hessen

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