Konferenz KAS-Yeomyung Schule

Thema: Strukturen im Bildungswesen in Nordkorea

Am 19. Oktober 2017 fand eine gemeinsame Konferenz des Auslandsbüros Korea der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Yeomyung Schule statt. Die Kooperation der beiden Institutionen besteht mittlerweile seit sechs Jahren. Während im vergangen Jahr eine gemeinsam organisierte Veranstaltung zum Thema „Traumaforschung bei Flüchtlingen aus Nordkorea“ stattfand, widmete sich die Konferenz in diesem Jahr Bildungsfragen in einem wiedervereinigten Korea.

Die Yeomyung Schule arbeitet in Seoul für die Integration junger nordkoreanischer Flüchtlinge in die südkoreanische Gesellschaft und kann als Modell einer inklusiven Schule in Zeiten nach der Wiedervereinigung fungieren. Für die Arbeit der Yeomyung Schule ist es trotz großer Unterschiede zwischen dem geteilten Korea und dem geteilten Deutschland sinnvoll, sich mit den deutschen Erfahrungen auseinanderzusetzen und gegebenenfalls Lehren zu ziehen.
Für diese Konferenz wurde von der deutschen Seite Frau Prof. Dr. Rita Nikolai von der Humboldt Universität zu Berlin eingeladen. Nach einer abendlichen Vorbesprechung mit den Referenten und Organisatoren der Veranstaltung in den Räumen des KAS Auslandsbüros, hielt Prof. Dr. Nikolai am Konferenztag einen Vortrag zur Schulpolitik nach der Wiedervereinigung Deutschlands und erklärte dem koreanischen Publikum das dreigliedrige Bildungssystem Westdeutschlands sowie die dessen Ablehnung in den neuen Bundesländern nach der Wende. Die Bildungswissenschaftlerin erläuterte außerdem die Entstehung eines Hybridsystems zwischen dem ostdeutschen und dem westdeutschen Bildungssystem am Beispiel von Thüringen.
Die Punkte, die Frau Prof. Nikolai für das Schulsystem in einem geeinten Korea wichtig hielt, sind Flexibilität, Pragmatismus und Zusammenarbeit. Denn die Erfahrungen zeigten, dass es zu Problemen führen kann, einem Land ein anderes Bildungssystem ohne Berücksichtigung der unterschiedlichen Voraussetzungen aufzuzwingen. Mit Blick auf die Erfahrungen Deutschlands ist vor allem die Frage der Wertschätzung von Lehrkräften ein zentraler Aspekt. Frau Nikolai merkte hierzu an, dass es die Lehrer waren, die nach der Wiedervereinigung die größten Anpassungsschwierigkeiten hatten und nicht die Schüler.
Der erste Vortrag von koreanischer Seite wurde von der Referentin Dr. Eom Hyun Sook gehalten. Sie berichtete vom Bildungssystem in Nordkorea und die Veränderungen der Bildungsmethoden seit der Gründung Nordkoreas bis heute. Sie beschrieb, wie sich die Rolle der Lehrer in den letzten Jahrzehnten in Nordkorea stark verändert hat (revolutionär, Problemlöser, Mutter, Gärtner, Mediator). Frau Dr. Eom plädierte für eine bessere Integration der Jugendlichen aus Nordkorea in Südkorea und glaubt, dass eine gelungene Integration hinsichtlich der Wiedervereinigung ein wichtiger Baustein sein kann.
Den zweiten Vortrag hielt Herr Lee Seung Joo, ehemaliger Schüler der Yeomyung Schule und seit März 2016 Lehrer an Selbiger. Er betonte die hohe Autorität von Lehrern in Nordkorea und erläuterte das Ziel des nordkoreanischen Bildungssystems: Die Aufrechterhaltung des Regimes und die Erziehung der Kinder hin zu linientreuen Bürgern. Herr Lee schlug vor, im Falle einer Wiedervereinigung die Bildungssysteme von Süd- und Nordkorea zu vereinen, indem man das Beste von beiden behält. Er gab an, dass seiner Meinung nach nordkoreanische Flüchtlinge eine Schlüsselrolle in der Vorbereitung der Wiedervereinigung spielen werden und als Brücke zwischen Nord- und Südkorea fungieren.

Auf die Vorträge folgte eine Fragenrunde mit den Referenten, bei der die Teilnehmer zuvor die Möglichkeit hatten, Fragen einzureichen. Bei der Frage nach Wegen der Wertschätzung der nordkoreanischen Bürgern und Aspekte ihres Bildungssystems waren sich die Referenten einig, dass ein Berufsverbot für nordkoreanische Lehrer in jedem Fall zu vermeiden ist. Hier gelte es eher den betroffenen Lehrern zu einem offenen Diskurs sowie dem Einsatz von neuen Medien zu ermutigen. Zudem sollte das nordkoreanische Schulsystem nicht komplett verworfen und positive Aspekte in das gemeinsame Schulsystem übernommen werden. Ein respektvoller Umgang miteinander ist ebenso wichtig: Süd- und Nordkorea sind eine Nation aber das Anderssein zwischen den beiden muss anerkannt werden. Eine Zusammenarbeit von Lehrern aus Süd- und Nordkorea nach der Wiedervereinigung ist daher die einzig geeignete Initiative.
Schließlich antworteten die nordkoreanischen Referenten auf eine interessante Frage: Was soll in einen vereinigten Korea vom südkoreanischen Modell nicht übernommen werden? Die Referenten wiesen auf Probleme des südkoreanischen Bildungsmodells hin, was verdeutlicht, dass eine völlige Absorption vom nordkoreanischen Modell nicht wünschenswert ist. Die Referenten nannten unter anderem die Abwesenheit von einem ganztägigen Betreuungssystem für Kinder in Südkorea, die private Nachschulhilfe durch teure Akademien, und den extremen Wettbewerbscharakter an südkoreanischen Schulen.
Als Schlusswort hob die stellvertretende Schulleiterin der Yeomyung Schule in ihrem Resümee hervor, dass Korea aus den geschilderten Erfahrungen viel lernen könne. Basierend auf den Erfahrungen der deutschen Wiederver¬einigung liegt die Schlussfolgerung nahe, dass im Fall der koreanischen Wiedervereinigung nicht nur Nordkoreaner über den Süden ihres Landes informiert werden müssen, sondern auch Südkoreaner ihr Wissen über den Norden, seine Bewohner und ihren Lebensalltag sowie kulturelle Besonderheiten erheblich erweitern und mit Respekt begegnen müssen.

Berichtet von Frau Emma Coïc, derzeit Forschungsassistentin des Auslandsbüros Korea der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Korea, 19. Oktober 2017

Vorbesprechung KAS – Yeomyung Schule
Konferenz KAS - Yeomyung Schule Prof. Dr. Nikolai
Publikum Konferenz KAS - Yeomyung Schule

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Stefan Samse

Leiter des Auslandsbüros Korea

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