Verwunderung und Empörung über Günter Grass

Aus israelischer Sicht hat sich der Schriftsteller ins Abseits gedichtet

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In Israel hat Günter Grass mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ viel Kritik auf sich gezogen, auch vonseiten links stehender Autoren und Kommentatoren, die die Iran-Politik der israelischen Regierung kritisch sehen. Ministerpräsident Netanjahu wies die in dem Gedicht aufgestellte These, Israel sei eine größere Gefahr für den Weltfrieden als der Iran, in scharfer Form zurück. Insgesamt verlief die Debatte jedoch in ruhigeren Bahnen als in Deutschland.

Zur den wichtigsten Stimmen in der israelischen Debatte zählte jene des weltbekannten Historikers und Autors Tom Segev. Anlässlich des Erscheinens der hebräischen Übersetzung von Günter Grass' autobiographischem Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ („Peeling the Onion“) hatte er im Sommer 2011 ein zweieinhalbstündiges Interview mit dem Nobelpreisträger geführt und darüber eine Titelgeschichte für das Haaretz Magazine vom 26. August 2011, S. 12-15, verfasst (online nachzulesen unter The German who needed a fig leaf).

In einem Beitrag für die Haaretz vom 5. April 2012 (dort S. 1 und 4) unter der Überschrift „Eher erbärmlich als antisemitisch“ (online nachzulesen unter Gunter Grass’ poem is more pathetic than anti-Semitic) betont er, dass Grass keineswegs ein Schweigetabu gebrochen hat, wie er anscheinend glaubt (Zitat aus dem Gedicht: „Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, / dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, / empfinde ich als belastende Lüge“); vielmehr werde über die Frage der richtigen Strategie zur Verhinderung einer nuklearen Bewaffnung des Iran gerade auch in Israel intensiv und sehr kontrovers diskutiert.

Wie zum Beweis dieser Feststellung Segevs veröffentlicht die Pessach-Ausgabe der Jerusalem Post in ihrem Magazin (dort S. 8-11) eine Titelgeschichte über den ehemaligen Mossad-Chef Meir Dagan (Ilan Evyatar: The art of espionage, The Jerusalem Post Magazine vom 6. April 2012). Dahan meint unter anderem: „We never, ever had anything against the people of Iran, and I think that a problem that is creating such a great threat to the region and to the stability of the region and the economy of the region should be dealt with as an international issue.“ (Siehe Dagan: Israel should trust Obama to stop Iran nukes, Jerusalem Post vom 6. April 2012, Seite 1.)

Grass’ Vergleich zwischen Israel und dem Iran, wendet Segev ein, sei unfair, weil Israel im Gegesatz zum Iran „has never threatened to wipe another country off the map.“ Seinen Haaretz-Beitrag schließt Segev mit folgendem Resümee ab: Grass „was right to assume that after his anti-Israeli comments he will be accused of anti-Semitism. Grass, it seems, feels compelled to address unwarranted accusations. Either way, you can relax, Mr. Grass. You’ve written a rather pathetic poem, but you’re not anti-Semitic. You’re not even anti-Israel; in any event, not more than Dagan is. You said you wrote that poem with your last drops of ink. Let’s hope you have enough for another beautiful novel.“

Weniger zurückhaltend äußern sich andere israelische Kritiker zu Grass. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nachdrücklich auf Grass’ einstige Zugehörigkeit zur Waffen-SS verweisen. Die Jerusalem Post zitiert Efraim Zuroff, den Direktor des Jerusalemer Simon Wiesenthal Center, mit der Bemerkung, Grass’ Meinungsäußerung sei „a reflection of the transformation of German anti-Semitism in recent years.“ Grass’ moralische Integrität sei durch sein Geständnis, er habe in der Waffen-SS gedient, völlig kompromittiert worden – und sein Status als moralisches Gewissen Deutschlands im Blick auf die deutsche Schuld im Zweiten Weltkrieg sei offenbar ohne Grundlage gewesen. (Siehe German writer: „Israel is world’s greatest danger“, Jerusalem Post online vom 4. April 2012.)

Auch Giulio Meotti und Benjamin Weinthal sehen in ihrem ynetnews.com-Kommentar vom 5. April 2012 (siehe Something rotten in Germany) Grass’ Gedicht als Symptom einer zunehmenden deutschen und europäischen Immunschwäche gegen den Antisemitismus: „With his latest work, Grass has become the leading anti-Israel author of the European intelligentsia. It is a disturbing sign of intellectual malaise, anti-democratic thinking and nihilism that he can use major media outlets to stoke hatred of Israel. To many Germans, anti-Semitism is apparently no longer a shock.“

Die Tageszeitung Israel Hayom zitiert den israelischen Gesandten in Berlin, Emmanuel Nahshon, mit der Bemerkung, Grass’ Gedicht gehöre zu der europäischen Tradition, Juden vor dem Osterfest des Ritualmords zu bezichtigen: „It used to be Christian children whose blood the Jews used to make matzah, today it is the Iranian people that the Jewish state purportedly wants to wipe out.“ (Siehe „Grass’ poem continues European tradition of blood libel“, Israel Hayom online vom 5. April 2012.)

In einem Beitrag für Jediot Achronot rät der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel dem Literaturnobelpreisträger Grass zu mehr Zurückhaltung und Demut angesichts seiner Biographie. (Siehe Grass poem raises fear „old German“ has returned, says Eli Wiesel, Europe Online Magazine vom 5. April 2012.)

Zu einer ähnlichen Bewertung kommt Anshel Pfeffer (siehe The moral blindness of Gunter Grass, Haaretz vom 6. April 2012, Seite A4) in der Pessach-Ausgabe von Haaretz. Er nimmt Grass zwar gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz, hält ihm jedoch vor, ein aufgeblähtes Ego zu haben, das für die Schwächen der eigenen Argumentation blind sei. „Who can blame a 16-year-old boy, swept up in patriotic fervor, for volunteering during wartime? Grass does not deserve any punishment for his war service, but history has marked him to the rest of his days. How could he have imagined that there would not be a price to pay, unless his bloated self-importance hid the reality from him? Having served in the organization that tried, with a fair amount of success, to wipe the Jews off the face of the earth he should keep his views to himself when it comes to the Jews’ doomsday weapon. And if the 84-year-old writer has become so lost in self-adulation that he can’t realize something that simple, the editors of the respectable newspaper should have found the way to gently point it out to him.“

Bemerkenswert sind auch die Stellungnahmen vonseiten israelischer Regierungsstellen.

In einem Kommentar für die Tageszeitung Maariv vom 5. April 2012 nennt Yigal Palmor, Sprecher des israelischen Außenministeriums, Grass’ Gedicht einen geschmacklosen Übergang von fiction zu science-fiction.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu fand ebenfalls deutliche Worte (siehe PM Netanyahu’s remarks regarding Gunter Grass): „Gunter Grass’s shameful moral equivalence between Israel and Iran, a regime that denies the Holocaust and threatens to annihilate Israel, says little about Israel and much about Mr. Grass.“ Auch Netanjahu weist auf Grass’ einstige Zugehörigkeit zur Waffen-SS hin: „For six decades, Mr. Grass hid the fact that he had been a member of the Waffen SS. So for him to cast the one and only Jewish state as the greatest threat to world peace and to oppose giving Israel the means to defend itself is perhaps not surprising.“

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die „Grass-Affäre“ in Israel zwar hohe Wellen geschlagen hat – aber diese sind gegenwärtig noch nicht zu vergleichen mit der Dominanz des Themas in den deutschen Medien. Sieht man von vereinzelten Stimmen ab, werden Grass’ Äußerungen nicht als symptomatisch für eine sich ausbreitende Schwächung der bisherigen deutschen Abwehrhaltung gegen antisemitische Tendenzen interpretiert. Es ist allerdings nicht gesagt, dass dies so bleibt. Das Eis ist immer noch dünn.

Ora Shapiro und Michael Mertes
Stand: 6. April 2012

Nachlese 8.-12. April 2012

Kommentare

Berichte

Auswahl deutscher und amerikanischer Kommentare


Grass’ Gedicht Was gesagt werden muss im Wortlaut

Autor

Michael Mertes

erschienen

Israel, 6. April 2012

Günter Grass in den israelischen Printmedien 2011/2012

Günter Grass in den israelischen Printmedien 2011/2012