Litauen trauert um seinen ersten Staatspräsidenten Algirdas Brazauskas

Am Samstag, den 26. Juni 2010, ist der erste nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit demokratisch gewählte Präsident der Republik Litauen, Algirdas Brazauskas, gestorben. Im Alter von 77 Jahren erlag der Staatspräsident a. D. und ehemalige Ministerpräsident einem Krebsleiden.

Algirdas Brazauskas gilt als eine der Symbolfiguren für die Unabhängigkeit Litauens. Als Staatspräsident und Ministerpräsident gestaltete er insgesamt zwölf der vergangenen zwanzig Jahre seit Wiederherstellung der Unabhängigkeit des Landes die Politik der jungen Demokratie in verantwortungsvoller Funktion. In einer ersten Stellungnahme würdigte die amtierende Staatspräsidentin Litauens, Dalia Grybauskaitė, ihren Vorgänger als einen nachdenklichen Menschen und herausragenden Politiker, der in einer kritischen Phase des Landes Verantwortung übernommen hat.

Vom Apparatschik zum Reformer

Brazauskas wurde im Jahr 1932 in Rokiskis in Zentrallitauen in einer Beamtenfamilie geboren. Nach einem Ingenieurstudium, das er 1956 mit einem Diplom am Polytechnischen Institut Kaunas abschloss, strebte er eine Beamtenlaufbahn in der Verwaltung der Litauischen Sozialistischen Sowjet Republik (LSSR) und der Kommunistischen Partei Litauens (KP) an. Im Jahr 1965 wurde Brazauskas im Litauischen Obersten Sowjet zum Minister für die Industrie zur Herstellung von Baumaterial ernannt. Von 1967 bis 1977 fungierte er als stellvertretender Vorsitzender des staatlichen Planungskommittees der LSSR. 1988 wurde er zum ersten Sekretär der KP, die er auf Reformkurs lenkte. Unter seiner Führung setzte sich die KP an die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung, nannte sich zunächst Demokratische Arbeitspartei Litauens und ging schließlich in der Litauischen Sozialdemokratischen Partei auf.

Noch als erster Sekretär der Litauischen KP ließ Brazauskas die Besatzung des Landes 1940 durch die Sowjetunion als unrechtmäßig verurteilen und erklärte Litauisch wieder zur ersten Amtssprache. Er war einer der führenden Persönlichkeiten der litauischen Unabhängigkeitsbewegung „Sąjūdis“. Ende 1989 nahm er eine Verfassungsänderung vor und setzte somit der führenden Rolle der Kommunistischen Partei ein Ende. Somit setzte Brazauskas den Grundstein zum Mehrparteiensystem in Litauen und führte das Land 1990 in die Unabhängigkeit.

Am 11. März 1990 gehörte Brazauskas zum Kreis der 124 Unterzeichner der litauischen Unabhängigkeitserklärung und war als stellvertretender Ministerpräsident der ersten Regierung Kazimiera Prunskiene von Beginn an einer der führenden Figuren des unabhängigen Litauens. 1992 wurde Algirdas Brazauskas zum Parlamentspräsidenten gewählt, der damals auch als Staatsoberhaupt fungierte. Bei den ersten demokratischen, freien und geheimen Präsidentschaftswahlen 1993 wurde der amtierende Parlamentspräsident Brazauskas zum ersten Staatspräsidenten der Republik Litauen gewählt und amtierte dementsprechend bis 1998. In seiner Amtszeit unterzeichnete der ehemalige Vorsitzende der KP das offizielle Bewerbungsschreiben Litauens an NATO-Generalsekretär Manfred Wörner um Aufnahme in die transatlantische Sicherheitsallianz und setzte seine Unterschrift unter den Aufnahmevertrag seines Landes in die EU.

Nach Ende seiner fünfjährigen Amtszeit kehrte er zunächst der politischen Bühne den Rücken zu, um drei Jahre später im Jahr 2001 als gewählter Ministerpräsident Litauens ein Comeback zu feiern. Dieses Amt bekleidete er bis 2006. Während seiner Amtszeit als Regierungschef trat Litauen der EU und der NATO bei.

Die litauische Regierung ordnete nach einem Kabinettsbeschluss am Montag dreitägige Staatstrauer an. Bis zum Mittwoch hat die Öffentlichkeit Zeit, sich im Präsidentenpalast von ihrem aufgebahrten ehemaligen Staatsoberhaupt und Regierungschef zu verabschieden. Am 1. Juli 2010 wird Algirdas Brazauskas seine letzte Ruhe auf dem Antakalnis Friedhof in Vilnius finden.

Autoren

Andreas Michael Klein, Rita Lapinienė

Serie

Länderberichte

erschienen

Sankt Augustin, 30. Juni 2010