"Es ist eine Debatte von Frauen gegen Frauen"

Autorin Birgit Kelle in Diepholz

100 Gäste konnte der niedersächsische KAS-Landesbeauftragte Jörg Jäger in Diepholz zur Fragestellung "Brauchen wir einen neuen Feminismus!?" begrüßen. Hauptgast war Birgit Kelle, bekannt durch TV-Talkshow-Sendungen (u.a. "Hart aber fair, ARD) und zwei provokante Bücher, die sich kritisch mit der Gender-Debatte in Deutschland befassen. Der Vorwurf der vierfachen Mutter Birgit Kelle aus Kempen in Nordrhein-Westfalen: Deutschland befände sich im Gleichheitswahn und würde die unterschiedlichen (biologischen) Merkmale von Männern und Frauen zunehmend negieren und systematisch einebnen.

Bild 1 von 8
Birgit Kelle referierte über Gendermainstreaming, eine 50-50-Gesellschaft sowie die Frauenquote.

Birgit Kelle referierte über Gender-Mainstreaming, eine 50-50-Gesellschaft sowie die Frauenquote.

Zuvor begrüßte der CDU-Bundestagsabgeordnete Axel Knoerig MdB in seinem einleitenden Grußwort die Gäste und führte in das Thema der Veranstaltung ein. „Heutzutage gibt es 196 Professuren für Gender-Studies, was die Wissenschaft der Genderforschung beschreibt, das sind mehr als es in der Pharmazie gibt!“, sagte Knoerig und ging dabei auf den Buchtitel „Gendergaga“ der Referentin Birgit Kelle ein. Doch was dieser Begriff „Gender-Mainstreaming“ eigentlich bedeute, erklärte der Bundestagsabgeordnete in seinen folgenden Ausführungen. „Der Begriff „Gender-Mainstreaming“ ist aus der Entwicklungspolitik entstanden und wurde in der EU erstmals im Amsterdamer Vertrag von 1999 verbindlich vorgeschrieben.“ Im Deutschen hieße der Begriff der „Geschlechtergerechtigkeit“ und dieser sei momentan, wie z.B. beim Thema Frauenquote, in aller Munde. „Doch hat die Diskussion der Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland ein gewisses Maß an Übertreibung erreicht?“, fragte Knoerig abschließend in seinem Begleitgrußwort und gab die argumentative Vorlage für den Vortrag von Birgit Kelle.

Es folgten im Verlauf des Vortrags von Birgit Kelle zahlreiche plakative Beispiele, die sie ins Feld führte, wie zum Beispiel die fortschreitende Durchdringung von öffentlichen Einrichtungen und Hochschulen durch die gendergerechte Sprache: So würden Radfahrer zu "Rad fahrenden" und der Begriff "Fußgänger" werde vermeintlich geschlechterneutral umgewandelt in "zu Fuß gehende". Der eigentliche Sinn der Feministen, sich für mehr Gleichberechtigung der Frauen einzusetzen, sei in Deutschland inzwischen völlig aus dem Ufer geraten. Inzwischen sei das biologische Geschlecht nur noch ein soziales Konstrukt. Die nächste Welle der Ideologiedebatte sei bereits angelaufen: Die Diskussion über die sexuelle Vielfalt würde inzwischen schon die Unterrichtsmaterialen der Schulen und selbst die Kindergärten erreichen.

Kelle ging auch auf die Gleichstellungspolitik in Deutschland ein „Manche Frauen wollen weder Quote noch eine 50-50-Gesellschaft, doch für diese Frauen wird im Moment keine Politik gemacht“, obwohl diese in der Mehrheit seien. Natürlich gäbe es auch Frauen, die bewusst kinderlos und unverheiratet blieben. Einige von ihnen verstünden sich als Kämpfer für die Rechte aller Frauen und kämpften verbissen gegen das „Hausfrauen-Image“ der modernen Frau. Zu diesen Feministinnen zähle, so die gebürtige Rumänin, auch die Publizistin Alice Schwarzer, die sich einbilde, genau zu wissen, was Frauen wollten und welchen Beruf sie ausüben sollten. Doch diese Debatte habe nichts mit Männern zu tun: „Es ist eine Debatte von Frauen gegen Frauen", unterstrich Birgit Kelle.

Die Feministinnen hätten es geschafft sich in der Politik Gehör zu verschaffen. Damit werde viel dafür getan, um die Erwerbsquote von Frauen deutlich anzuheben. Aber Sie führte auch aus: „Das Geld des Staates, das eigentlich den Familien zusteht, fließt heute in Familienersatzinstitutionen, wie z.B. in Kinderkrippen, -horte und -tagesstätten.“ Dadurch, dass die Familien keinen Zuschuss des Staates erhalten, sondern nur Kitas oder Krippen, werden viele Familien quasi gezwungen, ihre Kinder in fremde Hände abzugeben, weil nur beide Elternteile zusammen ausreichend verdienten. „Es wird zu einem finanziellen Luxus, seine Kinder zu Hause groß zu ziehen, da man dafür nur sein eigenes Geld zu Verfügung hat und keine Zuschüsse bekommt.“ Es würden viel mehr Frauen zu Hause bleiben, wenn deren finanzielle Risiken besser abgedeckt würden. Dafür wäre entsprechend den Ergebnissen entsprechender Umfragen lediglich ein Zuschuss von 450 € erforderlich. Im Vergleich dazu, zeigte Kelle auf, investiere der Staat in jeden Krippenplatz heute mindestens 1000 € pro Monat.

Abschließend bedankte sich KAS-Landesbeauftragter Jörg Jäger unter dem Schmunzeln der Zuhörer mit einem ironischen Seitenhieb auf den gewählten Veranstaltungsort "Haus Herrenweide". Seine Prognose: Wenn der Gleichheitswahn weitergehe, werde sicherlich auch das Haus Herrenweide, vormals Soldatenheim, bald umbenannt werden müssen. Im Anschluss wurde noch fast eine Stunde in kleineren Gesprächsrunden weiterdiskutiert und zahlreiche Gäste ließen sich ihre Bücher von Birgit Kelle signieren.

Autor

Julian Höhl

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Hannover, 21. April 2015

Kontakt

Jörg Jäger