Status, Krise, Konjunktur - Marktausblick

Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, spricht über finanzpolitische Herausforderungen

Beim jüngsten Mittagsgespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung war der Finanzexperte Folker Hellmeyer zu Gast in Stadthagen. Mit Hellmeyer und dem Europaabgeordneten Burkhard Balz MdEP wurde vor fast 140 Gästen im Stadthäger Ratskeller u.a. über die wirtschaftlichen Grundlagen der Eurozone und über die finanzpolitischen Entwicklungen in den USA und China gesprochen.

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Folker Hellmeyer in Stadthagen

Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, referiert leidenschaftlich in freier Rede über die finanzpolitische Zukunft der Eurozone.

Der Europaabgeordnete Burkhard Balz MdEP, der selbst im Ausschuss für Wirtschaft und Finanzen des Europäischen Parlamentes sitzt, wies zu Beginn seines Grußwortes auf die gegenwärtige Lage in der Weltpolitik hin. Die aktuelle Flüchtlingssituation sowie die Unruhen in vielen Staaten ließen die Wirtschafts- und Finanzkrise, vor allem in Griechenland, zunächst wieder in Vergessenheit geraten. Umso freudiger erwarte der Europaabgeordnete die Expertise und insbesondere einen Marktausblick des Bremer Chefanalysten.

Folker Hellmeyer, der 1984 seine Laufbahn als Devisenhändler bei der Deutschen Bank in Hamburg und London begann, betonte eingangs die Komplexität von Politik, Wirtschaft und Konjunktur. Mit dem Verweis auf die Thesen des griechischen Philosophen Aristoteles, auf dessen Grundlage Hellmeyers Analysen stattfinden, sprach er während seines Redebeitrages immer wieder von der Notwendigkeit von Reformen. Er benannte die gegenwärtigen Wachstumstreiber in der Eurozone, darunter: Spanien, Irland, Portugal und zuletzt auch Italien. Und das, weil diese Länder strikte Strukturreformen durchgeführt haben. Eine reine „Finanzkosmetik“, so Hellmeyer, bringt die Wirtschaft solcher Länder nicht voran.

Ein bedeutendes Risiko für die Weltwirtschaft bestehe in der Entglobalisierung. Mit der Teilung der Welt wird aus der bis dahin bestehenden „Wachstumsdividende eine Wachstumshypothek.“ Es müsse vermieden werden, wieder Mauern aufzubauen, wie es beispielweise gegenwärtig mit der westlichen Sanktionspolitik gegenüber Russland geschehe. Der Westen darf sich nicht gegen die aufstrebenden Länder stellen, so der Volkswirt in seinem Vortrag. Durch die globale Vernetzung der realen und finanzpolitischen Wirtschaft konnte die vergangene Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008/09 gemeinschaftlich überwunden werden – umso größer sei nun aber die Gefahr von Dominoeffekten in einer Krise. In diesem Zusammenhang habe man sich auf kurzfristige Bilanzierungsstandards geeinigt, nach Einschätzung Hellmeyers jedoch ein großer Fehler. „Unter dem Aspekt der Sozialen Marktwirtschaft ist das vollkommen kontraproduktiv“, da somit sowohl der Boom, als auch die Krisen verschärft würden. „Krisen sind die neue Normalität“, daher warnte er: „Wenn wir jetzt Mauern bauen, werden wir diese Homogenität der Antwort nie wieder auf die Beine stellen.“ Dies sei ein weiterer Aspekt des systemischen Risikos durch eine Entglobalisierung, so Folker Hellmeyer.

Im Hinblick auf die wirtschaftlichen Entwicklungen in 2015 und 2016 beispielsweise in Griechenland, wäre ein „Grexit“ nach Einschätzung des Finanzexperten zwar finanziell zu managen, jedoch würde dieser Weg von der EU allein aus politischen Gründen nicht eingeschlagen werden. Die Situation der US-Wirtschaft hingegen ist kritischer zu betrachten, als vor der Lehman-Pleite im Jahr 2008. In seiner Prognose spricht er von einem „Flirt mit der Rezession“ für das kommende Jahr in den USA. China kommt in Hellmeyer´s Ausblick besser weg. Mit einem Durchschnittswachstum von 9% pro Jahr und einer hohen Anzahl an Devisenreserven könne dieses Land von außen nicht destabilisiert werden. Japan ist nach Einschätzung des Chefanalysten ebenso kritisch zu betrachten, jedoch ohne einen Vergleich zu den USA aufstellen zu wollen. Dadurch, dass es sich um ein binnenfinanziertes Land handelt, bleibt die zu erwartende Krise allerdings überschaubar.

Sorgen äußerte Folker Hellmeyer in seinem Vortrag im Hinblick auf die verschobenen Machtachsen und das Zusammenspiel von Politik und Ökonomie. Die Unruhen im Nahen Osten seien zwar makroökonomisch für die Weltwirtschaft nicht dramatisch, jedoch bleiben große Risiken aufgrund des Islamischen Staates und der anhaltenden Flüchtlingsströme. Dies könne die Weltpolitik nur gemeinschaftlich – insbesondere mit Wladimir Putin zusammen – lösen. Der Westen dürfe sich in diesen Zeiten nicht zurückziehen, denn Russland, China sowie weitere aufstrebende Länder nutzen gegenwärtig die Chance, um zu investieren, Infrastruktur aufzubauen und somit die von Hellmeyer prognostizierte „Verschiebung der Machtachse“ zu begünstigen. Demnach verhindere die Sanktionspolitik der EU die Partizipation an diesem großen Wachstumsprojekt. „Ich wünsche mir, dass wir aus dieser Sanktionspolitik aussteigen und dass wir eine Lösung für die Ukraine finden“, um eine ökonomische Zukunft für die Europäische Union zu gewährleisten.

In seinem weiteren Ausblick und Fazit für die Eurozone und mit Blick auf Deutschland im Vergleich zur übrigen Weltwirtschaft benannte Folker Hellmeyer durchweg positive Zahlen und Analysen. Der europäische Fiskalpakt sei ein „Goldstandard light“: „Ja, wenn ein Land Probleme hat, dann sind wir solidarisch, aber nur wenn sie sich reformieren.“ Und das, so Hellmeyer, sei ein komparativer Vorteil gegenüber allen westlichen Staaten. Zusammenfassend dürfe die EU mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Mit dieser Einschätzung und dem bereits eingangs erwähnten Hinweis auf die Thesen Aristoteles´ schloss er seinen Vortrag und ging ferner auf Fragen des Publikums ein.

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erschienen

Hannover, 25. November 2015

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Johanna Chowaniec

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