Israelische Sorgen: Kommt jetzt der Arabische Winter?

Kommentare und Analysen in den israelischen Medien

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Auch in Israel wird heute intensiv der Opfer der Terroranschläge von New York, Washington und Shanksville, Pennsylvania am 11. September 2001 gedacht. Gleichzeitig herrscht große Sorge im Rückblick auf eine Woche, die von zunehmenden Spannungen mit der Türkei geprägt war und mit einem Schock endete: der Erstürmung der israelischen Botschaft in Kairo durch einen fanatisierten Mob.

Cover: Israelische Sorgen: Kommt jetzt der Arabische Winter?

    Anders als bei den Europäern war der „Arabische Frühling“ von vielen Israelis nicht nur mit spontaner Sympathie, sondern von Anfang an auch mit Furcht vor der Unberechenbarkeit der „Arabischen Straße“ beobachtet worden. Sie fühlen sich durch die Ereignisse von Freitagnacht bestätigt. Es fällt auf, dass von Europa, von der Europäischen Union nirgendwo die Rede ist. Die israelischen Blicke sind auf die Vereinigten Staaten gerichtet – und es wird immer wieder die Sorge geäußert, dass Amerika in seiner Politik für Nordafrika und den Nahen Osten die falschen Prioritäten setzt.

    Unter der Überschrift „Why do they hate us?“ (Warum hassen sie uns?) zitiert Tomer Velner in ynetnews.com einen israelischen Fachmann für Außenpolitik, der die These vertritt, der zwischen Begin und Sadat 1979 geschlossene israelisch-ägyptische Friedensvertrag sei aus Sicht des ägyptischen Volkes stets eine illegitime Vereinbarung mit „den Zionisten“ gewesen; die Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung sei religiös und glaube nicht an ein Existenzrecht Israels. Seit Mubarak gestürzt worden sei, habe sich die Zahl der Arbeitslosen verdoppelt – und in gleichem Maße habe auch die Frustration unter Ägyptern zugenommen. Viele suchten jetzt verzweifelt nach einem Sündenbock – und der ist schnell gefunden: Dass „die Juden“ (oder „die Zionisten“) an allem schuld seien, ist ein ebenso primitiver wie unausrottbarer Topos, der heute noch Teile der „Arabischen Straße” zu mobilisieren vermag.

    In der Jerusalem Post vom 11. September sieht Zvi Mazel, ehemaliger israelischer Botschafter in Kairo, unter der Überschrift „A shameful day for Egypt“ (Ein Tag der Schande für Ägypten) Ägypten am Scheideweg. Der Arabische Frühling dort habe „keinen Durchbruch für die sozialen und ökonomischen Probleme des Landes gebracht“. Der Oberste Militärrat habe sich bislang als unfähig erwiesen, dem Volk einen Fahrplan zu präsentieren, der zu einer neuen Verfassung, zur Wahl neuer parlamentarischer Institutionen und zu den dringend nötigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Reformen führe. „Die Situation“, so Botschafter a.D. Mazel, „gleitet vom Regen in die Traufe ab. Es gab keine freiheitlichen Parteien, die bereit gestanden hätten, der Revolution eine Richtung zu geben und für den Aufbau einer demokratischen Ordnung zu arbeiten, in der die Menschenrechte, die Rechte von Frauen und die Rechte der koptischen Minderheit durchgesetzt werden. Stattdessen haben die Muslimbrüder und die ultranationalistischen Strömungen, die vom früheren Regime lange Zeit unterdrückt wurden, die Straße unter ihrer Kontrolle, und sie zwingen der Armee ihren Willen auf – wobei jeder dafür kämpft, das Land nach eigenen Vorstellungen zu formen.“

    Gegen Ende seines Kommentars blickt Mazel zurück auf die großen Hoffnungen, die sich an den „Arabischen Frühling“ in Ägypten geknüpft hatten: „Die idealistischen und furchtlosen jungen Leute, die am 25. Januar die Straße eroberten, um Veränderungen und bessere Lebensbedingungen zu fordern – sie haben verloren. Hass auf Israel ist das Einzige, was den zutiefst gespaltenen Kräften, die um die Macht in Ägypten ringen, gemeinsam ist.“

    Auch die liberale Haaretz blickt pessimistisch in die Zukunft. Aussagekräftig ist bereits der Titel, den sie dem Kommentar von Ari Shavit gibt: „Arab Spring showed its real face in attack on Israeli embassy in Egypt“ (Der Arabische Frühling zeigte beim Angriff auf die israelische Botschaft in Ägypten sein wahres Gesicht). Shavit schlägt einen sarkastischen Ton an: „Nun sehen wir den Arabischen Frühling in all seinem Glanz. Demokratie in Ägypten? Noch nicht. Aufklärung in Ägypten? Gar nichts davon. Bislang brachte uns der Arabische Frühling das Schwarze Loch vom Sinai, das alle möglichen islamischen Fanatismen aufsaugt; die Transformation Ägyptens von einem moderaten zu einem instabilen Staat, der nicht einmal mehr in der Lage ist, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten; einen Massenansturm auf die israelische Botschaft in Kairo; ein gewaltsames Eindringen in diese Botschaft; die Flucht der israelischen Diplomaten aus dieser Botschaft im Schutze der Nacht, als wären sie ein Bande von Dieben.“

    Shavit fährt fort: „US-Präsident Obama hielt im Juni 2009 eine nette Rede in Ägypten. Er hielt im Februar 2011 eine kraftvolle Rede über Ägypten, als er dazu beitrug, Hosni Mubarak zu stürzen. Aber in den vergangenen sechs Monaten hat Obama wenig getan, um Ägypten wieder aufzuhelfen und es zu stabilisieren. Er war hat so sehr mit Siedlungen in der West Bank und den Grenzen von 1967 beschäftigt, dass er einfach nicht die Zeit fand, einen echten Marshallplan vorzulegen, der das Land am Nil retten könnte.“

    In gleichen Tonfall endet Shavits Kommentar: „Blind und gelähmt stehen Obama und Netanyahu auf der Brücke, beobachten den herannahenden Sturm – und tun nichts. Letzte Woche verloren wir die Türkei und Ägypten. Wer weiß, was wir nächste Woche verlieren werden.”

    In dieser Flut von bitteren Worten ragt das Zitat eines ägyptischen Bürgerrechtlers heraus, das ynetnews.com veröffentlicht. Wael Ghonim ist eine der Symbolgestalten des Arabischen Frühlings in Ägypten. Mit seinen Einträgen und Meldungen bei Facebook und Twitter hat er Manches (und Manchen) bewegt. Gestern verbreitete er über Twitter (http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4120389,00.html) folgende Botschaft: „Was wir gerade erleben“ – gemeint ist die Erstürmung der israelischen Botschaft in Kairo tags zuvor – „ist das Gegenteil von dem, wovon ich träumte. Wir müssen schnell aufwachen und unseren Kurs korrigieren, um den Traum der Revolution zu verwirklichen. Was wir sehen, sind emotionsgetriebene Handlungen, die die Revolution ihres Sinns berauben und unsere Siege zu imaginären Ereignissen werden lassen. Wenn wir nicht unser Hirn benutzen, wird die Revolution scheitern und eine ganze Generation, die davon träumte, ihre Nation zu verändern, in Frustration stürzen.“

    Michael Mertes

    Autor

    Michael Mertes

    Serie

    Länderberichte

    erschienen

    Israel, 11. September 2011

    Kontakt

    Dr. Alexander Brakel

    Leiter des Auslandsbüros in Israel

    Dr. Alexander Brakel
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