„Woher soll ich das wissen? Das war vor meiner Zeit.“

Prof. Dr. Thomas Ziehe referierte vor Lehrerinnen und Lehrern bei der Comenius-Arbeitstagung in Hannover.

Passend zum KAS-Jahresmotiv 2013 „Perspektive Jugend“ berichtete Prof. Dr. Thomas Ziehe, Institut für Erziehungswissenschaften, Leibniz-Universität Hannover, von knapp 100 Lehrerinnen und Lehrern wie sich der Mentalitätswandel bei Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten auf deren Wirklichkeitswahrnehmung auswirkt. Seine Theorien untermauerte er dabei sehr unterhaltsam durch einige Anekdoten aus seiner langen Lehrerfahrung und im Umgang mit jungen Studierenden und Lehrern.

Prof. Dr. Thomas Ziehe heiterte das Publikum mit zahlreichen Anekdoten aus dem Schulunterricht auf

Prof. Dr. Thomas Ziehe heiterte das Publikum mit zahlreichen Anekdoten aus dem Schulunterricht auf

Zu Beginn seiner Ausführungen ging Ziehe auf das Alltagsleben der Jugendlichen ein. Dieses sei frührer durch ein festes Gerüst aus Normen und Pflichten geprägt gewesen. Fragten sich frühere Generationen von jungen Menschen ständig „Darf ich das überhaupt?“, trug der Mentalitätswandel der 1960er und 1970er Jahre dazu bei, diese restriktive Alltagsmoral aufzuweichen. Doch habe das im Folgenden zu einer Unterstrukturierung der Lebenswelten der heutigen Jugend beigetragen, die ihre Wirklichkeit als Kontingenz wahrnehme.

„Für die junge Generation kommt der Sinn nicht mehr von oben, sondern von der Seite, von Gleichaltrigen.“, so Ziehe. Die Kultur werde dabei nicht mehr als festes Gesetz verstanden. „Es kommt nicht darauf an, was erlaubt ist, sondern darauf was ich machen möchte.“ Von klein auf lernten die Kleinen das Wahlprinzip wie selbstverständlich kennen und würden diesem fast überdrüssig. Desto mehr die Kontingenz zunehme, desto mehr kämen neue Sehnsüchte zum Vorschein. Bekämpfte die Elterngeneration jede Form von Restriktion, seien feste und übersichtliche Strukturen von den Jugendlichen ausdrücklich gewünscht. Das Bedürfnis nach Orientierung wachse.

Die Gründe dafür seien, so Ziehe, die Fokussierung auf Eigenwelten, die zunehmende Selbstbeobachtung sowie fusionistische Abhängigkeiten. Ersteres sei auf das veränderte Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft zurückzuführen. Da der heutige Alltag präferenzreguliert statt von Normen bestimmt sei, schafften sich Kinder persönliche Eigenwelten, welche die Summe ihrer Präferenzen und Abneigungen darstellten. Diese Eigenwelten seien „alles, was ich unbedingt wissen muss“. Der Rest werde rausgefiltert. Somit habe sich auch der Kulturbegriff Jugendlicher gewandelt. „ Kultur ist, was ich persönlich erlebt habe. Alles vor meiner Zeit ist fast irrelevant.“, beschrieb der Pädagogikprofessor die neue Denkweise junger Menschen.

Weiter trage der ständige Drang der Medien, alles und jeden zu kommentieren zu einer übergroßen Selbstbeobachtung der Jugendlichen bei. Diese übernähmen wie selbstverständlich diesen „Kamerablick“ und seien in erster Linie auf ihre Außenwirkung fixiert. Die ununterbrochene Durchleuchtung seiner selbst ziehe auch ein erhöhtes Schamgefühl nach sich. Heute zähle nur „Wie stehe ich vor der Gruppe da?“ „Es geht nicht mehr darum, ob ich schuldig bin oder nicht, es darf nur nicht peinlich sein.“ Gleichzeitig erwarteten Jugendliche alles Lebensnützliche zu wissen, strebten nach einer Art „Naviwissen“, um alle Fehler zu vermeiden.

Immens wichtig sei dabei die ständige Kommunikation mit anderen Menschen. Wer mit seinem Handy quasi verwachsen sei und alle drei Minuten kontrolliere, ob ihm jemand eine Nachricht geschrieben habe, sei fast den ganzen Tag in Kontakt mit anderen. Es entwickelt sich ein „fluides Selbst“ – „ich spüre mein Selbst nur, wenn ich im (virtuellen) Kontext mit anderen bin.“ Dadurch sei es für Jugendliche aber auch schwer geworden, mal alleine für sich zu sein und das Netz sowie die Popkultur stelle eine neue kulturelle Heimat dar. „Die Wirklichkeit hat sich verdoppelt und gleichzeitig verschoben. Die ‚Face-to-Face-Welt’ wird zurückgesetzt. Die reale Welt optional.“, beschrieb Ziehe die heutige Jugendkultur, welche sich aber von der der Erwachsenen kaum noch unterscheide, da viele Phänomene auch nach der Adoleszenz nicht abgelegt würden.

Zur Frage, wie die Schule auf diesen Mentalitätswandel eingehen soll, kritisierte der Professor für Pädagogik den „Aura- und Respektverlust“ der heutigen Schule, welche sich zu einer Organisation transformiert habe. Schule strahle nichts wichtiges mehr aus, stifte keine Sinn mehr, schaffe weder Rituale noch Struktur. Schule solle ein Platzhalter für Erfahrungen sein, die man alleine nicht machen würde. Ziehe plädierte abschließend für eine „starke Schule“. Schule müsse Ich-Distanz ermöglichen, soll nicht nur Strömungen und Erwartungen ausgesetzt sein. „Um innere Strukturen bei jungen Menschen aufzubauen, muss ich äußere Strukturen haben. Wenn ich äußere Strukturen abbaue, können sich keine inneren Strukturen bilden.“, so Ziehes Fazit. „Schüler sind kooperativ, aber fahren mit gezogener Handbremse.“ Dieser Zurückhaltung müsse entgegengewirkt werden.

Auch in der nachfolgenden Diskussion wird auf das Fehlen dieser inneren Beteiligung hingewiesen. „Ich werde weiter für das Leuchten in den Augen kämpfen.“, so eine Lehrerin. Diese Haltung begrüßte Ziehe, doch sollten Lehrer aufhören zu „wollen, was Schüler wollen sollen.“ Teilweise hänge eine rege Beteiligung einfach von der Sympathie für den Lehrkörper ab.

Autor

Caroline Lasserre

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Hannover, 29. November 2013

Perspektive Jugend

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Kontakt

Jörg Jäger