"Wir können es uns nicht leisten, die Hoffnung zu verlieren."

E-lection Bridge Africa: Interview mit Luke Tamborinyoka

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Es ist der Tag danach. Bis spät in die Nacht haben die Regierungschefs der Region zuvor auf ihrem Gipfeltreffen im südafrikanischen Sandton diskutiert. Nach dem Stimmengewirr und der medialen Aufregung am Abend zuvor genießt Luke Tamborinyoka nun die mittägliche Ruhe der kleinen Bäckerei im Johannesburger Stadtteil Dunkeld. Der Sprecher von Simbabwes Ministerpräsidenten Morgan Tsvangirai (Movement for Democratic Change, MDC) entspannt sich zunächst mit einem kleinen Schwätzchen über Fußball – bevor er zur Politik zurückkehrt. Bei einem Hamburger und Fruchtsaft steht einer der wichtigsten und mutigsten politischen Kommentatoren Simbabwes für die KAS E-Lection Bridge Africa jetzt Rede und Antwort.

KAS MEDIA AFRIKA: Wie schafft es die MDC eigentlich, im Simbabwe des Herrschers Robert Mugabe überhaupt so etwas wie Wahlkampf zu betreiben?

LUKE TAMBORINYOKA: Es ist möglich! Im Jahr 2008 haben wir die Wahl sogar gewonnen, obwohl wir keinerlei Zugang zu den Medien hatten. Keine Zeitung berichtete über uns, man gestand uns keine einzige Sekunde im Radio oder Fernsehen zu. Es ist sicher schwierig, unter solchen Umständen zu arbeiten. Doch die Erfahrung von 2008 lässt hoffen, dass wir nächstes Jahr erneut eine erfolgreiche Kampagne auf die Beine stellen und unseren Wahlerfolg wiederholen können.

Biographie
Luke Tamborinyoka ist Leiter der Öffentlichkeitsarbeit und offizieller Pressesprecher des simbabwischen Premierministers Morgan Tsvangirai. Er führt das dreiköpfige Kommunikationsteam der „Bewegung für Demokratischen Wandel“ (MDC) in Harare. Zuvor war der Medienprofi als Direktor für Information und Öffentlichkeitsarbeit der MDC sowie Chefredakteur der unabhängigen Tageszeitung The Daily News tätig, bevor diese 2003 von Präsident Robert Mugabe verboten wurde.

KAS MEDIEN AFRIKA: Wie bewahren Sie sich unter diesen Umständen Ihren Optimismus?

LUKE TAMBORINYOKA: Wir können es uns einfach nicht leisten, die Hoffnung zu verlieren. Einmal haben wir es schon geschafft – und wir können es wieder schaffen. Dazu müssen wir fest an unseren Sieg glauben und alle, wirklich alle, Mittel des Wahlkampfs ausschöpfen.

KAS MEDIEN AFRIKA: Seit ihrem Wahlsieg 2008 und der folgenden Koalitionsregierung aus Mugabes ZANU-PF und ihrer MDC ist die Zahl der Handybesitzer in ganz Simbabwe stark gewachsen. Welche Rolle spielen Mobiltelefone in ihrer Kommunikationsstrategie?

LUKE TAMBORINYOKA: Das Handy ist zu einer vielversprechenden Option für uns geworden – besonders, da uns etliche traditionelle Kommunikationswege verschlossen bleiben. Wir sind weiter im Gespräch mit KAS Media Africa und dem Mobilfunkexperten Gustav Praekelt, inwieweit sich ihre Vision von einem politischen Werkzeugkasten mit dem Arbeitstitel „M-Dem“ auch in Simbabwe realisieren lässt.
Glücklicherweise befinden wir uns beim Mobilfunk in einer recht ordentlichen Ausgangssituation. Der zuständige Kommunikationsminister ist Mitglied unserer Partei und die Mobilfunkfirmen wollen uns potentiell mit den Kundendaten versorgen, so dass wir potentielle Wähler besser erreichen können. Aber: Die bestehenden Gesetze Simbabwes machen uns weiterhin Sorgen, denn sie sind im Wesentlichen immer noch auf die ZANU-PF ausgerichtet. Das könnte uns ernsthafte Probleme bereiten.

KAS MEDIEN AFRIKA: Wie digital sind Sie selbst? Und wie digital ist Ihre Partei?

LUKE TAMBORINYOKA: Wir versuchen, digital so erreichbar wie möglich zu sein über Facebook und unsere Website. Unsere Partnerschaft mit internationalen Experten hat uns vor Augen geführt, dass wir da noch einiges verbessern können. Bedenken Sie: Wir sind nur drei Mitarbeiter im Kommunikationsbüro des Premierministers, aber mit Hilfe unserer Partner ist es möglich, ganz dicht am Puls der Zeit zu bleiben. Einige Ideen haben wir zum Beispiel vom deutschen Wahlkampf 2009 übernommen.
Was mich derzeit fasziniert, das sind die Fernsehkanäle im Web wie CDU.TV bei YouTube. Auf diese Weise könnten wir die Zielgruppe der jungen Wähler besser erreichen, die zunehmend vom Fernsehen zum Web-Fernsehen überwechseln. Die nächsten Wahlen, da bin ich sicher, werden über die Kommunikation entschieden, und viel wird davon abhängen, wie wir unser Potential auf diesem Gebiet optimieren können.

Über die "Bewegung für Demokratischen Wandel"
Die MDC wurde am 11. September 1999 in Harare gegründet und wählte auf ihrem ersten Parteitag am 26. Januar 2000 Morgan Tsvangirai zu ihrem Vorsitzenden. Ursprünglich wurde die MDC von mehreren zivilgesellschaftlichen Gruppierungen und Einzelpersonen ins Leben gerufen, um als ernst zu nehmende Opposition zur ZANU-PF des langjährigen Herrschers Robert Mugabes zu agieren. Bereits im Jahr 2000 gewann die MDC 57 von 120 Sitzen im Parlament. Nach den Wahlen von 2008 musste die Partei im Rahmen eines regional verhandelten Abkommens die Macht mit der ZANU-PF teilen – trotz ihrer errungenen Mehrheit der Parlamentssitze. Robert Mugabe blieb im Amt des Staatspräsidenten. Seit 2009 regieren die beiden Parteien nun das Land gemeinsam, was der MDC eine Reihe von Kabinettspositionen eingebracht hat.

KAS MEDIEN AFRIKA: Was könnten die Deutschen von Ihren Erfahrungen in der politischen Kommunikation lernen?

LUKE TAMBORINYOKA: Die Notwendigkeit, kreativ zu sein. Wissen Sie, viele internationale Wahlkampagnen begeistern und inspirieren uns. Aber selbst Ideen, die uns stark beeindruckt haben, können wir dann nur selten auf Simbabwe übertragen. Nehmen Sie zum Beispiel das berühmte XXL-Plakat der CDU in Berlin im Wahlkampf 2009 mit den Porträts von Hunderten Freiwilligen – völlig unmöglich, das in Simbabwe auf die Beine zu stellen! Wir müssen zwangsläufig in alle Richtungen denken. Momentan interessiert uns als politische Kommunikatoren besonders, wie wir unsere Kandidaten als Marke etablieren können. Das ist definitiv auch mit unserem Spitzenmann Morgan Tsvangirai möglich. In diese Richtung wollen wir etwas entwickeln.

KAS MEDIEN AFRIKA: Letzte Frage – wie immer bei der KAS E-Lection Bridge Africa: What is the next big thing?

LUKE TAMBORINYOKA: Das wissen wir nicht so richtig. Die sozialen Medien entwickeln sich so rasant, dass schwer zu sagen ist, was als nächstes kommt. Eins steht fest: Wir bewegen uns weg von konventionellen Medien, und früher oder später werden neue Plattformen im Internet auftauchen. Darauf müssen wir vorbereitet sein.