"Der Kongo ist wie ein verwundeter Körper"

E-Lection Bridge Africa: Interview mit Pierre Mpiana

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Im noblen Johannesburger Vorort Dunkled West sprießen die ersten Frühlingsknospen. Rasensprenger machen die Umgebung angenehm frisch. Pierre Mpiana und andere Teilnehmer, der von KAS Südafrika ausgerichteten Sommerakademie für politische Kommunikation, genießen ihr Mittagsbuffet im Garten. Eine politische Kampagne bedeutet für ihn üblicherweise wesentlich härtere Strapazen. Pierre organisiert den Wahlkampf von Eve Bazaiba Masudi, eine Kandidatin der Partei Mouvement pour la Liberation du Congo (MLC). Sie ist die Abgeordnete des ostkongolesischen Landkreises Basoko – ein vom jahrelangen Bürgerkrieg schwer gezeichneter Ort. Ein Video des letzten Wahlkampfes bezeugt: Pierre schickt seine Kandidatin über aufgeschwemmte Pisten und turbulente Strömungen, auf die Dorfplätze der Region - immer den direkten Kontakt mit dem Wähler im Auge. Eine Sache irritiert jedoch: Bei den Veranstaltungen werden Fotos von Kriegsverbrechen und deren Opfern hochgehalten. Was hat das zu bedeuten?

KAS MEDIEN AFRIKA: In Ihrer Wahlkampfrede haben Sie uns schockierende Kriegsbilder aus Ihrer Heimat gezeigt: misshandelte Kinder und abgetrennte Füße. Führen Sie wirklich mit solchen Bildern einen Wahlkampf in der angespannten politischen Atmosphäre der Demokratischen Republik Kongo (DRK)?

PIERRE MPIANA: Ich weiß, diese Bilder sind schockierend. Aber die Bedingungen in der DRK sind einfach schockierend und das wollen wir nicht verbergen. Die Menschen im Kongo werden damit täglich konfrontiert. Krieg und Gewalt sind die Themen die uns die größten Sorgen bereiten. Mit unseren Bildern wollten wir zeigen, dass der Kongo selbst wie ein verwundeter Körper ist. Auf den Wahlkampfveranstaltungen erklärten wir den Menschen, dass - so wie ein Mensch seine Füße zum Gehen und seine Hände zum Greifen braucht - unsere Nation auf alle Teile der Gesellschaft angewiesen ist. Nur wenn wir zusammen die Gewalt stoppen können, sind wir in der Lage als geeinte Nation voran zu kommen.

KAS MEDIEN AFRIKA: Sehen Sie keine Gefahr darin gewaltvolle Bilder zu zeigen?

PIERRE MPIANA: Wir müssen natürlich die Gefahren und Vorteile unserer Wahlkampfmethoden abschätzen. Bilder sind wirkungsvolle Werkzeuge, da die Menschen an das glauben, was sie sehen. Im Kongo müssen wir damit vorsichtig sein, um keine weiteren Ausschreitungen zu provozieren. Deshalb war es an uns, den Menschen zu erklären, dass wir keinen Hass predigen, sondern Einheit und Frieden stiften wollen. Hierfür boten die Gespräche und Diskussionen Raum. Und wir waren erfolgreich: Unsere Kandidatin wurde zur Abgeordneten ihres Kreises in die Nationalversammlung gewählt.

Pierre H. Mpiana
Pierre H. Mpiana ist Assistent von Eve Bazaiba Masudi, die Abgeordnete der Partei Mouvement pour la Liberation du Congo (MLC) des Kreises Basoko im Bundesstaat Orientale, der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Neben dieser Tätigkeit arbeitet Mpiana auch als Berater für verschiedene Abteilungen der MLC, wie z.B. für das Büro für Jugend und Bildungsangelegenheiten oder für die Frauenliga. Bevor Mpiana 2005 politisch aktiv wurde, arbeitete er als Sportjournalist für eine überregionale Zeitung in Kinshasa. Mpiana hat ein Abschluss als Diplominformatiker der Hochschule für Wirtschaftswissenschaften Kinshasa und ein Staatsexamen in Biochemie.


KAS MEDIEN AFRIKA: Wie muss ich mir einen Wahlkampf in der DRK vorstellen? Mit welchen Mitteln erreichen Sie Ihre Wähler?

PIERRE MPIANA: Nun, dazu müssen Sie wissen, dass unser Wahlkreis tief im Osten des Kongos liegt. Wir haben Probleme mit Elektrizität, mit Frischwasser und mit unseren Straßen. Auf dem Land gibt es keinen Internetzugang. Unsere Mittel sind deshalb sehr einfach (lacht): Wir treffen die Menschen direkt vor Ort! Wir gehen in die Dörfer und versammeln die Leute um uns herum. Wenn es keine Straße gibt, dann fahren wir eben mit dem Boot dorthin. In den Dörfern veranstalten wir Diskussionen und Workshops. So kommen wir ins Gespräch und können unsere Ziele erklären. Daneben engagieren wir uns auch aktiv in den Gemeinden. Auf dem Land schafft es unsere Regierung einfach nicht, sich um die grundlegendsten Bedürfnisse zu kümmern. Wenn wir es jedoch tun, zeigen wir den Menschen, dass wir uns um sie kümmern. Für eine Dorfschule haben wir z.B. Tische und Stühle gesammelt. Ein anderes Mal haben wir uns um den Transport von Kranken aus den Dörfern in ein Hospital in Basoko Stadt gekümmert. Durch diese Maßnahmen wollen wir vor allen Dingen Frauen ansprechen: Wenn du sie auf deiner Seite hast, dann hast du die Stimmen des ganzen Dorfes.

KAS MEDIEN AFRIKA: Ok, der direkte Wählerkontakt ist wichtig. Aber die DRK ist ein riesiges Land. Setzt ihr nicht auch Medien ein, die eine größere Reichweite haben?

PIERRE MPIANA: Ja natürlich! Radio ist sehr wichtig für uns. Vor Wahlen arangieren wir Sendungen mit unserer Kandidatin auf den lokalen Radiosendern. Die Hörer können dann anrufen und Eve direkte Fragen stellen. Radio ist wirklich eine große Sache im Kongo! Der Vorsitzende unserer Partei, Jean Pierre Bemba, hat sogar eine eigene Rundfunkgruppe. Er besitzt den Radiosender RALIK (Radio Liberté Kinshasa) und den Fernsehsender CKTV (Canale KIN Télévision). Leider sind die beiden Sender sehr weit von unserem Wahlkreis entfernt, in der Hauptstadt Kinshasa. Das sind rund 1000km.

KAS MEDIEN AFRIKA: Ist es normal, dass eine politische Partei seine eigene Mediengruppe besitzt?

PIERRE MPIANA: Was bleibt uns anderes übrig? Die meisten Medien werden durch die Regierung, oder durch andere politische Parteien kontrolliert. Auf der Rangliste der Pressefreiheit 2011 haben Reporter ohne Grenzen die DRK auf Platz 145 von 179 gewertet! Die Medienfreiheit wird hier mit Füßen getreten, besonders wenn Wahlen anstehen. Unser Fernsehsender CKTV wurde während des Wahlkampfes in 2006 sogar angezündet! Kann man das glauben? Soldaten der Regierung haben das Gebäude attackiert. Wären unsere Anhänger nicht Vorort gewesen um das Feuer zu löschen, würde der Sender heute nicht mehr stehen.

MLC
Die Mouvement pour la Liberation du Congo (MLC) ist eine der stärksten Oppositionsparteien in der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Die MLC ist eine ehemalige militante Rebellengruppe, die sich aktiv am Kongolesischen Bürgerkrieg beteiligt hatte. Sie wurde von ihrem jetzigen Vorsitzenden, Jean Pierre Bemba, kurz vor der Unterzeichnung des Friedensabkommens von 2003 gegründet. Bei den, durch gewalttätige Ausbrüche überschatteten ersten demokratischen Wahlen des Kongo im Jahr 2006, wurde die MLC zweitstärkste Kraft. Aufgrund eines Ermittlungsverfahrens gegen Bemba durch den Internationalen Gerichtshof, wurde seine Kandidatur zu den letzten Präsidentschaftswahlen 2011 unterbunden. In Den Haag untersucht man Bembas Rolle während des Bürgerkrieges.


KAS MEDIEN AFRIKA: Mit den KAS E-lection Bridge Interviews möchten wir auch neue Impulse für Wahlkampstrategen in Deutschland setzen. Was können sie von Ihrer Erfahrung in der DRK lernen.

PIERRE MPIANA: Den Einheitsgeist! Das kongolesische Volk braucht einen Wandel als Ganzes und zwar jetzt. Wir müssen aufhören immer nur gegeneinander zu arbeiten. Wir dürfen nicht zulassen, dass unser Land noch weiter auseinander bricht. Lasst uns stattdessen die Herausforderungen gemeinsam anpacken. Für uns heißt das im Wesentlichen, gerechte und sichere Wahlen zu ermöglichen, in welchen sich die Kandidaten gegenseitig respektieren. Erst nachdem wir das geschafft haben, können wir über die Entwicklung des Landes sprechen.

KAS MEDIEN AFRIKA: Pierre, was müssen wir von zukünftigen Kampagnen erwarten oder „what is the next big thing“?

PIERRE MPIANA: Ein „big thing“ für mich wäre es, wenn Politiker und Amtsträger aufhören würden, ihre Posten als Selbstbedienungsläden anzusehen! Sie sollten stattdessen ihrem Land dienen. Für uns wird es sehr wichtig sein die Themen Korruption und Vetternwirtschaft auf die Tagesordnung zu setzen. Nur hierdurch können wir Vertrauen stiften und die Menschen davon überzeugen, uns ihr Kreuz in den Wahlkabinen zu geben.

Das Interview führte Stefan Möhl.