Zeuthener Abiturienten auf Studienseminar in Auschwitz

Oswiecim, 24. November 2009

Ich habe Gott und meine Mutter verflucht, weil Sie mich geboren haben
Zeuthener Abiturienten treffen Todesfotograf von Auschwitz

Nach einem langen Rundgang durch das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurde ein Zeitzeugengespräch rückblickend zum Höhepunkt einer Seminarreise nach Auschwitz. 20 Oberstufenschüler der Paul-Dessau-Gesamtschule hatten bis heute Nachmittag schon viele Eindrücke sammeln können. Nach langer Anreise in die Jugendbegegnungsstätte Oswiecim (Auschwitz) und einem Rundgang durch die heute vierzigtausend Einwohner zählende Stadt besichtigten sie das Stammlager Auschwitz. Entsetzt von Bergen von Kinderschuhen, Tonnen von Menschenhaaren, tausenden Brillen, Gepäckstücken und der Begegnung mit planmäßig organisierten Grauen und Terror konnten viele ihre Gefühle kaum mehr in Worte fassen. Mit diesen Eindrücken belastet, gingen die Schüler, welche den Schulschwerpunkt Geschichte haben, an die nicht minder grauenvolle und bedrückende Aufgabe, den fabrikmäßigen Massenmord von Auschwitz-Birkenau in all seiner Gewaltigkeit zu entdecken. Auf einem sieben Kilometer währenden Rundgang durch alle Lagerbereiche, vorbei an „Wäldern“ von einsam in den Himmel ragenden Schornsteinen der ehem. Baracken, zwischen Stacheldraht und Wachtürmen fühlten die Schüler das Grauen zum wiederholten Male, als sie an den Ascheseen neben den von der SS gesprengten Gaskammern und Krematorien standen. Dieses Grauen bekam ein Gesicht, als in der ehem. Desinfizierungsanstalt des Lagers eine Wand mit privaten Fotografien eine Beziehung zu einzelnen Schicksalen herstellte. Bilder von lachenden Menschen, Kindern und stolzen Geschäftsleuten hatten in einem Koffer in der Asservatenkammer die Räumung des Lagers im Januar 1945 überdauert. Der pfeifende Wind übertönte die Stille, als die Gedenkstätte am Ende der berüchtigten Gleise zwischen den beiden Hauptkrematorien erreicht wurde. Mehr als 10.000 Menschen starben hier an einem Tag. Wilhelm Brasse, Jahrgang 1917, kam lebensfroh in die Bibliothek des Begegnungszentrums. Nur sein gebeugter Gang ließ sein Alter erahnen, als er die wartenden Schüler begrüßte. Es interessierte ihn, dass die Schüler an einer musisch orientierten Gesamtschule, Geschichte zu einem Abiturprüfungsfach gemacht hatten. Er sortierte seine Unterlagen, Fotos und persönliche Erinnerungsstücke kamen zum Vorschein. Ganz unvermittelt begann er mit seiner dreistündigen Lebensgeschichte. Es wurden 180 Minuten zwischen Entsetzen und Kopfschütteln. Sein Großvater kam aus dem Elsass. Er selbst lernte das Handwerk eines Fotografen und ließ sich in Katowice nieder, wo er die nach seiner Aussage, die „wundervollsten Jugendjahre“ verbrachte. Nach dem schnellen Sieg der Wehrmacht über Polen 1939 kamen die deutschen Behörden auf ihn zu und stellten ihn vor die Wahl: Wolle er Pole oder Deutscher sein? Er wählte ersteres und zog die Flucht vor, die aber schon nach kurzem Weg endete. Wieder hatte Brasse die Wahl. Deutscher Soldat zu werden oder Internierung. Er wollte nicht auf seine Landsleute schießen. Nach einer Odyssee kam er nach Auschwitz. Aus Wilhelm Brasse wurde Häftling 3444. Zunächst ging es um körperlich schwere Arbeit. 12 Stunden am Tag mit ewig schreienden und prügelnden Aufsehern in Häftlingskluft, beobachtet von SS-Mannschaften. Dann verhalf ihm der Zufall. Er nennt es sein Lebensglück. Die Lagerleitung suchte einen professionellen Fotografen für den Erkennungsdienst. Der Porträtfotograf Brasse meldete sich. Mittendrin zwischen Folter und Arbeit bis zum Tode, in der Nähe des Krematoriums, lichtete er mehr als 50.000 Gefangene ab. Nebenbei porträtierte er die SS-Offiziere und Mannschaften für zusätzliche Essensrationen oder die ständig gefragten Zigaretten. Seine viel gelobte Arbeit sicherte ihm das Überleben. Dann kam ein besonderer Auftrag. Der neue Lagerarzt Josef Mengele wollte ein neues Porträt. Beeindruckt von den fotografischen Fähigkeiten Wilhelm Brass‘ bestellte der berüchtigte Kriegsverbrecher besondere Bilder. 15 jüdische Frauen wurden zu ihm gebracht. Nackt und vollkommen eingeschüchtert, musste Brasse sie ablichten. Es sollten Bilder werden, die ihn nie wieder los lassen sollten. Sein Erfolg wurde zur Bürde für sein gesamtes weiteres Leben. Er dokumentierte Zwillinge, Frauen nach gynäkologischen Experimenten, vollkommen abgemagerte Kinder und Kleinwüchsige. Wenn er durch die Linse sah, sah er lebende Tote. Er wusste, was zumeist nur wenige Tage später mit ihnen geschehen sollte. Nicht einer überlebte. In stillen Momenten verfluchte er Gott. Warum hatten er und seine Mutter ihm das Leben geschenkt? Warum musste er zum Fotografen des Grauens in Auschwitz werden, um selbst zu überleben? Die letzten Kriegsmonate bis zu seiner Befreiung Anfang Mai 1945 erlebte er zwischen Angst und Tod. 42 Kilogramm wog er bei seiner Rettung. Es zog ihn zurück in seine Heimat Oberschlesien. Er wollte durch Arbeit vergessen. An seinem ersten Arbeitstag schoss er sein letztes Foto. Hinter seiner Kundin sah er die nackten und ausgemergelten jungen jüdischen Mädchen. Glück. Das Lebensglück, dass ihm beschert war, wünschte er allen seinen neuen Freunden. Er packte sein Leben ein. Die Fotos, die Dokumente und das Gastgeschenk seiner neuen Freunde aus Zeuthen.