Vorwort der Herausgeber
Mit den Grundlagen der Lehre der Russischen Orthodoxen
Kirche über die Würde, die Freiheit und die Menschenrechte
vom Juli 2008 legt das Patriarchat der Russischen Orthodoxen
Kirche ein beachtliches sozialethisches Dokument vor. Die Idee
der Menschenwürde, von der das Dokument ausführlicher handelt,
ist zweifellos christlichen Ursprungs. Sie ist im Alten und
Neuen Testament grundgelegt und wird seit jeher von den
Kirchen des Ostens und des Westens als Kern der Theologie
und Liturgie, der Diakonie und christlichen Moral tradiert.
Unterschiedlich werden jedoch die rechtlichen, gesellschaftlichen,
politischen und zeitbedingten Folgerungen interpretiert,
die aus der Idee der Menschenwürde gezogen werden.
Das aktuelle Dokument knüpft an den Grundlagen der Sozialdoktrin
der Russischen Orthodoxen Kirche vom August 2000
an, will diese jedoch im Hinblick auf die Frage der Menschenrechte,
ihre orthodoxe theologische Begründung und die
Folgerungen für Staat und Gesellschaft ergänzen und präzisieren.
Die Sozialdoktrin 2000, mit der von einer orthodoxen
Kirche erstmals eine umfassende Soziallehre konzipiert wurde,
hat weit über den russischen und orthodoxen Raum hinaus
Beachtung gefunden. Sie wurde auch im Westen in kirchlichen
und politisch-gesellschaftlichen Kreisen sowie in Akademien
und wissenschaftlichen Seminaren eingehend diskutiert.
Nicht zuletzt hat die Sozialdoktrin den Dialog zwischen
orthodoxen, katholischen und protestantischen Christen befördert
und damit auch zu einem besseren Verständnis der unterschiedlichen
sozialethischen Konzeptionen beigetragen. In
Diskussionsforen wurden die Gemeinsamkeiten wie auch die
sozialethischen Besonderheiten der verschiedenen christlichen
Bekenntnisse erörtert, wobei die Grund- und Freiheitsrechte
eine besondere Rolle spielten.
Das neue Dokument der Moskauer Synode, das unter den
orthodoxen Christen für eine gemeinsame verbindliche Basis
sorgen soll, kann wohl auch als Ergebnis des Dialogs zwischen
Ost- und Westkirche, zwischen östlicher und westlicher Kultur
gelesen werden. Die Konrad-Adenauer-Stiftung konnte mit der
deutschen Ausgabe der Sozialdoktrin aus dem Jahre 2000 und
gemeinsamen Veranstaltungen mit Vertretern des Moskauer
Patriarchats und der Kirchen des Westens dazu beitragen, den
interreligiösen und interkulturellen sozialethischen Diskurs zu
fördern. Mit der vorliegenden deutschen Übersetzung der orthodoxen
Menschenrechtslehre wollen wir den angebahnten
Dialog fortsetzen.
Wir würden uns freuen, wenn die sozialethischen Leitlinien
das gemeinsame Gespräch intensivieren und zum besseren
gegenseitigen Verständnis der Menschen in Ost und West beitragen
würden.
Rudolf Uertz / Lars Peter Schmidt