Bulgaren vertrauen den Medien nach wie vor wenig

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Stiftung Mediendemokratie und Konrad-Adenauer-Stiftung stellen Meinungsumfrage und Jahresreport 2015 zu bulgarischen Medien vor.

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(v.l.) Nikoleta Daskalova, Medien-Analystin bei der FMD; Christian Spahr, Leiter des KAS-Medienprogramms Südosteuropa; Orlin Spassov, FMD-Geschäftsführer und Dobromir Zhivkov, Leiter Geschäftsentwicklung Market LINKS

(v.l.) Nikoleta Daskalova, Medien-Analystin bei der FMD; Christian Spahr, Leiter des KAS-Medienprogramms Südosteuropa; Orlin Spassov, FMD-Geschäftsführer und Dobromir Zhivkov, Leiter Geschäftsentwicklung Market LINKS

Nur 12 Prozent der Bulgaren glauben an die Unabhängigkeit der Medien in ihrem Land. Das Vertrauen der Bürger ist weiter gesunken, ergab eine repräsentative Meinungsumfrage im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Auch die Öffentlichkeitsarbeit von Politikern schneidet schlecht ab: 67 Prozent der Bürger fühlen sich unzureichend informiert. Zudem haben die KAS und die Stiftung Mediendemokratie (FMD) ihr jährliches Monitoring der politischen Berichterstattung in Bulgarien vorgestellt. Premierminister Boyko Borissov und Präsident Plevneliev werden positiver wahrgenommen als früher.

Die bulgarische Medienbranche wird ihren schlechten Ruf nicht los. "Nur jeder achte Bulgare glaubt an reale Medienfreiheit", erläutert Christian Spahr, Leiter des KAS-Medienprogramms Südosteuropa, die neuen Ergebnisse. Demnach verneinen 65 Prozent der Bürger, dass die Medien unabhängig sind. Einige sind unentschieden, und nur 12 Prozent glauben ausdrücklich an freie Berichterstattung. "In Bulgarien gibt es keine systematische Unterdrückung kritischer Journalisten, aber unterschiedliche Arten der Einflussnahme von politischen Akteuren, Medieneigentümern und Werbekunden. Auch unsichere Arbeitsverhältnisse und Selbstzensur engen die Medienfreiheit ein", so Spahr. Gründe für fehlende Unabhängigkeit seien auch ein Trend zur Monopolisierung bei Printmedien, ineffiziente gesetzliche Regeln und eine schwache Selbstregulierung. Bulgarien liegt im internationalen Ranking der Pressefreiheit nur auf Platz 106 (Reporter ohne Grenzen). Die KAS hat mehrere Studien zur Medienkrise und zum Druck auf Journalisten in Bulgarien veröffentlicht.

Ungenügend informiert fühlen sich die Menschen auch von der Politik. Zwei Drittel der Bulgaren (67 Prozent) halten die Öffentlichkeitsarbeit der Politiker für schlecht oder sehr schlecht. Im Rahmen der Erhebung wurde nach den Politikern insgesamt gefragt, also nicht zwischen Regierung und politischen Parteien unterschieden. "Spitzenpolitiker sollten in eine moderne, offene Informationspolitik investieren", kommentierte KAS-Experte Christian Spahr. Die KAS biete Veranstaltungen für Kommunikationsexperten aus der Politik an, um die berufliche Rolle der Pressesprecher zu stärken. Für die Umfrage befragte das Institut Market Links 1.000 Bulgaren (Dezember 2015).

In der politischen Berichterstattung bleibt Premierminister Boyko Borissov der meistgenannte Politiker, ergab ein jährliches Medien-Monitoring von KAS und Stiftung Mediendemokratie. Er konnte seine Resonanz weiter ausbauen und wurde in 23 Prozent der analysierten Berichte und Nachrichtensendungen genannt (Basis: 2015; Fernsehsender BNT, bTV, Nova TV; Zeitungen Trud, Telegraf). Staatspräsident Rossen Plevneliev kommt an zweiter Stelle.

Borissov und Plevneliev wurden unter allen Top-Politikern in den Medien am positivsten gesehen. Das "Medien-Rating" von FMD für Borissov liegt bei 3,1. Dies bedeutet, dass der Premier dreimal häufiger positiv als negativ erwähnt wurde. Plevnelievs Rating liegt bei 1,9 (hierbei wurden untersucht: TV-Sender BNT, bTV, Nova TV; Zeitungen Trud, Telegraf, 24 Stunden; Online-Portale Blitz, Dnevnik, Offnews; April–Dezember 2015). Im Jahr 2014 war das mediale Bild von Borissov und Plevneliev noch überwiegend kritisch. Negativ berichteten die Medien 2015 unter anderem über Volen Siderov (Partei Ataka, Medien-Rating -8,6), Radan Kanev (-4,3), Lyutvi Mestan (-1,6) und Mihail Mikov (Parteichef BSP, -1,5).

"Auffällig ist, dass die politischen Parteien als solche weniger präsent in den Medien sind", so Studienleiter Orlin Spassov (FMD). "Die Medien konzentrieren sich in der Regel auf Personen, nicht auf Parteien. Einzelne Politiker werden oft positiver wahrgenommen als ihre jeweiligen Parteien". Negativ sei das Medienecho aktuell vor allem für die bulgarischen Sozialisten (BSP). Auch die Partei der ethnischen Türken (Bewegung für Rechte und Freiheiten, DPS) werde überwiegend kritisch wahrgenommen, mit Ausnahme der Zeitung Telegraf. Das an der Regierung beteiligte Mitte-Rechts-Bündnis Reformblock wird von mehreren Medien ebenfalls stark kritisiert, von anderen neutral geschildert. Die Partei von Premier Borissov, GERB, habe gleichermaßen prominente Unterstützer und Kritiker in den Medien, so Spassov.

Die europäische Flüchtlingskrise wird in den bulgarischen Medien überwiegend neutral dargestellt, so die Analyse der Stiftung Mediendemokratie. Präsident Rossen Plevneliev werde in den Medien mit einer besonders freundlichen Position gegenüber Flüchtlingen dargestellt. Eine sehr kritische Einstellung gegenüber Flüchtlingen schilderten die Medien bei der Bulgarisch-orthodoxen Kirche sowie bei Vertretern der Polizei und des Innenministeriums. Innenministerin Rumyana Bachvarova selbst werde zu dem Thema aber überwiegend mit neutralen und positiven Wortmeldungen zitiert.

Für das Medien-Monitoring der beiden Stiftungen analysierte das Meinungsforschungsinstitut Market Links von Januar bis Dezember 2015 mehr als 40.000 einzelne Nachrichten von drei Tageszeitungen (Trud, Telegraf, 24 Stunden), drei Fernsehsendern (BNT, bTV, Nova TV) und drei Online-Medien (Blitz, Dnevnik, Offnews).

Nach der Vorstellung der Meinungsumfrage und des Medienmonitorings folgte eine Podiumsdiskussion, moderiert von Christian Spahr. Es beteiligten sich neben Orlin Spassov auch Vyara Ankova, Intendantin des Bulgarischen Nationalfernsehens, und Velislava Popova, Chefredakteurin des Online-Portals Dnevnik. Ankova ging auf die Ergebnisse des Medienmonitorings ein und betonte, dass das Fernsehen kein quantitatives Gleichgewicht zwischen Parteien und Politikern anstreben kann, weil sich die Berichterstattung an die aktuelle politische Situation anpasse und Regierungsvertreter durch ihre Funktion öfter zu Wort kämen. Zudem betonte sie die steigende Bedeutung von Online-Medien. "Die Grenzen zwischen TV und Online verschwimmen", stellte Ankova fest. TV-Sender publizierten ihre Berichte auch auf ihren Web-Portalen und veröffentlichten mittlerweile auch spezielle Angebote nur für das Online-Publikum.

Dnevnik-Chefredakteurin Popova ging anschließend auf die Vielfalt der Online-Medien ein. Aufgrund geringerer Kosten sei es sehr einfach für Journalisten, online zu berichten. Der Wettbewerb sei hoch, aber die Qualität der Berichte insgesamt noch verbesserungswürdig. Etliche Online-Medien hielten sich nicht an ethische Standards oder veröffentlichten ungeprüfte Informationen. Auch die hohe Geschwindigkeit der Online-Berichterstattung trage dazu bei, dass die Standards nicht immer eingehalten werden.

Sowohl Vyara Ankova als auch Orlin Spassov regten an, den gesetzlichen Rahmen für die Medien in Bulgarien zu überprüfen, um gleiche Standards für alle Medienarten zu schaffen.

Die Pressekonferenz und die Podiumsdiskussion stießen mit rund 60 Besuchern auf hohes Interesse seitens bulgarischer Journalisten, Medienexperten und Bürger.

Autoren

Christian Spahr, Darija Fabijanić

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Bulgarien, 11. Februar 2016