Verbesserung und Förderung der Stellung der Frau in Israel

Eine Konferenz zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie

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Im Rahmen ihrer Aktivitäten zur Förderung und Verbesserung der Stellung der Frau in Israel, veranstalteten das Israel Women’s Network (IWN) und die Konrad-Adenauer-Stiftung eine Konferenz, auf der zwei neue Gesetzesentwürfe diskutiert und gefördert werden sollten.

Die Gesetzesinitiativen zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wurden von der Rechtsabteilung des IWN erarbeitet und sollen der Knesset zur Prüfung vorgelegt werden. Gastgeber der Konferenz in der Knesset waren die Knesset-Abgeordnete und Vorsitzende der Interessengruppe für die Erwerbstätigkeit von Frauen, Orit Zuaretz, sowie weitere Abgeordnete und Regierungsvertreter.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von der Abgeordneten Zuaretz, die den Verdienst von IWN und KAS zur Verbesserung der Stellung der israelischen Frauen in allen Lebensbereichen würdigte. Die Gesetzesentwürfe zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die auf bewährten Modellen aus dem Ausland basieren, wurden von der Anwältin Odelia Levy-Ettinger vorgestellt. So sollte für die Unterstützung der Abgeordneten geworben werden, um den Entwurf bald zu einer ersten Lesung in der Knesset einzubringen.

Die Gesetzesanträge fordern:

  • Flexible Arbeitszeiten für Eltern mit kleinen Kindern und für Menschen, die hauptverantwortlich für die Pflege eines Verwandten sind.
  • Mehr Teilzeitstellen (50-80%) für diejenigen, die weiterhin Teilzeitarbeit nachgehen wollen.


Es gilt hervorzuheben, dass das Gesetz sowohl Männer als auch Frauen betrifft. Es zielt darauf ab, die Anzahl der Männer, die flexible Arbeitszeiten nutzen, um mehr Zeit mit ihrer Familie zu verbringen und familiäre Aufgaben mit der Frau zu teilen, zu erhöhen. Für das IWN besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Bewegung für soziale Gerechtigkeit und der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Im israelischen Arbeitsumfeld:

  • Werden die Arbeitszeiten an konkurrenzgeprägten Arbeitsplätzen kontinuierlich verlängert. Angestellte arbeiten bis spät abends und an Wochenenden.
  • Dies trifft Frauen am härtesten, da sie folglich weniger Chancen haben, sich im Job zu behaupten und ihre Karriere voranzutreiben.
  • Nach wie vor bestehen große Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen.

Die Gesetzesinitiativen sehen unter anderem folgende Neuerungen vor: Flexibilität in Arbeitsbeginn und Arbeitsende, die Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten, ein Monats- anstelle eines Tageskontingents an Arbeitsstunden und Teilzeitstellen. Die Gesetze könnten auf das 2002 in Großbritannien verabschiedete Arbeitsgesetz aufbauen: Dieses gibt dem Angestellten das Recht, flexible Arbeitszeiten einzufordern und verpflichtet den Arbeitgeber diesen Antrag zu prüfen und eine detaillierte, schriftliche Antwort zu liefern.

Ziel des Gesetzes ist es, eine Veränderung des Diskurses in der Arbeitsstätte und schlussendlich sogar einen Wandel der Arbeitsplatzkultur zu erreichen. Jedoch gilt es festzuhalten, dass das Gesetz den Arbeitgebern nicht nur nahelegt die Forderungen zu prüfen, sondern sie dazu verpflichtet. Forschungsergebnisse zeigen, dass in Unternehmen, die Programme zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie umgesetzt haben, eine geringere Personalfluktuation und eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit und –motivation vorherrschen.

Als Fallstudie wurde die British Telecom angeführt:

  • Dort nutzten im Jahr 2007 80.000 der 100.000 Mitarbeiter flexible Arbeitszeiten, 15.000 Angestellte arbeiteten permanent von zu Hause.
  • 98 % der Frauen kehrten nach dem Mutterschaftsurlaub an den Arbeitsplatz zurück, im britischen Durchschnitt beträgt diese Zahl nur 40%.

Einige der anwesenden Knesset-Abgeordneten kommentierten die vorgestellten Gesetzesvorschläge. So war der Abgeordnete der „Hadash“-Partei, Afou Agbaria, der Meinung, dass die beiden vorgestellten Gesetze mehr Frauen den Einstieg ins Berufsleben ermöglichen und es ihnen leichter machen könnten, Beruf und Familie zu vereinbaren. Er fügte hinzu, dass die Knesset just an diesem Tag Individuen mit besonderen Bedürfnissen anerkannt hätte. In Familien mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen liege die Hauptverantwortung in der Regel bei der Mutter. Überdies bestünden im arabischen Sektor Vorurteile gegen Männer, die eine aktive Rolle bei der Kinderbetreuung übernehmen. Diese Gesetze könnten dazu beitragen dies zu ändern, indem sie mehr Arbeitsmöglichkeiten für arabische Frauen schüfen.

Der Abgeordnete der Arbeitspartei (Avoda), Eitan Cabel, erklärte, dass seine Teilnahme an der Konferenz auf seiner festen Überzeugung beruhe, dass diese Themen Männer ebenso sehr beträfen wie Frauen. Die Gesetze zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie ähnelten/glichen dem Reservistengesetz (http://www.haaretz.com/news/national/israel-cabinet-delays-vote-on-bills-to-combat-discrimination-against-women-1.403533), das momentan zur Diskussion steht. Leider würde es schwer, die neuen Gesetzesentwürfe durchzubringen, sie bedeuteten aber einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung und würden dazu beitragen die öffentliche Wahrnehmung zu verändern.

Laut Daniel Ben Simon, ebenfalls Avoda-Abgeordneter, brauche Israel eine zukunftsorientierte Gesetzgebung wie diese, um das Land voranzubringen. Zudem müsste der Frauenmangel in öffentlichen Ämtern angegangen werden. Um einen grundlegenden Wandel zu gewährleisten, müssten Frauen die gleichen Ämter besetzen wie Männer.

Anschließend an die Präsentationen der Podiumsteilnehmer fand eine Publikumsdiskussion statt. Moshe Levin, stellvertretender Direktor des Ministeriums für Industrie, Handel und Arbeit, bekräftigte, dass er das Gesetz als Privatperson absolut unterstütze. Trotz allem gestalte es sich für Regierungsbehörden schwierig Teilzeitstellen anzubieten. Er bevorzuge Vollzeitstellen mit flexiblen Arbeitszeiten. In seinem Ministerium gäbe es Regeln, um Müttern zu entgegenzukommen (bspw. keine Besprechungen nach 14.00), diese seien aber schwer umzusetzen.

Orna Segal, Direktorin von Manpower (eines der größten Personalvermittlungs-Unternehmen in Israel), vertrat die Meinung, dass solche Gesetze nicht wirklich notwendig seien. Arbeitnehmer suchten heutzutage nach Flexibilität und nähmen deshalb keine Jobs an, die das nicht bieten. Dies müssten Unternehmen und Organisationen berücksichtigen und dementsprechend Änderungen umzusetzen. Das unternehmerische Umfeld passe sich an, und um Arbeitnehmer zu halten, müssten Arbeitgeber Flexibilität am Arbeitsplatz anbieten. Andernfalls würden sich die Angestellten nach besseren Angeboten umsehen und dem Unternehmen den Rücken kehren.

Hamutal Ben-Dor, stellvertretende Direktorin in der Abteilung für Gehälter im Finanzministerium, erklärte, dass die öffentliche Verwaltung sehr gute Arbeitsplätze für Frauen und Mütter biete. Sie stellte einige Daten zu Frauen in diesem Arbeitssektor vor:

  • 65% der 56.000 Arbeitsplätze in der öffentlichen Verwaltung sind mit Frauen besetzt.
  • Frauen verdienen durchschnittlich 25% weniger als Männer. Dies lässt sich in der Regel auf niedrigere Positionen und weniger Überstunden zurückführen.
  • Die meisten Frauen arbeiten auf Verwaltungspositionen (rangniedriger als Männer).
  • Rente und Zusatzleistungen basieren auf akademischer Bildung und Dienstalter.


Nicht alle Anwesenden stimmten Frau Segals Aussagen zu. Zwar möge es sein, dass Arbeitgeber Flexibilität zeigten, dies träfe jedoch nur für Angestellte in höheren Positionen zu. Arbeitnehmer auf niedrigeren Positionen profitierten nicht von diesen flexiblen Arbeitsbedingungen.

Die Konferenz, die Themen ansprach, die in Israel eher ein Novum sind, zog viele Besucher an. Besonders Frauen, die hohe Positionen in der Wirtschaft innehaben, Leiterinnen von Stadträten, Anwältinnen, Studentinnen und Vertreterinnen von Frauenorganisationen, nahmen an der Veranstaltung teil.

Mithilfe der Gesetzesentwürfe zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sollte diese Konferenz dazu beitragen ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das ein Gleichgewicht zwischen beruflichem und privatem Leben fördert. Der Druck, der durch die Kombination von beruflichen und familiären Verpflichtungen entsteht, soll dadurch gelindert und reduziert und die vollständige Einbindung der Frauen in die unterschiedlichsten Arbeitsbereiche in der Erwerbsbevölkerung ermöglicht werden. Die Gesetze brachten zudem ein Thema auf, dass in Zukunft von vitaler Bedeutung sein wird: Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit.

Diese besondere Veranstaltung in der Knesset symbolisiert, für was die Zusammenarbeit von KAS und IWN steht: die Förderung von Frauen, der Einsatz für Gleichberechtigung in allen Bereichen und besonders das Anliegen, allen Frauen die Möglichkeit zu geben, Arbeit und Karriere mit besseren und flexibleren Arbeitsbedingungen zu verbinden. Davon profitieren die Familien ebenso wie die Gesellschaft als Ganzes.
Übersetzung: Maren Herter, Evelyn Gaiser

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Israel, 20. Dezember 2011

IWN Conference on Work-Life-Balance, Dec. 6, 2011, Knesset

Von links nach rechts: IWN Delegation, MK Eitan Cabel (Labor), MK Afou Agbaria (Hadash), Rina Bar-Tal (IWN), MK Orit Zuaretz, Vorsitzende der Interessengruppe für die Erwerbstätigkeit von Frauen (Kadima)

IWN Conference on Work-Life-Balance, Dec. 6, 2011, Knesset

Von links nach rechts: MK Orit Zuaretz, Vorsitzende der Interessengruppe für die Erwerbstätigkeit von Frauen(Kadima), Hamutal Ben-Dor (Ministry of Finance), Orna Segal, Direktorin von Manpower, Moshe Levin (Ministerium of Industrie, Handel und Arbeit ), Dr. Galit Desheh (IWN), MK Daniel Ben Simon (Labor)