"Regierung Sharif ist jetzt in der Bringschuld"

Ronny Heine im SRF-Interview

In der Nacht auf den Pfingstmontag haben radikal-islamische Taliban den Flughafen der pakistanischen Millionenstadt Karachi gestürmt. Sie lieferten sich stundenlange Gefechte mit pakistanischen Sicherheitskräften. Die Bilanz: mehr als 30 Tote. Einen erneuten Angriff von heute Morgen konnten die Sicherheitskräfte nach eigenen Angaben abwehren. Offizielle Reaktionen der Regierung gibt es bislang nicht. Über die Lage im Land und die Herausforderungen für die Regierung sprach Ronny Heine, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Pakistan, im SRF-Interview.

Premierminister Nawaz Sharif habe angekündigt, noch für diese Woche eine Sitzung mit seinen Sicherheitsberaten und Vertretern des Militärs einzuberufen, um über die Folgen dieses Attentats zu beraten, sagt Ronny Heine. "Ich glaube, die Regierung möchte abwarten, welche Ergebnisse diese Beratungen mit sich bringen und sich dann offiziell über die politischen Folgen dieses Attentats zu äußern." Es sei jedoch davon auszugehen, dass der Druck auf die Regierung erheblich wachsen werde, die Verhandlungsgespräche mit den Taliban zumindest auszusetzen. Erschwert werde die Lage dadurch, dass es innerhalb der Regierung keinen wirklichen Konsens über Sinn und Unsinn dieser Verhandlungen gebe. "Es gibt ein erhebliches Potential von Politikern und Militärs, die die Verhandlungen mit den Taliban zumindest in der derzeitigen Form nicht für sinnvoll halten und mehr auf Stärke setzen wollen."

Sharif habe die Taliban nicht grundsätzlich unterschätzt, aber er habe wohl nicht damit gerechnet hat, dass sie in Zeiten der Verhandlungen solche massiven Anschläge durchführen würden, auch wenn sich in den letzten Monaten bereits abgezeichnet habe, dass die Taliban trotz der Verhandlungen nicht auf ihre Anschläge verzichten wollen, um so die Regierung unter Druck zu setzen.

Insgesamt handele das Militär entschlossener als die Politik, so Heine, denn es beanspruche einen erheblichen Status für sich im Land und bei allem, was Sicherheit angeht, sei das Militär ein entscheidender Faktor. "Ich glaube daher, dass das Militär zunehmend darauf drängen wird, entschlossener gegen vermutete Stellungen der Taliban vorzugehen."

Die Stimmung in Pakistan sei angesichts der Sicherheitslage nicht sehr gut und es werde zunehmend gefordert, dass die Regierung entschlossener handelt, um das eigene Land vor Anschlägen zu schützen. "Hier ist auch die Regierung Sharif in der Bringschuld, klare Konzepte zu erarbeiten, Entscheidungen zu treffen, Anweisungen zu geben und vor allem den Eindruck zu vermitteln, dass sie in eine Richtung marschiert." Das sei zur Zeit nicht zu sehen und man könne den Eindruck gewinnen, dass sich die pakistanische Regierung derzeit nicht darüber im Klaren ist, wie sie den Herausforderungen, vor denen das Land steht, wirklich umgehen soll.

Mit freundlicher Unterstützung von "Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)"
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