„Die Methoden des Islamischen Staates haben nichts mit dem Islam zu tun“

Zweiter Teil der Wunstorfer Gespräche 2014

„Die Kriege in Syrien und im Irak - Neue Herausforderungen für den Westen“. Dr. Kinan Jaeger, Politologe an der Universität in Bonn, referierte dazu vor knapp 250 Gästen beim Lufttransportgeschwader 62 in Wunstorf.

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Dr. Kinan Jaegar wurde in Damaskus, Syrien geboren

Dr. Kinan Jaegar ist Politologe an der Universität in Bonn

Zu seiner Person führte er aus, in Damaskus geboren und erst mit vier Jahren nach Deutschland gekommen zu sein. Für lange Zeit habe er sowohl die deutsche als auch die syrische Staatsbürgerschaft besessen, was u.a. dazu führte, als Wehrpflichtiger zur syrischen Armee einberufen worden zu sein: „Damals konnte man sich zum Glück vom Wehrdienst freikaufen, sonst würde ich heute wahrscheinlich nicht hier stehen.“ 5000 Dollar kostete ihn die Befreiung vom syrischen Wehrdienst, diese Möglichkeit gäbe es heute allerdings nicht mehr, so Jaeger.

Zur aktuellen Lage in Syrien stellte er fest, dass sich viele Syrer freiwillig der Armee oder anderen radikalen Gruppierungen der Region anschlössen, einschließlich dem „großen Monster“ - dem „Islamischen Staat“ (IS). Die meisten Menschen hätten durch den Bürgerkrieg alles verloren und viele der radikalen Gruppierungen lockten mit ansehnlichem Sold. Der IS bestünde überwiegend aus Söldnern und religiösen Fanatikern, so der Politologe. Doch woher nimmt der IS dieses Geld und was kann der Westen gegen dieses schreckliche Phänomen im Nahen Osten unternehmen?

Zunächst erläuterte Dr. Jaeger die historischen Wurzeln der nahost-Konflikte, die mit Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr an Virulenz zunahmen. Eine der Ursachen dafür sah er in den z.T. willkürlichen Grenzziehungen der damaligen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich, die den unterschiedlichen Befindlichkeiten der dort lebenden arabischen Stämme und deren religiösen Unterschieden zu wenig Beachtung geschenkt und damit einen Teil der aktuellen Konfliktstrukturen angelegt hätten. Hinzu traten unerwünschte Nebenfolgen der Kriege gegen Saddam Hussein: „Der Golfkrieg und der Irak-Krieg sorgten schließlich dafür, dass Waffen aus Europa und den USA in die Region gelangten und machten aus dem Nahen Osten ein Pulverfass.“

Das jüngste Phänomen, das diese Konfliktregion hervorgebracht habe sei der „Islamische Staat“, so Jaeger. „Der Islam ist sehr zerstritten, nur im Koran und dem Kampf gegen Israel lässt sich ein gemeinsames Ziel der verschiedenen Gruppierungen erkennen.“ Der IS locke mit der Verheißung einen mächtigen Gottesstaates für alle gläubigen Moslems zu schaffen, egal welcher Glaubensrichtung. Dabei seien die Motive der IS-Herrscher klar: Man wolle die Vorherrschaft über die ganze islamische Welt gewinnen. Die Methoden, Motive und religiösen Motive hätten allerdings mit „dem“ Islam, so wie ihn die überwiegende Mehrheit der Gläubigen interpretierten, nichts zu tun.

Der IS beziehe in Form von Spenden aus allen Regionen der Welt. Eine weitere Einnahmequelle sei der Verkauf von wertvollen Kulturgütern, die während des islamistischen Feldzuges des IS erbeutet werden und später für einen hohen Profit verkauft würden. Dazu bestünde die Gefahr, dass der IS bald die Öl-Pipelines in Nordsyrien kontrollieren könnte. „Wer in Syrien die Macht hat, der hat auch die Ölpipelines in seinem Besitz und hat damit die Lizenz zum Geld drucken“, folgerte der Referent. Zudem habe der IS damit großen Einfluss auf die Weltwirtschaft, da im Nahen Osten immer noch die größten Rohölressourcen der Erde lagerten. Viele Länder, Deutschland eingeschlossen, seien daher wirtschaftlich abhängig von den Ereignissen in der Region und seien schon aus diesem Grund daran interessiert, die dortigen Konflikte zu entschärfen.

Zum Abschluss seines Vortrages erläuterte Jaeger dann die Möglichkeiten, die der restlichen Weltgemeinschaft blieben, um die Situation im Nahen Osten zu stabilisieren. Einen Eingriff der Vereinten Nationen hält Jaeger für aussichtslos: „Aufgrund der jüngsten Differenzen zwischen Russland und der NATO in Sachen Ukraine wird Russland einen Einsatz von UN-Friedenstruppen in unmittelbarer Nähe seiner Grenzen nicht befürworten und daher sein Veto einsetzten.“ Weitere Optionen seien Luftschläge oder Waffenlieferungen an die Kurden. Allerdings bestünde das Risiko, dass mit noch mehr Waffen und das Elend in der Region noch zunehme. Eine andere Möglichkeit seien diplomatische Verhandlungen, doch man müssten zu nächst erst einmal die Kräfte in der Region identifiziert werden, die dialogbereit seien. Deutschland könne bei diesen Verhandlungen eine führende Rolle übernehmen: „Die Bundesrepublik Deutschland genießt ein hohes Ansehen in Syrien. Sie ist nicht kolonial vorbelastet, man hat nach wie vor in vielen Bereichen enge Kontakte und man finanzierte das Land seit Jahren mit Geldern für Entwicklung und den Ausbau der Infrastruktur.“ Mit diesem Ausblick schloss Jaeger seinen Vortrag.

In der anschließenden Diskussion wurden viele weitere Dinge vom Publikum angesprochen. Unter anderem kam die Frage auf, inwiefern Saudi-Arabien den IS ablehne oder befürworte. Jaeger sah die Rolle Saudi-Arabiens als zwiespältig an. Auf der einen Seite wolle das Land seine Vormachtstellung in der arabischen Welt behalten und lehne daher eine Zusammenarbeit mit dem IS ab. Auf der anderen Seite gäbe es im Regierungsapparat Saudi-Arabiens viele, die die pro-westliche Haltung des Landes ablehnten und daher den IS im Kampf „gegen den Westen“ unterstützt sehen wollten.

Autor

Julian Höhl

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Veranstaltungsberichte

erschienen

Hannover, 26. November 2014

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