Helikopter-Eltern - Warum Eltern ihre Kinder zu sehr verwöhnen

Josef Kraus brillierte mit seinen Thesen in Hannover

Schon die acht Thesen und drei Appelle im knapp einstündigen launigen Vortrag von Josef Kraus, seit inzwischen 1987 deutscher Lehrerverbandspräsident, sorgen für allerhand „Aha-Effekte“ bei den über 100 Zuhörern im Leineschloss. „Helikopter-Eltern – Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“ lautete analog seines Buches der Titel der unterhaltsamen und erkenntnisreichen Veranstaltung in der Reihe der Konrad-Adenauer-Stiftung „Das Beste für mein Kind“.

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Josef Kraus im Leineschloss

Josef Kraus stellte im Leineschloss seine Thesen und Appelle über Förderwahn und Verwöhnung deutscher Eltern (und Lehrer) gegenüber den Kindern dar.

Den markantesten Beitrag formulierte in der Fragerunde zum Ende der Veranstaltung ein Zuhörer, der sich freimütig als „Gesamtschul-Anhänger“ zu erkennen gab. „Ich habe die ganze Zeit Ihren (Josef Kraus; Anm. d. Red.) Thesen zugehört und gehofft, Gegenargumente zu finden, aber ich habe einfach keine gefunden!“, so sinngemäß die Aussage einer Wortmeldung aus dem Publikum. Und dass, obwohl gar nicht über Schulstrukturen an diesem Abend gesprochen wurde …

Aber ganz von vorn: Der Landesbeauftragte der Konrad-Adenauer-Stiftung für Niedersachsen, Jörg Jäger, begrüßte Josef Kraus als „Gralshüter“ der Bildungspolitik, wobei der Begriff des Gralshüters im positiven Sinne in Anlehnung an den Online-Duden zu verstehen sei: Kraus sei nämlich „jemand, der über den Fortbestand einer als wertvoll und bedroht angesehenen Sache wacht“ und habe sich stets für Chancengerechtigkeit im Bildungswesen eingesetzt.

Kraus selbst bezeichnete sich zu Beginn seines Vortrages als konservativen Menschen. „Man muss nur lange genug an seinen Grundsätzen festhalten, dann werden die auch wieder modern“, formulierte ein gängiges Zitat. Er betonte zudem, dass er nicht ein erzieherisches oder bildungspolitisches Thema aufgreife, sondern ein gesellschaftspolitisches Thema anspreche. Auch wolle er kein Eltern-Bashing vornehmen, betonte Kraus ausdrücklich.

Im Vordergrund seiner acht Thesen, die an dieser Stelle nicht allesamt ausgeführt werden können, stand die Verwöhnung und Totalkontrolle über die Kinder. „Seine Majestät, das Kind“, sein eine plakative Umschreibung dessen, was er als Schulleiter eines bayrischen Gymnasiums selbst feststellen konnte bzw. ihm an Beispielen Lehrer und auch Eltern zukommen ließen. So würden Kinder tagtäglich auch nur weniger hundert Meter mit dem Auto zur Schule am liebsten bis vor die Tür zum Klassenraum gefahren und wieder abgeholt, obwohl sich nachweislich die Unfallgefährdung in Deutschland reduziert habe. „Kinder werden in Watte gepackt“, kann man die vielen Anekdoten von Josef Kraus umschreiben. Das motorisch selbst zu bewältigende Umfeld im Stadtteil habe sich von Kindern dramatisch reduziert: Von rund 5.000 auf rund 500 Meter, so eine Behauptung von Kraus.

Hinzu kommt die exzessive Verwöhnungspädagogik in Deutschland. Die Folge: Mangelnde Resilienz der Kinder, was bei der weiteren Entwicklung der Kinder bis ins spätere Leben nachteilig sei. Resilienz definiere sich als die Kraft zur Überwindung schwerer Einschränkungen. Die spätere Bewältigung von Krisen werde diesen Kindern unmöglich gemacht und so folgte das Zitat einer US-Buchautorin „vom Segen des aufgeschlagenen Knies“. Biologisch sei es jedenfalls erwiesen, dass Kinder auch durch Krisen und Belastungen und deren Umgang damit stark werden: Aus der Immunologie und aus der Trainingslehre wisse man dies längst.

„Manche Eltern seien wie eine schnelle Eingreiftruppe des GSG 9 unterwegs, sie schweben ständig wie Beobachtungsdrohnen über den Kindern, leiten sie an der elektronischen Nabelschnur des Mobiltelefons durch das Leben und beim kleinsten Wehwehchen landen sie um dabei, wie es die Art von Hubschraubern ist, viel Staub aufzuwirbeln“, so Kraus in plakativer Beschreibung seiner Beobachtung an deutschen Schulen.

Der Förderwahn der Eltern zeige sich nicht nur an den steigenden Summe, die für Nachhilfe in Deutschland ausgegeben werden, auch seien zweifelhafte Bildungsangebote mit zum Teil Begriffen aus dem anglizistischen Sprachraum zeugen dieser Entwicklung: Little Giants Kindergärten, Very Important Babies („Babytuning“) und Early Learning Lessons, Potenzialanalysen für Dreijährige sowie „Mozart schon im Mutterleib“ – das waren nur einige Beispiel auch deutscher Entwicklung auf dem Weg zum „Designerkind“, vor denen Kraus eindringlich warnte.

Zum Rundumschlag holte Josef Kraus hinsichtlich der inflationären „Neuro-Trends“ aus. Synapsenzählerei und Zeitfensterfolkore seien diese in weiten Teilen und räumte mit den Neuromythen auf. Er nahm lediglich die Wissenschaftler Gerhard Roth und Wolf Singer namentlich in Schutz, deren Arbeit und Erkenntnisse seriös seien. Der überwiegende Teil von Akteuren seien „hirnbiologische Entertainer“, die mit schlauen Ratschlägen Kasse machen wollen.

Kraus warnte außerdem davor, aus den Kindern anspruchsvolle und maßlose „Selbstlinge“ zu machen – oft seien die Eltern schon ebensolche. „Die quasi-moderne Pädagogik hat das narzisstische Selbst der Kleinen zum Fetisch erhoben. Ihre Zielbeschreibungen lauten mit Blick auf die jungen Menschen: Selbstentfaltung, Selbstevaluation, Selbstregulierung, Selbstverwirklichung und Selbstzentrierung“, so Kraus weiter. Er vermisse aber: „Selbstbeherrschung, Selbstdisziplin, Selbstironie, Selbstkritik, Selbstlosigkeit“.

Kinder sollen heutzutage „alles dürfen, aber nichts sollen“. Doch gerade Kinder sind nach Ansicht von Josef Kraus mit Freiräumen hoffnungslos überfordert. Es fehle solchen Heranwachsenden an Biss und Hunger, sie zeigen keine Eigeniniative und legen eine Erwartungshaltung und Hilflosigkeit an den Tag, frei nach dem Motto „Hilf mir!“ oder „Einer wird sich schon kümmern!“.

Völliges Unverständnis gab Kraus zu erkennen, als es um die Verlegung des Unterrichtsbeginns aufgrund von nächtlichen Fußballübertragungen ging. Auch das sei ein Merkmal von „Verwöhnungstrip“ der Kultusministerien. Die Zensurengebung sei ein weiteres Merkmal, nachdem sich zwar die Noten aber nicht die Leistungen deutscher Schüler ständig verbesserten, immerhin soweit, dass sich schon der Wissenschaftsrat Ende 2012 mit diesem Phänomen (an deutschen Hochschulen) befasste, so Kraus.

Seine Appelle stellte Kraus unter drei Überschriften:

  • Erziehen heißt auch „führen und wachsen lassen“.
  • Erziehen heißt „Binden hier, befreien dort, einen gesunden Mittelweg finden.“
  • Erziehung „braucht Leichtigkeit und Humor“.

Und zum Schluss stellte sich Josef Kraus noch mal einem materialistischen, biologistischen und reduktionistischen Menschenbild, wie es Teile der angeblichen Neurowissenschaften vermitteln, deutlich entgegen: Der Mensch bleib unvollkommen, dies sei sein Menschenbild und das gelte es in Bildung und Erziehung zu berücksichtigen. „Damit ist aber auch die Möglichkeit gegeben, lebensbejahend in die Zukunft zu schauen.“ Kraus bracht es abschließend nach einem unterhaltsamen und erkenntnisreichen Vortrag auf den Punkt: „Und Humor ist ein Mittel der Kontingenzbewältigung!“

Zum Schluss meldeten sich unter der Moderation von Jörg Hillmer MdL, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, noch einige Zuhörer zu Wort, ehe die Veranstaltung bei einem kleinen Umtrunk und engagierten Gesprächen über das Gehörte ausklang.

(Der Vortrag von Josef Kraus basierte auf seinem aktuellen Buch (Erscheinungsdatum: August 2013) mit dem Titel: "Helikopter-Eltern - Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung".)

Autor

Jörg Jäger

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Hannover, 9. Juni 2014

Kontakt

Jörg Jäger