„Es wird zu einem finanziellen Luxus seine Kinder zu Hause gross zuziehen!“

Birgit Kelle hält Vorträge in Braunschweig und Hannover

„Brauchen wir einen neuen Feminismus?“ unter dieser Überschrift lud die Konrad-Adenauer-Stiftung zu zwei Veranstaltungen mit der Publizistin Birgit Kelle ein. Schwerpunkte ihres Vortrages bildeten die Einführung einer Frauenquote, die Frage nach der Gleichberechtigung in Deutschland sowie die Vereinbarung von Familie und Beruf.

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Birgit Kelle referierte u.a. über die Frauenquote

Birgit Kelle referierte u.a. über die Frauenquote

Birgit Kelle begann gleich mit einer brisanten These. „Ich habe mich auf das Thema Frauenpolitik und Feminismus spezialisiert, weil ich glaube, dass niemand Politik für mich macht.“ Sie sei Mutter von vier Kindern und habe, bevor sie wieder in ihren Beruf eingestiegen sei, sechs Jahre lang ihre Kinder zu Hause betreut. „Warum muss ich mich eigentlich erklären und mich dafür rechtfertigen, dass ich Erziehungszeiten nehme?“, hinterfragte Kelle das öffentliche Meinungsklima. Sie sei nicht unzufrieden gewesen mit der „Frau vor dem Herd“-Rolle, wie es viele Frauen mutmaßten, die für mehr Gleichberechtigung der Geschlechter kämpften. „Manche Frauen wollen weder Quote noch eine 50-50-Gesellschaft, doch für diese Frauen wird im Moment keine Politik gemacht“, obwohl diese in der Mehrheit seien. Natürlich gäbe es auch Frauen, die bewusst kinderlos und unverheiratet blieben. Einige von ihnen verstünden sich als Kämpfer für die Rechte aller Frauen und kämpften verbissen gegen das „Hausfrauen-Image“ der modernen Frau. Zu diesen Feministinnen zähle, so die gebürtige Rumänin, auch die Publizistin Alice Schwarzer, die sich einbilde, genau zu wissen, was Frauen wollten und welchen Beruf sie ausüben sollten. Doch diese Debatte habe nichts mit Männern zu tun: „Es ist eine Debatte von Frauen gegen Frauen.“

Kelle ging anschließend auf die Historie des Feminismus ein. „Früher hatten Frauen keine Wahl, ob sie das Berufsleben dem Erziehen ihrer Kinder vorziehen wollten. Deshalb wäre ich damals wahrscheinlich auch eine Feministin gewesen.“ Die Feminismus-Debatte sei von Anfang an einseitig auf dem Vergleich der Rechte und Pflichten der Frau im Verhältnis zum Mann aufgebaut gewesen und somit darauf, Frauen dahin zu bringen, „wie Männer zu werden“. Dabei sei die Definition des „Weiblichen“ auf der Strecke geblieben. Nachdem die Gleichstellung von Mann und Frau grundgesetzlich verankert war, hätte man zunächst inne halten sollen und fragen sollen, was Frauen eigentlich und tatsächlich wollten. Viele seien schon damals mit dem Leben als Hausfrau zufrieden gewesen. Auch heute sei für sehr viele Frauen ihre traditionelle Rolle attraktiv. Nur sei der Rechtfertigungstrend enorm angewachsen. „Früher sollten sich Frauen vom Mann emanzipieren, heute von der Natur der Frau.“ Bis heute erhalte Birgit Kelle eine Menge von Briefen von Frauen, die sie in ihrer Meinung bestärkten.

Abseits dieser Debatte sei die deutsche Gesellschaft heute wie nie zuvor auf die Frauen angewiesen, sowohl im Privaten als auch im Beruflichen. Zum einen stünde uns aufgrund der eingebrochenen Geburtenzahlen die negativen Auswirkungen des demografischen Wandels bevor. „Deutschland ist aufgrund des demografischen Wandels auf die Frauen in ihren traditionellen Aufgaben, Kinder zu gebären und zu erziehen, angewiesen, um diesem Wandel entgegenzuwirken.“ Kelle fragte rhetorisch: „Was ist das für eine Gesellschaft, in der 90% der Einjährigen (in Thüringen) in die Krippe gebracht werden, ohne das die Geburtenrate ansteigt?!“ Kelle machte deutlich, dass der Staat ohne ausreichenden Nachwuchs sehr bald seine Sozialsysteme nicht mehr finanzieren könne. Er müsste also alles daran setzen, diejenigen, die Kinder in die Welt setzten entsprechend zu fördern. De facto sei es aber genau andersherum: Diejenigen, mehr als zwei Kindert hätten säßen spätestens im Rentenalter in der Armutsfalle, da die Erziehungszeiten von Kindern nur minimal bei der Rentenberechnung berücksichtigt würden. Wie es auch anders gehe, zeige sich in Frankreich: Ab dem dritten Kind seien die Familien von der Steuer befreit.

Des Weiteren herrsche in Deutschland ein zunehmender Fachkräftemangel, der nun dadurch abgemildert werden solle, in dem die „am besten ausgebildete Frauengeneration aller Zeiten“, für den Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt werden sollten. Aus Sicht der Arbeitgeber und der der Feministinnen gleichermaßen seien Frauen, die Zuhause ihre Kinder erziehen anstatt zu arbeiten, „verlorenes Potenzial“. „Wer zu klug ist, soll die Kinder nicht erziehen, weil es vergeudetest Potenzial ist! „Wer soll dann aber die Kinder erziehen, wenn es niemand darf?“, kritisierte Kelle diese Haltung.

Die Feministinnen hätten es geschafft sich in der Politik Gehör zu verschaffen. Damit werde viel dafür getan, um die Erwerbsquote von Frauen deutlich anzuheben. „Das Geld des Staates, das eigentlich den Familien zusteht, fließt heute in Familienersatzinstitutionen, wie z.B. in Kinderkrippen, -horte und -tagesstätten.“ Dadurch, dass die Familien keinen Zuschuss des Staates erhalten, sondern nur Kitas oder Krippen, werden viele Familien quasi gezwungen, ihre Kinder in fremde Hände abzugeben, weil nur beide Elternteile zusammen ausreichend verdienten. „Es wird zu einem finanziellen Luxus, seine Kinder zu Hause groß zu ziehen, da man dafür nur sein eigenes Geld zu Verfügung hat und keine Zuschüsse bekommt.“ Es würden viel mehr Frauen zu Hause bleiben, wenn deren finanzielle Risiken besser abgedeckt würden. Dafür wäre entsprechend den Ergebnissen entsprechender Umfragen lediglich ein Zuschuss von 450 € erforderlich. Im Vergleich dazu, zeigte Kelle auf, investiere der Staat in jeden Krippenplatz heute mindestens 1000 € pro Monat.

Kelle endete mit einem kritischen Blick auf die aktuelle Gleichstellungspolitik: „Wir kommen mit dieser Frauenpolitik nicht weiter, da nur eine Handvoll Frauen als Maßstab für alle genommen wird. Die Politiker kümmern sich nur auf berufstätige Frauen.“ Heute wie früher gäbe es sehr wohl auch Frauen, die ausschließlich für ihre Familie da sein wollten und nicht unbedingt eine steile berufliche Karriere anstrebten. „Auf diese Veränderung der Weiblichkeit muss die Politik reagieren und eine grundlegend überarbeitete Frauen- und Familienpolitik erarbeiten“, endete Kelle.

Den Vorträgen folgten in Braunschweig und Hannover ebenso ausgiebige Diskussionsrunden in der viele Interessierte ihre Meinung zu dem Thema Feminismus äußerten. In die Diskussion wurden verschiedene Themen angesprochen, u.a. das Ehrenamt. Auch diese wichtige gesellschaftliche Funktion sei bedroht: „Das Ehrenamt wird aussterben, denn umso weniger Kinder die Eltern haben, umso mehr werden sie arbeiten und keine Zeit mehr für ehrenamtliche Tätigkeiten haben“, sagte Birgit Kelle.

Birgit Kelle referierte auf Einladung der KAS Niedersachsen in Braunschweig und Hannover Hannover. Einem breiten Publikum ist sie bekannt geworden durch zahlreiche Auftritte in Fernseh-Talkshows und ihr im Herbst letzten Jahres veröffentlichtes erstes Buch „Dann mach doch die Bluse zu“.

Autor

Julian Höhl

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Hannover, 27. November 2014

Kontakt

Jörg Jäger