“Neue Technologien können niemals Selbstzweck sein”
Interview mit Carmen Beatriz Fenández, Autorin des Buches “Ciberpolítica”
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“Ciberpolítica: ¿cómo usamos las tecnologías digitales en la política latinoamericana?”/Cyberpolitik: Wie nutzen wir die digitalen Technologien in der lateinamerikanischen Politik? ist eine Studie, die kürzlich vom Medienprogramm Lateinamerika der Konrad-Adenauer-Stiftung publiziert wurde.
Im Interview spricht die Autorin Carmen Beatriz Fernández über den Einsatz neuer Technologien, aktuelle Tendenzen und die Beständigkeit der „Politik auf herkömmliche Art“. Sie stellt klar, dass kein Kommunikationswerkzeug eine stichhaltige politische Botschaft ersetzen kann.
Wie entstand die Idee zu dieser Studie? Welchen Bedarf deckt sie? Carmen Beatriz Fernández (CBF): Zweifellos gewinnt die Cyberpolitik, d.h. der Einsatz neuer Kommunikations- und Informationstechnologien in der Politik, immer mehr an Bedeutung. Trotzdem gibt es auf unserem Kontinent kaum umfassende Studien zu diesem Thema, und noch weniger vergleichende Untersuchungen mehrerer Staaten.
Welches Resultat der Studie ist für Sie das wichtigste? CBF: Dass die Verwendungsmuster der digitalen Technologien in der Politik von Land zu Land verschieden sind. Eine weitere interessante Erkenntnis ist, dass die Intensität, mit der digitale Medien eingesetzt werden, sich je nach Nutzerprofil deutlich unterscheiden. Politiker nutzen die Cyberpolitik am intensivsten, gefolgt von politischen Journalisten.
Und das überraschendste Ergebnis? CBF: Anscheinend gibt es in den untersuchten Ländern eine umgekehrte Korrelation zwischen Cyberaktivismus und wirtschaftlicher Freiheit: die Länder, in denen neue Technologien am häufigsten für Cyberaktivismus eingesetzt werden, wiesen kurioserweise den geringsten Grad wirtschaftlicher Freiheit auf.
Welche Unterschiede bestehen zwischen “Infopolitik” und “Cyberaktivismus”? Kann aus Ihrer Sicht der Einsatz der Infopolitik den Cyberaktivismus verstärken? CBF: In der Studie haben wir einen Index konstruiert, der den Grad des Einsatzes digitaler Medien in den Präsidentschaftswahlkämpfen 2006 misst. Dieser Index unterscheidet zwischen der Nutzung des Internet durch den Wähler , um sich politisch zu informieren (INFOPOLÍTICA/Infopolitik), und dem Einsatz des Internet zum Zwecke politischer Aktivierung (CIBERACTIVISMO/Cyberaktivismus). Es handelt sich dabei um unterschiedliche Einsatzformen des Internet und der Technologie. Wir gewannen die interessante Erkenntnis, dass in einigen Gesellschaften das Netz vorwiegend für Informationszwecke gebraucht wird, während in anderen sein Einsatz für Aktivismus dominiert. Die Infopolitik zeichnet sich durch den Ausdruck passiver Nutzung während des Präsidentschaftswahlkampfes aus, z.B. als politische Informationsquelle: „Ich habe die Internetseite eines Kandidaten besucht“; „ich habe im Internet mittels Suchmaschinen wie Google und anderen nach Informationen über einen Kandidaten gesucht“; ich habe einen Blog über politische Information und/oder Kandidaturen gelesen“; „ich habe politische Videos online angesehen“. Der Cyberaktivismus impliziert den Einsatz der neuen Medien in Maßnahmen, die politischem Aktivismus ähnlich sind: „Ich habe Emails von Verwandten und Freunden mit politischen Inhalten empfangen und gelesen“; „ich habe mich politisch betätigt, indem ich online einen Kandidaten unterstützt oder mich registriert habe“; „ich habe Emails mit politischem Inhalt an meine Verwandten und Freunde geschickt und/oder in ihnen meinen Kandidaten empfohlen“; „ich habe politische Textnachrichten (SMS) über mein Mobiltelefon verschickt“; „ich habe online Geld gespendet“; „ich habe eine Email mit meinen Wünschen und Sorgen an den Kandidaten geschickt“, oder „ich habe an einer Wahlkampfveranstaltung teilgenommen, zu der ich per Email oder SMS eingeladen worden war“.
Sie betonen, dass die neuen Technologien niemals eine stichhaltige politische Botschaft ersetzen können. Was ist für Sie der wichtigste Beitrag des Internet in der Politik? CBF: Ich glaube, die Technologie wird immer ein wichtiges Werkzeug sein: Sie ist nur dann nützlich, sie im Rahmen einer vordefinierten Strategie eingesetzt wird. Das Internet, Textnachrichten und andere neue Technologien können zweckmäßige Instrumente sein, jedoch niemals Selbstzweck.
Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Verwendung von Internetseiten durch Parteien und/oder Kandidaten? Wird das Medium korrekt eingesetzt? CBF: Oft werden die technischen und inhaltlichen Möglichkeiten der Webseiten durch die politischen Kandidaten nicht voll ausgeschöpft. Sie dienen schlichtweg als Anschlagtafeln für Informationen und bieten dem Nutzer wenige Möglichkeiten zur Interaktion.
Welche Rolle spielt das Internet in den aktuellen Wahlkämpfen in Lateinamerika? CBF: In unserem Index Cyberpolitik fallen besonders Brasilien, Venezuela, Mexiko und Kolumbien auf, die während der Präsidentschaftswahlkämpfe 2006 das Netz intensiv genutzt haben. Demgegenüber wurde das Medium in Bolivien, Chile und Costa Rica am wenigsten eingesetzt.
Welche spezifischen Anwendungen des Internet werden im Wahlkampf genutzt? CBF: In fast allen betrachteten Ländern finden sich Email und Website als wichtigste Kommunikationsmittel. Dies bestätigten die Befragten selbst, als man sie bat, den realen Nutzen der digitalen Medien im letzten Präsidentschaftswahlkampf auf einer Skala von 1 bis 5 zu bewerten. Sowohl für die Kommunikation mit dem politischen System als auch um den Wählern Botschaften oder Einladungen zu Wahlkampfveranstaltungen zukommen zu lassen, sind Website und Email die Mittel der Wahl. Als am wenigsten nützlich werden Videos auf YouTube, Podcasts und die Online-Spendenbeschaffung angesehen.
Gibt es dabei Tendenzen für ganz Lateinamerika oder variieren diese von Land zu Land? CBF: In Venezuela kommen in erheblichem Maße SMS zum Einsatz, in etwas geringerem Umfang auch in Kolumbien und Mexiko. Als wichtiges Instrument sind für Ecuador, Costa Rica, Brasilien und Peru die Blogs zu nennen. Videos auf YouTube einzustellen wird in Ecuador, Brasilien und Chile als wirksam eingeschätzt.
Wie lassen sich die Unterschiede in der Internetnutzung zwischen den Ländern erklären? Liegen die Ursachen im Zugang zum Netz, dem politischen System oder eher im Grad der wirtschaftlichen Freiheit? CBF: Man könnte vermuten, der Einsatz des Internet durch die Politik steige grundsätzlich mit der Ausbreitung des Internetzugangs innerhalb der Bevölkerung. Es zeigt sich jedoch, dass zwischen der Intensität der politischen Nutzung und dem Index der Verbreitung des Internet kein direkter Zusammenhang besteht. Länder, die einen extrem unterschiedlichen Verbreitungsgrad aufweisen, wie Bolivien (5%) und Chile (42%), haben beide einen sehr niedrigen Index, was den Einsatz des Mediums in der Politik betrifft.
Behalten die traditionellen Formen, Politik zu machen, ihre Gültigkeit? CBF: Für unsere Studie haben wir Bürger gefragt, auf welche Weise ein Kandidat am besten positiv auf sich aufmerksam machen kann. Die Wähler zeigen eine Präferenz für die traditionellen Medien; an zweiter Stelle der Beliebtheit liegen die bekannten Methoden des Direktkontaktes seitens der jeweiligen Partei, um Wähler zu gewinnen. Erst an dritter Stelle rangieren die neuen Medien bzw. die neuen Kommunikations- und Informationstechnologien.
erschienen
Argentinien, 22. April 2008