Pöttering kommentiert im Vatikan Papst-Botschaft – Aufruf zu mehr Solidarität

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Der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), Hans-Gert Pöttering, hat die EU bei einem Auftritt im Vatikan zu mehr Solidarität mit armen Ländern aufgerufen. Pöttering, der frühere Präsident des EU-Parlaments, sprach am 4. Februar 2010 im Vatikanischen Pressesaal vor beim Heiligen Stuhl akkreditierten Journalisten aus aller Welt. Er kommentierte auf Einladung von Kurienkardinal Paul Josef Cordes, der das Päpstliche Hilfswerk „Cor Unum“ leitet, die Botschaft Papst Benedikts XVI. für die Fastenzeit 2010. Das Leitthema der Papstbotschaft ist die Gerechtigkeit – in sozialer, politischer und christlicher Sicht.

Pöttering: „Durch Dialog Fundamentalismus stoppen“

Die italienische Nachrichtenagentur ansa hob vor allem Pötterings Bemerkung hervor, dass ein verstärkter interkultureller Dialog wichtig für die Bekämpfung des Fundamentalismus sei. „Wechselseitiger Respekt im interkulturellen Dialog bedeutet nicht, die Augen vor unüberwindbaren Gegensätzen zu verschließen“, so der CDU-Politiker. „Aber wir werden nur dann in der Welt des 21. Jahrhunderts den Fanatismus derer stoppen, die mit Gewalt diese Welt verändern wollen, wenn wir ihnen den geistigen Boden entziehen, auf dem sie viele Menschen guten Willens manipulieren können.“ Dazu sei ein Dialog von Christen mit Moslems und Juden nötig, der auch die Menschen „am Rande des sozialen und kulturellen Daseins“ erreiche. Entgegen den Erwartungen geht die endgültige Fassung der Papst-Botschaft nicht auf den interkulturellen oder interreligiösen Dialog ein, der vom Vatikan allerdings sorgfältig vorangetrieben wird. Der Päpstliche Dialograt schickt gläubigen Moslems jedes Jahr eine eigene Glückwunschbotschaft zu ihrem Fastenmonat Ramadan, und Benedikt XVI. hat erst unlängst wieder – diesmal in Rom – eine Synagoge besucht und sich zum Gespräch mit dem Judentum bekannt.

Es komme „in der politischen Betrachtung der Gerechtigkeit darauf an, die Balance zu wahren“, betonte Pöttering im Vatikan: Auf der einen Seite stehe eine „Idee der Gerechtigkeit, die in der Seele jedes Menschen schlummert“, auf der anderen Seite lasse sich die materielle Wirklichkeit aber „ immer nur in Relation zum Anderen, zum Mitmenschen und zu der Ordnung, in der wir leben“, denken. „Wie sehr diese Balance auseinander geraten kann, haben wir in den vergangenen zwei Jahrhunderten in Europa und in anderen Teilen der Welt immer wieder erfahren. Freiheit und Gleichheit wurden immerfort in einen Gegensatz zueinander gebracht“, so Pöttering. Aus christlicher Sicht bedeute Gerechtigkeit vor allem ein Miteinander von Brüderlichkeit und Solidarität; aus diesem Geist habe die EU in der Nachkriegszeit geradezu „ein einzigartiges politisches Wunder vollbracht“. Allerdings habe „die Kraft der Solidarität im Innern Europas seit der Wiedervereinigung eher wieder nachgelassen“: „Während Europa und die Welt schon heute unvorstellbare Summen für die Bekämpfung der Finanzkrise investiert haben, lässt die Umsetzung der Nächstenliebe in anderen Bereichen, etwa beim Kampf gegen den Hunger in der Welt, noch zu wünschen übrig.“

So entschlossen wie gegen die Finanzkrise sollten Europa und die internationale Gemeinschaft auch gegen die weltweite Armut vorgehen. Pöttering wörtlich: „ Wir brauchen wieder einen europäischen Geist der Solidarität. Und wir benötigen mehr denn je einen europäischen Geist der Solidarität mit allen Völkern und Kulturen dieser einen Welt. Dieses sind die beiden wichtigsten sozialethischen Aufgaben, vor denen die Europäische Union steht.“ Solidarität sei „der neue Name für Frieden“ – und sie sei „nicht abstrakt, sie muss konkret werden“: Der KAS-Vorsitzende forderte eine flächendeckende Sonderabgabe auf Flugtickets (wie es sie in fünfzehn Staaten bereits gibt) zugunsten des Projekts UNITAID der Weltgesundheitsorganisation.

Kardinal Cordes: „Christen treten immer schon für mehr Gerechtigkeit ein“

Kardinal Cordes wies in seiner Rede auf die Konflikte im Sudan hin, vor allem in dem von ihm kürzlich besuchten Darfur. Trotz beruhigender Sprachregelungen der UNO könne „von einem Ende der Kämpfe noch keine Rede sein“, so der Kurienkardinal. „Nach dem schrecklichen Erdbeben in Haiti sehen wir die große Solidarität vieler Menschen - aber die Worte des Papstes sind vor allem eine Herausforderung für unseren Willen, sich Gott anzuvertrauen und an ihn zu glauben. Sie machen also das zum Thema, was in der allgemeinen Diskussion über Gerechtigkeit und Frieden leicht vergessen und verschwiegen wird.“ Einer Selbst-Isolierung des Menschen von Gott („Man könnte von einem durch die Säkularisierung verursachten Autismus des Menschen sprechen“) stelle der Papst „seinen entschiedenen Verweis auf Gott und dessen Angebot der Liebe entgegen“.

Die Kirche habe im Lauf der Geschichte immer wieder Verdienste im Einsatz für soziale Gerechtigkeit gesammelt: „Es wäre eine Verleumdung, die Christen als Menschen hinzustellen, die gegen eine gerechte Verteilung der Güter sind oder die sogar Vorteile aus der Verteidigung einer sozial ungerechten Ordnung ziehen.“ Zu Beginn der Neuzeit, „als europäische Staaten andere Länder und Kontinente zu ihren Kolonien machten“ und dabei „auf wilde Weise ausbeuteten“, hätten christliche Ordensleute und Missionare „den Bewohnern dieser Gegenden nicht nur den Glauben gebracht, sondern sie häufig auch in Lebensstil und –qualität unterrichtet“. Man könne nicht leugnen, so Cordes mit leisem Spott, „dass man noch im 18. oder 19. Jahrhundert vergeblich nach Entwicklungsministerien gesucht hätte“. Hingegen seien die Christen „unter den ersten gewesen, die sich für mehr Gerechtigkeit eingesetzt haben“.

Papst-Botschaft: „Den Trug der Selbstgenügsamkeit aufgeben“

In seiner Fastenbotschaft, die in Stil und Sprache deutlich an seine ersten beiden Enzykliken über die Nächstenliebe („Deus Caritas est“) und über die Hoffnung („Spe salvi“) erinnert, bemüht sich Benedikt XVI. zunächst um eine Definition von Gerechtigkeit; dabei geht er von der antiken Formel „Jedem das Seine“ aus. Aber „Verteilungsgerechtigkeit“ gebe dem Menschen noch nicht alles Notwendige: „Genauso, wie die Menschheit mehr Brot braucht, braucht sie Gott.“

Bei der Frage, woher die Ungerechtigkeit in der Welt komme, gebe die Bibel eine klare Antwort: Das Böse komme aus dem Innern des Menschen selbst. Viele der modernen Ideologien gingen allerdings von einer anderen Voraussetzung aus: „Weil die Ungerechtigkeit „von außen“ kommt, ist es zur Verwirklichung der Gerechtigkeit hinreichend, die äußeren Umstände, die ihre Umsetzung behindern, zu ändern. Diese Vorstellung – warnt Jesus – ist naiv und kurzsichtig. Die Ungerechtigkeit, die aus dem Bösen hervorgeht, hat nicht nur einen äußeren Ursprung; sie gründet im Herzen des Menschen“. Wer Gerechtigkeit schaffen wolle, müsse daher nicht bei den äußeren Umständen ansetzen, sondern beim Menschen selbst. Zum Bemühen um Gerechtigkeit gehörten außerdem die Suche nach dem Willen Gottes und der Entschluss, „den Trug der Selbstgenügsamkeit aufzugeben, jenen tiefen Zustand der Verschlossenheit, der selbst der Ursprung für die Ungerechtigkeit ist“. Mit dem Kreuzestod Christi habe Gott gezeigt, dass der Mensch nicht durch „Opfer“, sondern durch „die Liebestat Gottes“ befreit werde „von der Last der Schuld“. „Sich zu Christus bekehren, an das Evangelium zu glauben, hat im letzten diese Bedeutung: sich aus der Illusion der Selbstgenügsamkeit zu befreien und die eigene Not einzugestehen – das Bedürfnis der anderen und das Bedürfnis Gottes, seines Erbarmens und seiner Freundschaft.“ Weil er nicht allein auf sich selbst vertraue, sondern auf Gott hoffe, werde „der Christ dazu angetrieben, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen, in der alle das Notwendige erhalten, um menschenwürdig leben zu können“.