Konrad Adenauer
Konrad-Adenauer-Stiftung
Villa La Collina - Cadenabbia
Internationales Begegnungszentrum für Politik, Wirtschaft und Kunst

Konrad Adenauer in Cadenabbia

Cadenabbia ist ein kleines norditalienisches Dorf mit gerade einmal 800 Einwohnern. Es liegt hübsch am Westufer des Comer Sees und wäre dessen ungeachtet in Deutschland vermutlich bis heute weitgehend unbekannt, wenn dort nicht Konrad Adenauer Urlaub gemacht und es in seiner Zeit als Bundeskanzler für Wochen in ein Ersatz-Kanzleramt verwandelt hätte.

  
Damals und heute: Boccia in Cadenabbia
  
 

Er machte 18mal Urlaub in Cadenabbia, davon 15mal in der Villa La Collina. Dort fielen wichtige politische Entscheidungen, aber es rollten auch Boccia-Kugeln. Oft vor laufenden Kameras, denn Adenauers Urlaub war jedes Mal ein Medienereignis.

Die Bevölkerung freute sich auf den Kanzler, auch als dieser nicht mehr im Amt war und in Cadenabbia seine Memoiren schrieb. Das wirtschaftswundergestärkte Deutschland hatte damals schon Italien als Urlaubsziel entdeckt. Allerdings konzentrierte sich die Begeisterung der Deutschen auf die Meeresküsten. Die oberitalienischen Seen wurden erst durch Adenauer einer breiten Öffentlichkeit als Urlaubsregion bekannt.

  
Damals und heute: Konrad Adenauer beim Kirchgang
  
 

Ab in den Urlaub, ab in die Villa La Collina

Adenauer verbrachte seinen Urlaub zuvor meist in der Schweiz, wo er erstmals 1912 war. Mitte der 1950er Jahre verlegte er sein Urlaubsziel nach Norditalien – nicht ganz freiwillig. Adenauer beklagte sich über spöttelnde Schweizer Zeitungen, denen zufolge die Bundesrepublik in Wirklichkeit von der Schweiz aus regiert werde – einen Eindruck, den Adenauer so nicht stehen lassen wollte.

An den Comer See kam Adenauer durch seinen Außenminister Heinrich von Brentano, dessen Familie dort ihre Wurzeln besaß und der noch immer viele Verbindungen dorthin pflegte. Im Frühjahr 1957 besuchte Adenauer erstmals Cadenabbia, wo er auch das Boccia-Spiel kennenlernte. Seither kam er fast jedes Frühjahr und jeden Spätsommer dorthin. Erst in der Villa Rosa, dann in der Villa Arminio, die mitten im Ort lag. Schon bei seinem ersten Aufenthalt entdeckte Adenauer die Villa La Collina, die – wie der Name sagt – auf einem Hügel über dem Dorf thront. Sie liegt abseits des Durchgangsverkehrs und des geschäftigen Treibens des Ortes, geschützt vor neugierigen Blicken, und bietet einen fantastischen Blick über den See. So sprach der deutsche Bundeskanzler höchstpersönlich beim italienischen Bürgermeister der kleinen Gemeinde vor und bat um Vermittlung, um die Villa beim nächsten Urlaub mieten zu können.

  
Konrad Adenauer in Cadenabbia
  
 

Der Bürgermeister nahm sich der Sache an, und die Besitzerin, eine französische Adelsfamilie, willigte ein. Die Villa La Collina war damals ihr Sommerdomizil, das sie aber nur selten nutzte und das zuletzt leer gestanden hatte. Zwei Monate vor der Ankunft Adenauers im Herbst 1959 begannen die Arbeiten, um das Gemäuer wieder bewohnbar zu machen. Es gab praktisch keine Inneneinrichtung. Örtliche Hotels halfen mit Möbeln aus und selbst das Rathaus stellte einen Schreibtisch zur Verfügung. Dafür bot das neue Domizil viel mehr Platz, so dass kein Mitarbeiter mehr ins Hotel ausquartiert werden musste. Das provisorische Ambiente im Inneren stand im Gegensatz zur herrschaftlichen Lage der Villa, störte Adenauer aber kaum. Besucher hingegen beschrieben das Innere der Villa als ziemlich ungemütlich. Egal, die Villa sollte, wie Adenauer später einmal sagte, seine zweite Heimat werden. Vielleicht nicht überraschend, denn sein Haus in Rhöndorf wartete mit ähnlich steilen Hängen auf. Sein Dienstwagen, ein großer Mercedes 300, hatte Mühe, die engen Kurven hinauf zur Villa La Collina zu bewältigen.

Adenauer schätzte es, immer wieder an den gleichen Urlaubsort zurückzukehren. Er liebte die Landschaft, das milde Klima, die unkomplizierte Freundlichkeit der Einheimischen und die reiche Pflanzenwelt. Manches Gewächs aus Cadenabbia fand sich – Zollvorschriften hin oder her – in Adenauers Garten in Rhöndorf wieder.

Urlaub mit Fernschreiber und Arbeitsstab

Die langen Aufenthalte Adenauers von bis zu acht Wochen im Jahr dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies kein reiner Erholungsurlaub war. Er reiste nicht alleine oder nur mit seinen Töchtern, sondern mit einem ganzen Tross an Begleitpersonal. Sein persönlicher Referent war dabei, zwei oder drei Sekretärinnen, eine Telefonistin, sein Fahrer, mindestens eine Hauswirtschafterin und etliche Sicherheitsbeamte. Ein Fernschreiber wurde installiert und der mitgebrachte Tresor mit geheimen Unterlagen aufgestellt. Ein Kurier brachte mehrmals in der Woche Unterlagen aus Bonn. Es handelte sich also eher um eine Verlegung des Regierungssitzes bei einem nicht ganz so vollen Terminkalender. Die Villa La Collina wurde zum Ersatz-Kanzleramt. Der Frühaufsteher Adenauer behielt seinen regelmäßigen, stark strukturierten Tagesablauf auch in Cadenabbia bei.

Aber es war trotzdem etwas anderes als der alltägliche Bonner Trott, und der Wechsel erfolgte abrupt, weil gerade die ersten Urlaubstage bewusst von offiziellen Verpflichtungen freigehalten wurden. Diese Umstellung fiel Adenauer schwer. In der ersten Woche war er meist nervös und gereizt. Eine Sekretärin erinnerte sich, dass es in jenen Tagen „manche kleinen und auch größeren Explosionen“ gab.

  
Konrad Adenauer mit seinem Kabinett in Cadenabbia
  
 

  
Konrad Adenauer mit Heinrich Krone in Cadenabbia
  
 

Große Politik

Während seines Urlaubs fand eine Vielzahl inoffizieller Treffen statt, beispielsweise mit US-Außenminister Dean Rusk, bei denen wichtige Themen abseits von Protokoll und Journalisten offen erörtert werden konnten. Dazu kamen etliche offizielle Empfänge, oft für italienische Staatsmänner. Die Hochschätzung, die Adenauer ihnen damit entgegenbrachte, schlug sich in einer nachdrücklichen Unterstützung Deutschlands auf dem internationalen Parkett nieder.

  
US-Außenminister Dean Rusk zu Besuch in Cadenabbia
  
 

Im Spätsommer 1958 bereitete sich Adenauer in Cadenabbia auf sein erstes Treffen mit dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle vor. Unbelastet vom Tagesgeschäft und mit der nötigen Muße plante er diese entscheidende Begegnung. Ein heikler Termin: Es war das erste Mal überhaupt seit dem Zweiten Weltkrieg, dass sich der Franzose mit einem Regierungschef des einstigen Kriegsgegners traf. Da konnte Adenauer keine Querschüsse von Opposition und innerparteilichen Gegnern gebrauchen, die seine Aufmerksamkeit gebunden hätten. Was er brauchte, war Abstand, um sich auf die großen Linien zu konzentrieren. Und diesen Abstand fand er in Cadenabbia - ein Prinzip, das sich noch öfter wiederholen sollte. Von Cadenabbia ging es über Baden-Baden direkt nach Frankreich. Das Treffen fand im Privathaus de Gaulles statt. Dieses Kennenlernen der beiden Staatsmänner und die sich daraus entwickelnde Sympathie trugen wesentlich zur Entstehung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags 1963 bei.

Die wichtigste Entscheidung Adenauers, die in Cadenabbia fiel, dürfte 1959 sein Rückzug von der Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten sein. Sein ursprünglicher Plan war, seinen innerparteilichen Konkurrenten Ludwig Erhard auf das höchste Staatsamt wegzuloben, doch der lehnte ab. Also brachte sich Adenauer selbst als Kandidat für das höchste Staatsamt ins Spiel. Diese Entscheidung wird heute als voreilig beurteilt. In Cadenabbia hatte Adenauer wieder mehr Abstand vom politischen Alltag und die Ruhe, grundsätzliche Entscheidungen zu überdenken. Er erkannte, dass sein Einfluss als Bundespräsident stark abnehmen würde. Außerdem wollte er Erhard unbedingt als Bundeskanzler verhindern. Frisch gestärkt kehrte Adenauer also aus dem Urlaub zurück und verkündete, dass er nun doch lieber Kanzler bleibe.

  
Konrad Adenauer mit dem italienischen Ministerpräsident Amintore Fanfani in Cadenabbia
  
 

Spaziergänge und Boccia

Adenauer in Cadenabbia bedeutet Boccia. Diesen Sport lernte Adenauer erst in Italien kennen, ein italienischer Sicherheitsbeamte hatte ihm die Regeln erklärt. Er verliebte sich sofort in das Spiel mit den Kugeln. In kurzer Zeit entwickelte er sich zu einem ambitionierten Boccia-Spieler, der nicht nur das nötige Feingefühl für die Kugeln hatte, sondern auch viel taktisches Geschick unter Beweis stellte. Seine Umgebung hatte darunter zu leiden, denn sie musste sich notgedrungen ebenfalls für Boccia begeistern. Adenauer nahm das Spiel nicht auf die leichte Schulter und ein misslungener Wurf konnte dem sonst so beherrschten Mann schon mal einen kräftigen Fluch entlocken.

Gespielt wurde all die Jahre auf dem Gelände der Villa Arminio, in der Adenauer auch schon Urlaub gemacht hatte. Die Villa La Collina hatte keinen eigenen Boccia-Platz. Das Boccia-Fieber packte Adenauer mit solcher Gewalt, dass er kurz darauf eine eigene Bahn in seinem Garten in Rhöndorf anlegen ließ – beleuchtet, damit man auch nach Einbruch der Dämmerung noch spielen konnte.

Es gab auch Momente eines sichtlich gelösten, zu Streichen und Schabernack auflegten Konrad Adenauer. Der kühle Mann konnte auf einmal lyrisch werden und legte auch sonst für ihn ungewöhnliche Verhaltensweisen an den Tag. In solch gelösten Momenten konnte der sonst so auf Haltung bedachte Adenauer geradezu neckisch, ja fast schon kindisch und ungewohnt selbstironisch werden. Einmal war der Bundeskanzler frühmorgens plötzlich verschwunden und die Sicherheitsbeamten wurden sehr unruhig. Schnell stellte sich zwar heraus, dass auch der Fahrer und Adenauers Wagen weg waren, eine Entführung also unwahrscheinlich war. Aber dass ihr Schutzobjekt ihnen entwischt war, machte den Beamten Sorgen. Gegen Mittag war Adenauer wieder zurück. Er habe genug davon gehabt, die ganze Zeit beaufsichtigt und verplant zu werden und habe spontan eine Spritztour entlang des Comer Sees gemacht, sagte er. Ursprünglich wollte er sogar bis in die Schweiz fahren, aber der Bundeskanzler hatte seinen Reisepass in der Villa liegen lassen.

Adenauer war trotz seines hohen Alters – bei seinem ersten Urlaub in Cadenabbia war er 81, bei seinem letzten 90 Jahre – erstaunlich fit und aktiv. So bewältigte er den Anstieg zur einsam über dem Comer See liegenden Kapelle San Martino souverän, während die ihn begleitenden Sicherheitsbeamten ins Schwitzen kamen. In den ersten Jahren ging Adenauer, stets adrett gekleidet, wandern, später beschränkte er sich auf ausgedehnte Spaziergänge. Dabei kam er in Kontakt mit Einheimischen und hielt gerne einen kleinen Plausch. Er war niemand, der auf den umliegenden Bergen das Gipfelglück suchte. Stattdessen erkundete er abgelegene Täler und genoss die Stille.

  
Gemeinsamer Spaziergang
  
 

Abends wurde gemeinsam klassische Musik gehört oder gelesen. Adenauer schmökerte zur Entspannung gerne in Krimis. Agatha Christie, Edgar Wallace und Dorothy Sayers waren seine Lieblingsautoren.

Medienrummel

Allein die Anwesenheit Adenauers in Cadenabbia war ein Medienereignis. Dutzende Journalisten, deutsche wie italienische, warteten vor der Villa, um Bilder von einem entspannten, urlaubenden Bundeskanzler zu bekommen und knackige Zitate aufzuschnappen. Freilich hatten sie wenig mit heutigen Paparazzi gemein. Heimliches „Abschießen“ Adenauers in seiner Privatsphäre war verpönt. Die Journalisten kamen nur zum Zug, wenn Adenauer sich mit ihnen einließ. Er wusste seinerseits das große Medieninteresse für seine Zwecke zu nutzen.

Dank der Berichterstattung aus seinem Urlaub gewann sein Image eines steifen, formalistischen alten Mannes eine warme Seite hinzu: Der sonst streng auf sein Äußeres achtende Bundeskanzler ohne Jacket beim Boccia-Spiel, der unermüdliche Staatsmann entspannt im Liegestuhl, der alte Mann bei ausgedehnten Spaziergängen.

  
 

Im Fernsehen lief ein Beitrag mit dem Titel „Ferien ohne Urlaub“ über seinen Aufenthalt in Cadenabbia: Der Bundeskanzler habe nicht einmal richtigen Urlaub, sondern arbeite selbst in den Ferien unermüdlich für das Wohl der Bundesrepublik. Aus heutiger Sicht wirkt das eher wie Hofberichterstattung.

Im Urlaub nahm sich Adenauer mehr Zeit für ausführliche Hintergrundgespräche mit Journalisten. Diese für Cadenabbia so typische Abwechslung zwischen der Entspannung eines richtigen Erholungsurlaubs und der Anspannung eines Arbeitsurlaubs ließ die Gespräche in gelöster Atmosphäre stattfinden und die Journalisten einen aufgeräumten Bundeskanzler vorfinden. Gerade bei Parteifreunden waren diese Gespräche gefürchtet, denn Adenauer nahm dort ähnlich wie in Bonn kein Blatt vor den Mund und hielt mit seinen Zweifeln an den Fähigkeiten von Kabinettskollegen und anderen Spitzen der Bonner Politik nicht hinter dem Berg. Es war dann nur noch eine Frage der Zeit, bis sich entsprechende Anspielungen in der Berichterstattung wiederfanden.

  
Ehrenbürgerurkunde der Comune di Griante - Como
  
 

Begeisterung in der Bevölkerung

Ein so berühmter Mann in einem so kleinen Nest – da ließ sich die Gemeinde nicht lumpen: Der deutsche Bundeskanzler wurde schon bei seinem ersten Urlaub in Cadenabbia im Frühjahr 1957 zum Ehrenbürger erhoben. Er genoss die freundliche Zuwendung und revanchierte sich mit großzügigen Spenden an soziale Einrichtungen und – Adenauer war ein gläubiger Katholik – an Klöster.

Sein allsonntäglicher Kirchgang wurde zum großen Schaulaufen. Einheimische wie Touristen säumten den Weg von der Villa zur Kirche. Die Leute konnten – heute nur noch schwer vorstellbar – Adenauer die Hand geben, ihm Blumen überreichen oder mit ihm ein paar Worte wechseln. Adenauer sprach zwar kein Italienisch, konnte aber dank seiner guten Lateinkenntnisse einiges verstehen. Außerdem war ständig eine Dolmetscherin dabei. Deutsche kamen sogar in Bussen, um den Kanzler in Italien zu treffen. Immer wieder waren ehemalige Wehrmachtssoldaten darunter, die dank Adenauers Verhandlungen aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen worden waren. In der Kirche von Cadenabbia erhielt Adenauer einen eigenen, rot gepolsterten Stuhl. Seine Begleitung nahm auf der Holzbank dahinter Platz. Der Friseur von Cadenabbia, ein begnadeter Bariton, begleitete mit seiner Stimme die Orgel.

Adenauer fühlte sich wohl in Cadenabbia. Er schrieb, dass er inzwischen – man beachte die Reihenfolge – „mit den Behörden und mit der Bevölkerung der ganzen Gegend so vertraut“ sei, dass er nicht mehr als Fremder gelte. Tatsächlich war er mehr als nur ein Gast. Dazu trug auch seine unkomplizierte Art und seine Kontaktfreude bei. Gleichwohl galt er weder als Einheimischer noch sah er sich selbst so. Die mitgebrachte Köchin bereitete deutsche Hausmannskost zu und zu trinken gab es Moselwein. Auch war nicht alles eitel Sonnenschein. Beim italienischen Innenminister bedankte sich Adenauer einmal zwar für die große Gastfreundschaft. Gleichzeitig beschwerte er sich aber über Motorboote, die „mit einem unvorstellbaren Knattern – das überdies offensichtlich gewollt ist – die friedliche Stille zerreißen“, verbunden mit der Bitte, etwas dagegen zu unternehmen.

Ein Ort der distanzierten Reflexion

Cadenabbia bildete einen wirksamen Filter für Adenauer. Noch eng genug an Bonn angebunden, um bei Bedarf selbst ins politische Geschehen eingreifen zu können, lag es doch weit genug weg, um den tagespolitischen Lärm nur noch stark gedämpft zu ihm dringen zu lassen. In Cadenabbia fand Adenauer den nötigen Abstand und die Muße, um sich eingehend mit den großen Linien der Staatsführung zu beschäftigen. Die geschichtsträchtigen Ufer des Comer Sees halfen Adenauer dabei, den Blick für die grundsätzlichen Dinge in der Politik zu schärfen. Zuweilen mochte es auch eine Flucht aus den Widrigkeiten der Politik gewesen sein: Innerparteiliche Machtkämpfe, die Spiegel-Affäre und die Berlin-Krise, um nur einige zu nennen. Da bot Cadenabbia nicht nur räumlichen, sondern auch mentalen Abstand.

  
Damals und heute: Cadenabbia, ein Ort der Reflexion
  
 

Bei seinem letzten Urlaub als amtierender Bundeskanzler in Cadenabbia, im Spätsommer 1963, machte sich Adenauer bereits Gedanken, womit er sich nach seinem Rückzug aus der Regierung beschäftigen würde: mit seinen Memoiren. Ohne Regierungsamt fiel der Begleittross fortan viel kleiner aus und die Villa La Collina erschien ihm unter diesen Umständen zu groß. Aber er besuchte in diesen Wochen in seinem Ausweichquartier immer wieder Cadenabbia und auch den Park der Villa La Collina und entschloss sich, den nächsten Urlaub wieder dort zu verbringen: „Hier ist es doch schöner“, seufzte er.

Im Sommer 1964 reiste Adenauer erneut an den Comer See, diesmal wieder in die Villa La Collina. Von einem rein privaten Urlaub konnte aber auch jetzt keine Rede sein. Er kam in Begleitung von drei Sekretärinnen, zwei Hauswirtschafterinnen, seinem Fahrer und zwei Sicherheitsbeamten. Es sollte ein Arbeitsurlaub wie früher werden – mit dem Unterschied, dass es nun nicht mehr um die Zukunft der deutschen Politik ging, sondern um deren Vergangenheit. In Cadenabbia konzipierte und diktierte er den größten Teil seiner autobiographischen „Erinnerungen“, oft unterbrochen von Besuchern, Terminanfragen und Bitten um Grußworte. Adenauer war nicht mehr Kanzler, aber immer noch eine gefragte Persönlichkeit.

  
Konrad Adenauer. Erinnerungen 1955-1959
  
 

Jetzt konnte er sich auch mehr Zeit nehmen für künstlerische Projekte. Adenauer war ein Liebhaber eher der Kunstgeschichte als der Kunst selbst und zu moderner Kunst fand er nicht immer Zugang. Gleichwohl bewahrte er sich bis ins hohe Alter eine große Neugier, nicht nur auf Kunst, sondern auch auf Künstler.

  
Adenauer-Porträts der Expressionisten Oskar Kokoschka und Graham Sutherland
  
 

Er ließ sich vom Briten Graham Sutherland und vom Expressionisten Oskar Kokoschka porträtieren. Die entstandenen Werke stießen bei ihm nicht unbedingt auf Begeisterung, aber er respektierte die Interpretation der Maler. Und vor allem genoss er die Unterhaltung mit ihnen während der stundenlangen Sitzungen, die sich über viele Tage hinzogen. Als der Historiker Golo Mann eine freundliche Rezension über den ersten Band von Adenauers „Erinnerungen“ veröffentlichte, lud dieser ihn nach Cadenabbia ein. Mann folgte der Einladung. Aus dem geplanten kurzen Besuch wurde ein angeregtes Gespräch, das sich so lange hinzog, dass Mann gleich in der Villa La Collina übernachtete. Später bezeichnete der Schriftsteller diese Begegnung als „Besuch des Geistes bei der Politik“.

  
Damals und heute: Adenauer vor dem Tor der Villa La Collina
  
 

Lesen Sie zu diesem Thema auch: Adenauer in Cadenabbia
Vortrag von Günter Buchstab anläßlich der Veranstaltung "Cadenabbia als literarischer Ort" am 17.1.2007 in Köln

 
© Konrad Adenauer Stiftung e.V.  |  6. Februar 2007