"Die Leute wollen lieber Lösungen als Versprechen"

E-lection Bridge Africa: Interview mit Daviz Simango

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Auf dem Weg zur Universidade Catolica de Mocambique in Beira dreht Lutero Simango noch eine Extrarunde für den Besucher. Stolz zeigt der Fraktionsvorsitzende der „Movimento Democratico de Mocambique“ (MDM) den neuen Kulturpark und aktuelle Bauprojekte vor. Wir erleben eine Stadt im Aufbruch – und das ist bereits praktisch angewandte Politische Kommunikation. Denn: Die MDM regiert in der zweitgrössten Kommune des Landes, der Bürgermeister ist sein Bruder Daviz, mit dem wir zum Interview für die Website der E-lection Bridge Africa verabredet sind. Ich treffe ihn im Saal „Beira“ der Katholischen Universität am Rande eines KAS-Seminars. Es ist Kaffeepause, aber Daviz M. Simango rührt das bereit gestellte Sandwich nicht an. Lieber nimmt er uns umgehend mit auf einen Streifzug durch die Politik in Mosambik.

KAS MEDIEN AFRIKA: Herr Simango, Sie sind nicht nur der Bürgermeister der Küstenstadt Beira, sondern auch der Parteivorsitzende der MDM – der dritten politischen Kraft in Mosambik, hinter der Regierungspartei Frelimo und der Renamo. Mit welchen Herausforderungen haben Sie es landesweit auf dem Feld der Politischen Kommunikation zu tun?

DAVIZ SIMANGO: Lassen Sie es mich gerade heraus sagen: Unser größtes Problem sind die Medien. Der Staat bzw. die Regierungspartei kontrollieren die öffentlichen Medien, allen voran Fernsehen und Radio. Selbst die privatwirtschaftlichen Medien gehören zu einem grossen Teil den Herrschenden. Wir müssen deshalb unsere eigenen Medien kreieren und neue Wege einschlagen. Ich denke da an das Internet und Instrumente wie Web-TV. Schließlich müssen wir die Leute wissen lassen, wofür wir stehen und woran wir arbeiten.

KAS MEDIEN AFRIKA: Wir haben uns in Beira getroffen, der Hochburg der MDM. Fällt Ihnen die Kommunikation auf lokaler Ebene leichter?

DAVIZ SIMANGO: Absolut, denn wir sind viel näher an den Menschen dran. Hier können wir Woche für Woche die Menschen treffen, zum Beispiel beim Fussball schauen in der Nachbarschaft. Wir setzen uns dann neben die Leute auf die Bänke und reden. Da kann man jede Minute eine Botschaft transportieren. Lassen Sie mich noch ein anderes Beispiel für die Kommunikation und das Marketing vor Ort geben. In unserer Gesellschaft spielen Beerdigungen eine wichtige Rolle. Unsere Partei stellt dafür Fahrzeuge zur Verfügung. So zeigen wir: Ja, wir kümmern uns wirklich um die Menschen.

Daviz Simango
Daviz Simango wurde 1964 geboren und absolvierte zunächst ein Ingenieursstudium, bevor er zu den führenden Akteuren der Politik in Mosambik aufstieg. Der Vorsitzende der demokratischen Oppositionspartei „Movimento Democratico de Mocambique“ (MDM) ist gleichzeitig auch Bürgermeister der Hafenstadt Beira. Bei den Präsidentschaftswahlen 2009 trat er kurzfristig als einer von drei Kandidaten an und errang einen Achtungserfolg. Sein Bruder Lutero ist gleichfalls politisch aktiv und vertrat die MDM bei der KAS E-lection Bridge Africa im Frühjahr 2011 in Accra/Ghana.


KAS MEDIEN AFRIKA: Wir haben gerade im Workshop beeindruckende Bilder ihrer Wahlkampf-Veranstaltungen gesehen, mit zehntausenden Zuschauern. Das sieht nach einem schlagkräftigen Kommunikationsinstrument aus.

DAVIZ SIMANGO: Bei diesen Veranstaltungen habe ich jedes Mal eine Gänsehaut. So viele Menschen sind gekommen, um Dich zu hören – nun darf man sie nicht enttäuschen, auf gar keinen Fall! Ich frage mich vorher genau: Was wollen sie von mir hören? Weniger ist häufig mehr, also platziere ich drei, höchstens vier Botschaften. Und ich bin sehr, sehr vorsichtig bei Versprechungen. Die Leute wollen nämlich lieber Lösungen.

KAS MEDIEN AFRIKA: Auf dem Tisch vor uns liegen zwei Mobiltelefone. Welche Rolle spielt das Handy in der Kommunikation in Mosambik?

DAVIZ SIMANGO: Unsere Kommunikationsabteilung arbeitet kontinuierlich daran, Themen zu identifizieren, auf die wir per SMS reagieren können. Wir nehmen dann Stellung zu Themen wie Preissteigerungen oder nicht bezahlten Lehrergehältern. Diese Mitteilungen sind dann äußerst kompakt, manchmal bestehen sie lediglich aus fünf bis sechs Wörtern. Sie erreichen bis zu 10.000 Menschen, die sie dann hoffentlich noch weiterleiten. Vor dem Hintergrund wachsender mobiler Kommunikation war es auch sehr wertvoll, dass unser Fraktionsvorsitzender, mein Bruder Lutero, an der KAS E-lection Bridge Africa in Ghana teilgenommen hat.

KAS MEDIEN AFRIKA: In Afrika hören wir immer von der grossen Bedeutung junger Menschen im politischen Prozess.

DAVIZ SIMANGO: Es gibt in Mosambik viel mehr junge als alte Menschen. Wissen Sie, wer die Jungen hat, der hat alles! Unser Ansatz ist auch da wieder sehr nah an den Leuten: Wenn ein Jugendlicher mit einem MDM-Shirt nach Hause kommt, dann kann er vielleicht auch seinen Vater überzeugen, uns in einem anderen, besseren Licht zu sehen. Oder wir verteilen auch Fuß- und Basketbälle. Mit einem Fußball spielen dann mehr als zwanzig Jugendliche. Auf diese Art und Weise kommen viele Menschen mit uns in Berührung, buchstäblich (lacht).

Movimento Democrático Moçambicano
Am 6. und 7. März 2009 fand in Beira, der zweitgrößten Stadt Mosambiks, der Gründungskongress der neuen Partei Movimento Democrático Moçambicano (MDM) statt. Zum Vorsitzenden wurde erwartungsgemäß der populäre Bürgermeister von Beira, Daviz Simango, gewählt. Das Symbol der MDM ist ein Hahn und ihr Schlachtruf „Kikeriki“. Die Botschaft von Daviz Simango lautet dementsprechend, dass alle Mosambikaner aufwachen und daran glauben müßten, dass es möglich sei, tiefgreifende Veränderungen in Mosambik zu erreichen. Die MDM trat an, das herrschende Zwei-Parteien-System der Regierungspartei Frelimo sowie der Oppositionspartei Renamo zu durchbrechen – und sich als dritte politische Kraft im Land zu etablieren.


KAS MEDIEN AFRIKA: Was können politische Kommunikatoren in Deutschland von Mosambik lernen?

DAVIZ SIMANGO: Wir arbeiten unter schwierigsten Bedingungen. Das geht nur mit Überzeugung. Folgerichtig sind Freiwillige ganz, ganz wichtig für uns, gerade im lokalen Bereich. Ich glaube, kein Instrument ist stärker als Mund-zu-Mund-Propaganda. Ausserdem vergessen Sie nicht: Wir dürfen die Schwächsten nicht aus den Augen verlieren, in unserer Kommunikation bedeutet das: die Analphabeten.

KAS MEDIEN AFRIKA: Die letzte Frage, wie immer bei der E-lection Bridge: Was ist „the next big thing“?

DAVIZ SIMANGO: Mit einem Blick auf die Zukunft: Kommunikation muss so günstig wie möglich sein, damit auch die ärmsten Leute daran teilhaben können.