„Verantwortung für die Umwelt transzendiert die Politik“

Rabbiner Yonatan Neril vom Interreligiösen Zentrum für Nachhaltige Entwicklung antwortet auf Fragen der KAS Israel

Ostern und Pessach nahen, die Natur ist aus dem Winterschlaf erwacht, gläubige wie nichtreligiöse Menschen atmen auf und empfinden Dankbarkeit. Was sagen die Bibel und die jüdischen Weisheitslehrer über diese Erfahrung? Was kann die gesammelte Weisheit der Religionen auf unserem Planeten zur Entstehung eines neuen „ökologischen Bewusstseins“ beitragen? Wir fragten Rabbiner Yonatan Neril vom Interreligiösen Zentrum für Nachhaltige Entwicklung nach seiner Sicht der Dinge.


Herr Rabbiner Neril, gibt es eine Verbindung zwischen Pessach und den Zielen Ihrer Organisation, des Interreligiösen Zentrums für Nachhaltige Entwicklung (The Interfaith Center for Sustainable Development)?

Ja, es gibt eine Verbindung. Wir sind zwar eine interreligiöse Organisation, aber als Rabbiner habe ich Lehren des Judentums studiert, auf die ich mich bei der Arbeit unserer Organisation stütze und aus denen ich bei meinen Antworten auf Ihre Fragen schöpfe.

Das Pessach-Fest wird in der Bibel auch „Frühlingsfest“ genannt; es fällt in eine Jahreszeit, in der die Natur sich erneuert hat und wieder ergrünt. Es feiert die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei im antiken Ägypten nach den Zehn Plagen. Zu diesen Plagen gehörten Heuschreckenschwärme und Hagel, die – wie die Bibel festhält – alles Grün in Ägypten veröden ließen.

Das Interreligiöse Zentrum für Nachhaltige Entwicklung greift auf die gesammelte Weisheit der Religionen auf unserem Planeten zu, um Zusammenleben, Frieden und Nachhaltigkeit durch Erziehung und Praxis voranzubringen. Wenn Sie so wollen, legen wir die „grünen“ Lehren innerhalb von Glaubenstraditionen offen, um zu einer nachhaltigeren und friedlichen Welt beizutragen.

Was ist mit anderen jüdischen Festen wie Schawuot (Pfingsten) und Sukkot, dem Laubhüttenfest?

Die drei Wallfahrtsfeste – Pessach, Schawuot und Sukkot – werden in der Bibel als landwirtschaftliche Feste beschrieben. In den Zeiten, als Juden im Lande Israel lebten, waren viele Juden Bauern, aufs engste mit dem Land verbunden. Der Jahreszyklus landwirtschaftlicher Tätigkeiten und Ernten half ihnen, eine Beziehung zu Gott herzustellen, auf Den sie für Regen und Nahrung angewiesen waren. Die Wallfahrtsfeste, einschließlich Pessach, können uns daher in Erinnerung rufen, wie wichtig es ist, den Zusammenhang zwischen der Nahrung, die wir zu uns nehmen, und dem Kreislauf der Jahreszeiten im Blick zu behalten.

Pessach erinnert uns an die Befreiung der Israeliten aus der Knechtschaft des Pharao. In einem weiteren Sinne ist es ein Fest der Freiheit, der nationalen Selbstbestimmung, der individuellen Menschenrechte. In welcher Beziehung steht diese Botschaft zum Gedanken der nachhaltigen Entwicklung?

Bei der nachhaltigen Entwicklung geht es darum sicherzustellen, dass gegenwärtige und künftige Generationen einen lebensvollen und lebenswerten Planeten erben. Der Zusammenhang mit Freiheit, Selbstbestimmung und Rechten liegt auf der Hand: Nur wenn wir auf einer Erde leben, die sich im Gleichgewicht befindet, können wir ein freies Leben führen, ohne Einschränkungen durch ökologische Probleme, die eine vorangehende Generation uns aufgelastet hat. Wir selber sollten darauf achten, dass wir keine Ungleichgewichte herbeiführen, die gegenwärtige und künftige Generationen daran hindern würden, sich mit allen ihren Möglichkeiten zu entfalten.

In Europa gibt es starke Tendenzen, das Schächten gesetzlich verbieten zu lassen. Unter denen, die ein solches Verbot befürworten, gibt es natürlich anti-jüdische und anti-islamische Stimmen. Aber es gibt eben auch eine authentische Sorge um die „Tierrechte“. Glauben Sie, dass Tiere Träger von Rechten sein können?

Zu diesem Punkt möchte ich Rabbiner David Sears zitieren, der in seinem Buch „Die Vision vom Garten Eden: Wohl der Tiere und vegetarische Lebensweise im jüdischen Recht und in der jüdischen Mystik“ (The Vision of Eden: Animal Welfare and Vegetarianism in Jewish Law and Mysticism) Folgendes schrieb:

„‚Der Herr ist gütig zu allen, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken.’ (Psalm 145,9) Dieser Vers enthält den Maßstab für die rabbinische Einstellung zum Wohl der Tiere: Die Torah tritt für Mitgefühl gegenüber allen Geschöpfen ein, und sie bekräftigt die Heiligkeit des Lebens. Diese Werte kommen zum Ausdruck in den Gesetzen, die die grausame Behandlung von Tieren verbieten, und in Geboten, nach denen Menschen fürsorglich mit Tieren umgehen sollen.

Eine Grundregel der jüdischen Ethik ist es, Gottes Wegen nachzueifern. In den Worten des Talmud: ‚So wie Er voll Barmherzigkeit ist, sollst auch Du barmherzig sein.’ (Traktat Sotah 14a). Daher ist Mitgefühl gegenüber allen Geschöpfen nicht bloß Gottes Angelegenheit; es ist unser aller Angelegenheit. Zudem beschreibt die rabbinische Tradition Gottes Barmherzigkeit als über allen anderen göttlichen Eigenschaften stehend. Deshalb darf man Mitgefühl nicht als einen guten Wesenszug neben anderen betrachten; vielmehr ist sie von zentraler Bedeutung für die gesamte jüdische Sicht auf das Leben.

Güte zieht Handeln nach sich. Jenseits moralischer Gefühle gebietet das Judentum Freundlichkeit gegenüber Tieren im Religionsgesetz; verbietet es, sie zu misshandeln; verpflichtet ihre Eigentümer, für ihr Wohlergehen zu sorgen.“

Noch vor dreißig Jahren galt Umweltschutz als kapitalismuskritisches, politisch auf der Linken beheimatetes Thema. Wäre es nicht angemessener, Umweltschutz als genuin konservatives Anliegen zu begreifen?

Ich bin sehr davon geprägt worden, wie tief das – in heutiger Sprache formuliert – „ökologische Bewusstsein“ ist, das sich in den Texten der Bibel und in den Schriften der jüdischen Weisheitslehrer, die ich gelesen habe, manifestiert. Das Bewahren und Behüten des Planeten, den der Schöpfer uns anvertraut hat, ist von religiöser Bedeutung. Rabbiner Norman Lamm, Kanzler der Yeshiva University, schreibt im Blick auf die Forderung des Buches Genesis „Macht euch die Erde untertan“: „‚Macht sie euch untertan’ ist nicht nur keine Einladung zu ökologischer Unverantwortlichkeit; es ist ein Auftrag, zusätzliche moralische Verantwortung zu schultern, und zwar nicht nur für die natürliche Welt als solche, sondern sogar für die von Menschen gemachte Kultur und Zivilisation, die wir vorfanden, als wir geboren, als wir zur Welt gebracht wurden.“

Ein Ergebnis der Interreligiösen Klima- und Energiekonferenz, die meine Organisation zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung veranstaltet hat, war ein kurzes Video mit Äußerungen religiöser Oberhäupter über ökologische Nachhaltigkeit. Aus diesem Video geht die klare Botschaft hervor, dass Verantwortung für die Umwelt die Politik transzendiert – dass sie ein Thema ist, welches Menschen unterschiedlichen Glaubens und verschiedener Nationalität zueinander bringen kann.

Vielen Dank, Rabbiner Neril.

Die Fragen wurden von Michael Mertes gestellt.

Autor

Michael Mertes

erschienen

Israel, 3. April 2012

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Führende Repräsentanten der Weltreligionen nehmen Stellung zur ökologischen Krise, vor der die Menschheit steht. Ein gemeinsames Video von ICSD und KAS, Frühling 2012