Wie nehmen Israelis Europa wahr?

Fünf Fragen an Sharon Pardo

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Eine von Dr. Sharon Pardo (Inhaber des Jean-Monnet-Lehrstuhls für Europäische Studien an der Ben-Gurion-Unverstät des Negev) ausgerichtete, Mitte Juli 2011 veröffentlichte Meinungsumfrage ergab eine Reihe von bemerkenswerten Ergebnissen zu der Frage, wie Israelis Europa und europäische Führungspersonen gegenwärtig wahrnehmen.

Herr Dr. Pardo, der auffälligste Befund der Umfrage ist, dass 81% der Israelis eine EU-Mitgliedschaft ihres Landes befürworten würden. Wie erklären Sie dieses überraschende Ergebnis?

Zunächst eine kleine Warnung: Israelische Sichtweisen werden oft so analysiert, als sei Israel eine geschlossene, homogene, einheitliche Gesellschaft. Aber das ist eindeutig nicht der Fall. Verschiedene Segmente der israelischen Gesellschaft vertreten unterschiedliche Auffassungen zur EU, und sogar innerhalb dieser Teilbereiche gibt es Unterschiede. Gleichwohl ist es möglich, bestimmte Wahrnehmungen festzustellen, über die in weiten Teilen der israelischen Öffentlichkeit Konsens besteht.

Tatsächlich besteht unter Israelis die weitverbreitete Wahrnehmung, dass die EU einen aufnahmebereiten Rahmen für einen Beitritt Israels bietet, so dass Israel eine EU-Mitgliedschaft in der nahen Zukunft anstreben sollte. Diese Wahrnehmung ist motiviert von den Hoffnungen und Wünschen der Israelis und der Erwartung, dass ein EU-Beitritt möglich ist. Auch stimmen einige israelische Politiker mit der Mehrheitsmeinung überein, dass Israel sowohl in der Lage ist, der EU beizutreten, als auch eine Mitgliedschaft in der nahen Zukunft anstreben sollte. Zu diesen Politikern zählen etwa der israelische Außenminister und verschiedene Abgeordnete der Knesset. Israel wird auch von manchen europäischen Führungspersonen, darunter der italienische Premierminister, als ein selbstverständlicher Kandidat für eine EU-Mitgliedschaft angesehen.

Die Wahrnehmung, dass die EU einen aufnahmebereiten Rahmen für einen EU-Beitritt bietet und Israel deshalb reif für einen solchen Schritt ist und in absehbarer Zukunft der EU beitreten sollte, ist leicht zu verstehen. Solch eine Wahrnehmung lässt sich am besten mit dem israelischen Wunschdenken erklären. Noch überraschender jedoch ist, wie sehr europäische Spitzenpolitiker, politische Entscheidungsträger und Andere, die mit den Vorgehensweisen der EU vertraut sind, an dieser Idee festhalten. Befürworter einer EU-Mitgliedschaft Israels ignorieren fundamentale Unterschiede zwischen Israels Selbstbild als jüdischer Staat, als Staat des jüdischen Volkes einerseits und dem Leitprinzip der Europäischen Union als ein Raum ohne Binnengrenzen andererseits. Israel ist ein liberaler Staat, aber Israels Selbstbild als jüdischer Staat, als Staat des jüdischen Volkes gibt ihm eine Ausnahmestellung und unterscheidet es grundlegend von anderen Staaten.


Wie passt diese positive Einstellung zu dem weniger positiven Bild der EU in Israel, wenn es um die europäische Haltung zum israelisch-palästinensischen Konflikt geht? Nach einer aktuellen Umfrage, die mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung durchgeführt wurde (http://www.kas.de/israel/de/publications/23365/), glaubt eine Mehrheit der Israelis (64%), dass die Einstellung der EU-Mitgliedstaaten zum Friedensprozess der palästinensischen Position näher steht als der israelischen.

Ich werde auf diese wichtige Frage eine kurze Antwort geben. Die Tatsache, dass die Israelis eine sehr vorteilhafte Meinung über die EU haben und die Tatsache, dass sie Teil des europäischen Integrationsprojektes sein wollen, haben nichts damit zu tun, dass die Israelis die Union auch kritisch betrachten.


Aber ist den Israelis denn auch wirklich bewusst, dass eine EU-Mitgliedschaft den Verzicht auf Teile der nationalen Souveränität bedeutet? Wären sie tatsächlich bereit, diese Konsequenz hinzunehmen?

Natürlich haben wir diese Fragen an unsere Interviewpartner gestellt. Wir waren sehr überrascht über das Allgemeinwissen von Israelis über die EU. Wenn wir die Resultate mit dem Eurobarometer vergleichen, zeigen die Ergebnisse, dass im Allgemeinen der durchschnittliche Israeli mehr über die EU weiß als der durchschnittliche Europäer. Also weiß der durchschnittliche Israeli, was es für ein Land bedeutet der EU beizutreten. Dennoch haben wir die Frage noch einmal gestellt, nachdem wir unseren Interviewpartnern eine generelle Einführung über das Thema gegeben haben, und immer noch war der Grad der Unterstützung sehr, sehr hoch – er lag bei 72% der Befragten.


Ihre Umfrage hat auch ergeben, dass die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in Israel mit 55% positiven Bewertungen die beliebteste europäische Führungsperson ist und dass Deutschland – hinter Italien und Großbritannien – an dritter Stelle auf der Skala der Beliebtheit europäischer Länder steht. Was sind die Gründe dafür?

Es ist sehr klar, dass die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die tiefe deutsch-israelische Verbindung weiterhin sehr stark ist und dass Deutschland und Kanzlerin Merkel als enge Freunde und Verbündete dieses Landes angesehen werden. Ich bin sicher, dass die wichtige Arbeit, die von Organisationen wie der KAS genauso wie von Bildungseinrichtungen und anderen Akteuren der Zivilgesellschaft sowohl in Israel als auch in Deutschland geleistet wird, einen der Hauptgründe für die Ergebnisse darstellt. Israelis sind sich der Tatsache sehr bewusst, dass sowohl Kanzlerin Merkel als auch die Deutschen immer für die Sicherheit und die existentiellen Interessen Israels eintreten werden – sowohl in der EU als auch in anderen internationalen Foren. Daher wird die Beziehung zwischen Deutschland und Israel immer eine besondere sein.

Vielen Dank, Herr Dr. Pardo.

Die Fragen stellte Michael Mertes. 17. Juli 2011

Übersetzung: Mona Grotheer

Autor

Michael Mertes

erschienen

Israel, 18. Juli 2011

Dr. Sharon Pardo