Patriotismus und Diaspora im Japan der Nordkoreakrise

Nippons nordkoreanische Gemeinschaft zwischen Assimilation & wachsender Ablehnung – ein fortdauerndes japanisches Trauma

Nach dem verheerenden Dreifach-Desaster im japanischen Fukushima vom März 2011, dessen seismisch-maritime und unmittelbar darauffolgende Reaktorkatastrophe fast 20.000 Tote hinterließ, wurde erst später bekannt, dass es sich bei den Betroffenen nicht ausschließlich um einheimische Staatsbürger gehandelt hat. Die anderen Opfer waren nicht nur tot, sie wurden auch totgeschwiegen.

So, wie damals die nahezu unbekannten Zehntausende koreanischer Leidtragender nach den amerikanischen Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Auch 72 Jahre danach bleiben Menschen in diesem Land weiter traumatisiert. Koreaner und Japaner. Bei den Toten der Schicksalstage vom August 1945 handelte es sich um Zwangsarbeiter, die, nach Japan verschleppt, überwiegend in den Munitionsfabriken der einheimischen Rüstungsindustrie den Arbeitskräftemangel wegen der im Pazifikkrieg rekrutierten Soldaten der kaiserlichen Armee ausgleichen mussten.

Die Fremden

Unter den internationalen Fukushima-Opfern 2011 befanden sich vor allem chinesische Gastarbeiter und philippinische Frauen. Während die Männer als temporäre Migranten auf Geflügelfarmen und im Gastronomiegewerbe geschuftet hatten und damit das wachsende Defizit in den ländlichen Regionen Japans behoben, lebten an der Küste des Katastrophengebietes viele Filipinas, die über Vermittlungsagenturen dort mit japanischen Fischern verheiratet wurden, um ein im Vergleich zu ihrer Heimat halbwegs erträgliches, wenn auch karges Leben zu führen. Genaue Todeszahlen fehlen; die Informationen über nicht-japanische Betroffene kamen weder in der japanischen noch der deutschen Berichterstattung vor. Dabei ist Japan nicht nur im Zeichen schrecklicher Katastrophen keineswegs immer das homogen-ideale und „rassisch reine“ Land, als das sich Nippon geriert, und dessen Klischees die Literatur recht unkritisch weiterverbreitet.

Die koreanische Diaspora

In Japan, das ethnischen Unterschieden bis auf den heutigen Tag alles andere als tolerant gegenübersteht, gibt es ca. 500.000 Koreaner. Viele davon nördlicher Abstammung, die zurzeit in 60 Schulen, einer Universität (knapp 1000 Studierenden) am Rande Tokios und in zahlreichen Vereinen, Interessengemeinschaften und Zusammenschlüssen zwischen Folklore und Politik eine eigene Gruppe bilden und semi-assimiliert mehr neben als in der japanischen Gesellschaft leben. Schätzungen beziffern die aktuelle Mitgliederzahl der Vereine auf 150.000. In den Mitte der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts gegründeten privaten Lehranstalten lernen 15.000 Kinder die patriotisch-mythisch aufbereitete Geschichte ihres genuinen Vaterlandes, dessen Muttersprache, falls sie diese überhaupt noch beherrschen, allerdings „draußen“, d.h. im japanischen Alltag kaum noch angewendet wird, und dessen junger Diktator Kim Jong-un ihre gewohnte Lebenswelt nun mit Raketen überfliegen lässt, ihnen die totale Vernichtung prophezeit und den nuklearen Winter androht. Die gesellschaftliche Verbitterung, aber auch Verunsicherung, dieser Diaspora ist groß, und wächst tagtäglich mit der außen- und vor allem sicherheitspolitischen Krise zwischen den USA und der DVRK. Deren Alten mag Nordkorea noch Heimat und Japan ihr Zuhause bedeuten; für die Jungen jedoch ist beides eins. Genau das macht alles so schwierig.

Drei Begriffe beschreiben Drama und Dilemma der koreanisch stämmigen Bevölkerung: Militarismus, Hiroshima und Koreakrieg. Und in diesem Zusammenhang ein weltweit, aber auch regional kaum zur Kenntnis genommenes, gleichwohl für alle Beziehungen zwischen Tokio und Pjöngjang in Gegenwart und Zukunft entscheidendes, 15 Jahre zurückliegendes Eingeständnis eines ungeheuerlichen Verbrechens: das Kidnapping japanischer Bürger durch fremde Agenten aus ihrem eigenen Land. Die Entführten sollten vermutlich als Zeugen von Attentaten verschwinden, sodann als Sprachlehrer und „Kulturmittler“ nordkoreanische Spione schulen, selbst zu Terroristen, Landesverrätern und Kollaborateuren werden oder auch als scheinexistente Ehepartner anderer in nördlicher Gefangenschaft befindlicher Menschen dienen.

Im Verlaufe des seit einem Jahr gefährlich schwelenden, in den vergangenen zwei Monaten eskalierten Nordkoreakonfliktes zwischen den USA und der DVRK (Nordkorea) hat sich, nicht zuletzt durch den Besuch Donald Trumps Anfang November 2017 in Tokio, die publizistische Aufmerksamkeit wieder auf diese symbolischen Opfer eines fremden, vor Nichts zurückschreckenden Terror-Regimes konzentriert. Aber auch auf Xenophobie und Rassismus als Indikatoren vorherrschender Ängste und Abneigungen in Japan selbst. Das gesellschaftliche Problem der hier desintegrierten Nordkoreaner als einer oft von den Einheimischen hochmütig zur Kenntnis genommenen Fremdexistenz in dritter und vierter Generation erfährt nun wieder verstärkte Beachtung. Doch bevor Missverständnisse ausbrechen: eine solche Wahrnehmung hat weniger mit plötzlich aufkeimender Empathie oder Solidarität mit einer bislang mehr oder minder marginalisierten Einwohnerschaft zu tun, sondern zeigt vielmehr das akut ins Bewusstsein gerufene Bedrohungs- und Erinnerungstrauma nordkoreanischer Kriegstreiberei und ungeheuerlicher, vier Jahrzehnte alter Rechtsbrüche.

Die Entführungen

Denn in den früheren 70er und 80er Jahren wurden vermutlich über 100 Japaner und Angehörige anderer Nationen von Pjöngjangs Agenten aus ganz Japan, vom Strand, aus der Hauptstadt Tokio und bei Spaziergängen allein oder mit den Eltern (viele Opfer waren damals noch im Schulalter) entführt. Sie wurden - physisch kaum von Nordkoreanern zu unterscheiden – als Spione ausgebildet, eingesetzt und missbraucht. Das skrupellose Regime um den Staatsgründer und mittlerweile „Ewigen Präsidenten“ Kim Il-sung plante schon damals staatlich angeordneten Terror, geheime Operationen hinter feindlichen, d.h. nicht nur südkoreanischen Linien, versuchte, sogenannte Schläfer in der japanischen Gesellschaft zu installieren, und war für mehrere Attentate, Flugzeugabstürze und selten der Weltöffentlichkeit bekannte Massaker durch gedungene Agenten japanischer Herkunft verantwortlich.

Einerseits erfahren die Geschicke der damals nach Pjöngjang und anderswohin Verschleppten nun erneut Anteilnahme und den Ruf nach endgültiger „Aufarbeitung“ der Verbrechen. Andererseits werden doppeltes Misstrauen, nagende Identitätskonflikte und zwiespältige patriotische Gefühle der gegenwärtig in Japan sozialisierten Koreaner geschürt, die sich als heimatentwurzelte Nationalisten mehr denn je nicht nur zwischen zwei Koreas, sondern auch ihrem vertrauten gesellschaftspolitischen Umfeld entscheiden müssen.

Militarismus

1910 wurde Korea (damals ungeteilt) gewaltsam annektiert, kolonisiert und in das damalige japanische Kaiserreich eingegliedert. Zuvor hatte es bereits Geheimverhandlungen zwischen Tokio und Washington gegeben, mit dem Ergebnis stillschweigender Anerkennung zukünftiger Herrschaftsansprüche auf Korea (Japan) und die Philippinen (USA). Migrationsströme koreanischer Arbeiter nach Nippon folgten. Anfangs überwiegend freiwillig, doch im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges und einer von Tokio aus proklamierten „Neuen Ordnung in Ostasien“ mussten hunderttausende Koreaner in der japanischen Rüstungsindustrie arbeiten. 1945 befanden sich ca. 1.5 Millionen von ihnen in Japan.

Hiroshima

Im August des gleichen Jahres detonierten eine Uran- bzw. Plutoniumbombe über den Millionenstädten Hiroshima und Nagasaki. Japan ergab sich. 40.000 koreanische Menschen fielen allein der nuklearen Vernichtung zum Opfer. Lange Zeit wurde ihrer nicht gedacht; sie besaßen als japanische Untertanen keinen Nationalstatus. Erst 1970 entstanden Mahnmale und Erinnerungsstätten; vor allem in Hiroshima. Nord- und Südkorea gingen unterschiedlich mit den Atombombenopfern unter ihren Landsleuten um, deren Anerkennung und Achtung die zwischenzeitlich entstandene geopolitische, systemische Konstellation bis heute widerspiegelt. Während Pjöngjangs Ideologie anti-japanische und amerikafeindliche Befreiungshelden braucht und so den koreanischen Veteranen der beiden Kriege ein Stück Respekt und Erinnerung zurückgab, erfahren die gleichen Opfer in Seoul noch immer keine Anerkennung oder gesellschaftliche Unterstützung. Nebenbei bemerkt: in Sachen Ausgrenzung Anderer nehmen sich weder Japan, noch Nord- oder Südkorea allzu viel. 1945 war der sogenannte Pazifikkrieg zwar beendet; doch für die koreanische Halbinsel sollten Teilung, Kampf und Zerstörung erst beginnen. Nach dem Krieg lebten schätzungsweise fast 700.000 Menschen in Japan. Sie waren wohl vom Kolonialjoch befreit, gleichzeitig aber, als japanisch erzwungene Staatsbürger auf feindlichem Territorium, auch ehemalige Kriegsgegner ohne Rechte und Würde. Bereits 1955 begann in Japan die Organisation erster traditionsbeseelter Widerstandsverbände koreanischer Gruppen gegen die Tokioter Kultusbürokratie, und damit eine komplizierte Geschichte zwischen Nationalstolz, Patriotismus und dem Dilemma einer Herkunftssuche, die nicht abgeschlossen ist, aber gerade in Zeiten innerer Krisen stets aufs Neue aufflammt. Zum Phänomen gespaltener Identitäten kam ab 1977 noch die Ungeheuerlichkeit der japanischen Entführungsskandale hinzu, die vom früheren nordkoreanischen Regierungschef Kim Jong-il quasi offiziell zugegeben und gegenüber dem japanischen Premierminister Koizumi damals als „teilweise aufklärbar“ bezeichnet wurden. Seitdem stellen die Schicksale der verschwundenen Japaner das größte Hindernis auf dem Weg zu einer grundlegenden Normalisierung in den Beziehungen zwischen Tokio und Pjöngjang dar.

Koreakrieg

Der angstassoziierte Begriff Nordkoreakrise ruft bei allen Betroffenen (im Extremfall die gesamte Erde!) unvermittelt nichts Gutes hervor, nämlich willkürliche Landesteilung (38. Breitengrad), global ausgeweiteter Bürgerkrieg (1950/53), brutale Grenzziehung (DMZ), Orwell’scher Staats- und Überwachungsterror, moralisch zertrümmerte Repression, Konzentrationslager. Vor allem aber, und zunehmend unter Donald Trump und Kim Jong-un: Atompoker, Konfrontation und menschenverschuldeter nuklearer Untergang. Japan, dessen hybrider Modernismus - entstanden nach dem Kriege aus traditioneller Monarchie und den pazifistischen Bestrebungen einer Besatzungsmacht - wäre für sich genommen schon Grund genug für so manchen kulturellen Identitäts- und Orientierungsverlust.

Immer den USA nach!

Tokios Regierung unter Shinzō Abe hatte sich zuletzt in einer auch im eigenen Land mitunter als überstürzt empfundenen vorauseilenden Übereinstimmung mit der ehemaligen Siegesmacht USA befunden. Doch die Forderungen Trumps nach weitreichenderer militärischer Aufrüstung, notfalls auch durch atomar betriebene Waffenarsenale, und seine spektakulären öffentlichen Appelle an eine umfassende Lösung nordkoreanischen Entführungsfälle haben eine Art dreifaches Wiederaufnahmeverfahren zwischen nationaler Selbstbehauptung, Bündnistreue und innenpolitischem Erfolgsdruck in Gang gesetzt. Dessen Konflikttradition berührt gleichermaßen die Regierung Shinzō Abes (dessen politisches Lebensziel nach eigenem Bekunden im Verlauf der jüngsten Trump-Visite in der Aufklärung aller Entführungsfälle seiner Landsleute bestehe), sowie alle in Japan lebenden Nordkoreaner und besonders die japanischen Angehörigen der einst ins Unbekannte Verschleppten. Dass dies hieße, Terror und Verbrechen des Kim-Clans rückhaltlos aufzuklären, ist genau so einleuchtend wie schwierig durchzuführen, geschweige denn wirklich erfolgreich zu Ende zu bringen.

Im Bereich des Vorstellbaren

Weltuntergangsstimmung hat es in der Geschichte mehr als einmal gegeben. Doch der amerikanisch-nordkoreanische Atompoker 2017 hat im bisherigen Verlaufe seiner unheilvollen Bedrohung des Weltfriedens durch ein (wieder) jederzeit vorstellbares Armageddon nicht nur die globale Sorge um ein Weiterleben auf diesem Planeten verschärft, sondern auch ganz konkret den Menschen in Japan geschadet. Die dortige japanisch-koreanische Gesellschaft ist nun tiefer gespalten als je zuvor und bleibt, neben einem generellen Argwohn gegenüber allem Fremden, in antagonistische Korea-Lager entzweit. Pronord- und, weniger gravierend, prosüdkoreanische Organisationen gelten als verdeckte Außenposten ihrer Länder in Japan. Und da Tokio und Pjöngjang keine offiziellen diplomatischen Beziehungen unterhalten, fungiert die nordkoreanische „Gesellschaft der in Japan lebenden Koreaner“ dort als einzige Bastion und informelle Botschaft des isolierten Staates.

Geister der Vergangenheit

Manchmal reiten Boten den Katastrophen voraus: Nordkorea trat offiziell im Januar 2003 vom Atomwaffensperrvertrag zurück. Die Gefahr wurde nicht erkannt oder ernstgenommen. Tokios Besorgnis verhallte ungehört. Nur wenige Wochen später führte Nordkorea zwei Raketentests über dem Japanischen Meer durch. Die DVRK stellt seitdem ununterbrochen ein humanitäres, politisches, vor allem aber Sicherheitsproblem dar. Die Nordkoreakrise, deren Entstehung und Brisanz in Japan bereits Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts erkannt und in ihrer Bedrohung des regionalen Friedens in Ostasien auch immer wieder den USA verdeutlicht wurde, zwingt sowohl Tokio als auch Washington zur mitunter drastischen Erweiterung ihrer außenpolitischen Spielräume innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft. Die Zeit arbeitet gegen eine echte Befriedung der Koreafrage, deren Auswirkungen auf die globalen Beziehungen (zumal unter einem US-Präsidenten Trump) vermutlich nur noch gemanagt, nicht aber gelöst werden.

Mythische Reinheit

Renationalisierungen in Zeiten der Krise schaffen einen zunächst regionalen, dann weltweit zunehmenden Nationalismus, der sich in der Suche, Absteckung und Verteidigung heimischer Grenzen (u.a. durch Flugverbotszonen, Aufteilung der Meeresfläche, Inbesitznahme der Arktis) niederschlägt. Und der oft mehr über den innenpolitischen Zustand eines Landes aussagt als über dessen äußere Konfliktlinien. In Japan findet gegenwärtig eine binationale Restaurationsbewegung ethnischer Identitäten zwischen Koreanern und Japanern statt, deren Ursprünge eigentlich vergessen oder in den Hintergrund gedrängt schienen, heute im Krisenmodus jedoch für die politische Autorität des Staates und dessen gesellschaftliche Gewährleistungen sozialverträglicher Gemeinschaften zu einer erneuten innenpolitischen Herausforderung geworden sind.

Problem und Chance

Es bietet sich wie bei vielen Problemen, in diesem Fall dem Mythos der japanischen Einzigartigkeit, angeblichen Überlegenheit des Volkes und dem vielerorts rassistischen Sendungsbewusstsein, auch gleichzeitig eine Chance. Nämlich die allzu vertraute Annahme friedlicher, ethnischer Konformität Nippons zu revidieren, und unseren durch die dortige Politik nordkoreanischer Minderheitsorganisationen und einheimische Agenten- und Entführungsskandale erweiterten Kenntnisstand zu vertiefen.

Autor

Thomas Awe

Serie

Länderberichte

erschienen

Tokyo, 14. Dezember 2017

Umzugswagen der koreanischen Gemeinschaft beim Japanisch-Koreanischen Austausch-Fest. Über 500.000 Koreaner, viele aus dem Norden, leben in Japan. | © Ivan Lian / Flickr / CC BY-NC-ND 2.0

Umzugswagen der koreanischen Gemeinschaft beim Japanisch-Koreanischen Austausch-Fest. Über 500.000 Koreaner, viele aus dem Norden, leben in Japan. | © Ivan Lian / Flickr / CC BY-NC-ND 2.0

Kontakt

Thomas Awe

Leiter des Auslandsbüros in Japan und des Regionalprogramms Soziale Ordnungspolitik in Asien (SOPAS)

Thomas Awe
Tel. +81 3 6426-5041
Sprachen: Deutsch,‎ English,‎ 中文