Fünf Fragen, fünf Antworten – Wahrnehmung der deutschen Beschneidungsdebatte in Israel

Ein Gespräch mit dem Vizepräsidenten der Knesset, Herrn Jacob Edery

Auch verfügbar in English

Bereits Anfang Mai 2012 entschied das Landgericht Köln, die Beschneidung von Kindern aus nichtmedizinischen Gründen sei grundsätzlich als Straftat anzusehen, weil das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit schwerer wiege als das Recht der Eltern auf Religionsfreiheit.

Diese Grundrechtsverletzung könne nicht durch Einwilligung der Eltern gerechtfertigt werden. Der angeklagte Arzt, der eine religiöse Beschneidung bei einem vierjährigen Jungen muslimischen Glaubens durchgeführt hatte, wurde dennoch freigesprochen. Das Gericht hielt ihm zugute, er habe irrtümlich geglaubt, seine Handlung sei nicht strafbar. (Anm. 1)

Angetrieben durch die mediale Berichterstattung wurden nun Abgeordnete, Fraktionen sowie die Bundesregierung dazu veranlasst, über die gesetzliche Regelung von Beschneidung Minderjähriger aus nichtmedizinischen Gründen nachzudenken – ein Thema, über das es in Deutschland zuvor nie politischen Streit gegeben hatte. Da sich die Debatte in der Öffentlichkeit primär auf die jüdische Beschneidungspraxis konzentriert, sprach die KAS Israel darüber mit dem Vizepräsidenten des israelischen Parlamentes, Herrn Jacob Edery.

Herr Edery, Sie sprechen oft mit den Bürgerinnen und Bürgern in Israel. Wie nehmen die Menschen in Ihrer Umgebung die deutsche Beschneidungsdebatte auf? Wie intensiv bewegt die Menschen die Diskussion tatsächlich?

Das Thema wird unter den Juden in Israel und auch weltweit als sehr zentral angesehen. Die Gefühle sind belastet, vor allem weil der Fall in Deutschland stattfindet. Die Mehrheit der israelischen Öffentlichkeit weiß nicht und unterscheidet nicht, dass es hier lediglich um ein Urteil eines bestimmten Gerichts in einer deutschen Stadt geht. Die Bevölkerung denkt, die Entscheidung sei durch die Bundesregierung getroffen worden. So wird es wahrgenommen.

Was macht diese Debatte in Deutschland Ihrer Meinung nach so speziell, immerhin gibt es die Diskussion auch in anderen Ländern Europas und in den USA?

In den anderen Ländern Europa befasste man sich hauptsächlich mit dem Verbot der koscheren Schächtung. Dagegen finden zum Thema „Beschneidung“ weltweit Diskussionen statt, hin und wieder auch in Israel. Aber in keinem anderen Land als Deutschland erging bislang ein Gerichtsurteil oder eine Entscheidung offizieller Stellen des Staates, um die Beschneidung zu verbieten. Somit kommt der erste Fall eines Beschneidungsverbots aus Deutschland – mit allem, was damit verbunden ist.

Sie haben erst vor kurzer Zeit mit verschiedenen Vertretern in Europa und besonders in Deutschland über die Schächtung gesprochen. Haben Sie Ihrer Erfahrung nach den Eindruck, dass die Ausübung der religiösen Traditionen von Juden und Muslimen in Deutschland und Europa schrittweise von einer religionsfeindlichen Einstellung zurückgedrängt und per Gesetz eingeschränkt wird?

Meiner Meinung nach ist das eine Konsequenz verschiedener Gründe: Zum einen gibt es den Kampf der Grünen, von Vereinen und anderen Tierschutzorganisationen; zum anderen beobachten wir natürlich auch anti-semitische Tendenzen wie in der Vergangenheit. Wie wir wissen, haben früher europäische Länder bereits die koschere Schächtung und die Beschneidung verboten. Heute sind wir Zeugen einer Neuauflage dessen. Es gibt allerdings Parlamentsmitglieder in Europa, die das Judentum und die Sensibilität der religiösen Angelegenheit verstehen. Sie bemühen sich ferner, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Durch die geführten Gespräche bekam ich das Gefühl, dass dabei auch anti-religiöse Tendenzen gegenüber den Juden und Muslimen bestehen.

Das Thema kann natürlich auch aus einer anderen Perspektive betrachtet werden. Schließlich hat sich das Verständnis über die Rechte von Kindern stetig weiterentwickelt. Ist es Ihrer Meinung nach nicht legitim, das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen?

Das Wohlbefinden der Kinder ist für uns alle wichtig, und man sollte deshalb alle Maßnahmen ergreifen, um die Gesundheit der Kinder nach allen Regeln zu schützen. Trotzdem muss ich als ehemaliger israelischer Gesundheitsminister sagen, dass es zwar Kunstfehler bei Operationen überall auf der Welt, in allen medizinischen Bereichen gibt, aber keiner daran gedacht hat, Operationen deswegen zu verbieten. Insoweit glaube ich nicht, dass die Beschneidung generell wegen eines Kunstfehlers eines „Mohel“ (professioneller Beschneider) oder eines Arztes verboten werden sollte. Natürlich muss man sich dabei Mühe geben, die Verletzungen des Kindes so gering wie möglich zu halten.

Wie entwickelt sich die Debatte in der Knesset, unter anderem bei ihren muslimischen Kollegen im Parlament? Wie könnten ferner die Knesset und der Bundestag, Ihrer Meinung nach als Vorsitzender der Israelisch-Deutschen Parlamentariergruppe, den Prozess positiv begleiten?

Die Knesset und ihre Ausschüsse widmen sich der Diskussion sehr sachlich. Bei diesem Thema beteiligen sich Juden, Muslime und Christen gleichermaßen. Für mich, als Vorsitzenden der Israelisch-Deutschen Parlamentariergruppe, ist eine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bundestag sehr wichtig. In der Vergangenheit, heute und auch in der Zukunft werde ich mich dafür einsetzen, die Zusammenarbeit zwischen Knesset und Bundestag sowie zwischen Israel und Deutschland auch hierbei weiterzuentwickeln.

Ich möchte dabei betonen, dass ich persönlich zwar kein religiöser Mensch bin, mir die Tradition des jüdischen Volkes aber höchst wichtig ist und wir jedem Staat auf der Welt entegentreten werden, der unsere religiöse Tradition, die seit tausenden Generationen besteht, verletzen will.

Vielen Dank, Herr Edery!

Das Gespräch führten Palina Kedem, Catherine Hirschwitz und Florian S. Seibt.

Anmerkungen:

Anm.1: http://www.lg-koeln.nrw.de/Presse/Pressemitteilungen/26_06_2012_-_Beschneidung.pdf

erschienen

Israel, 12. September 2012

Knesset-Vizepräsident Jacob Edery (Kadima) im Herbst 2011

Jacob Edery, Vizepräsident der Knesset und Vorsitzender der Israelisch-Deutschen Parlamentariergruppe