Wer kommt für die Folgen des Klimawandels auf?

Neue Ansätze für einen klimapolitischen Lastenausgleich

Auch verfügbar in English

Das Pariser Abkommen COP21 hat 2015 nochmals bekräftigt, dass die Weltgemeinschaft Mechanismen entwickeln muss, um Verluste und Schäden durch die Folgen des Klimawandels auszugleichen. KAS RECAP und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung PIK suchten gemeinsam mit Experten aus Europa und Asien nach innovativen Lösungsansätzen – denn wie eine solche Kompensation aussehen soll, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Bild 1 von 11
Die Teilnehmer aus drei Kontinenten freuen sich auf eine weitere enge Zusammenarbeit.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Asien, Europa und Ozeanien bringen ihre interdisziplinären Kompetenzen beim Thema "Kompensation von Klimaschäden" ein.

Vermeidung (mitigation) und Anpassung (adaptation) stellen die beiden Säulen globaler Klimapolitik dar und haben in nationalen Klimastategien Eingang gefunden. Keine Antwort gibt es bislang auf die Frage, wie Staaten und Personen(gruppen) entschädigt werden sollen (compensation), deren Existenz durch die Folgen des Klimawandels bedroht ist. Das bekannteste Beispiel sind kleine Inseln im Pazifik, die bei steigendem Meeresspiegel verschwinden werden. Aber auch die klimabedingte Migration gehört hierzu.

Diese Herausforderungen werden zwar in Wissenschaft und Finanzkreisen seit Längerem diskutiert. Und es liegen hierzu verschiedene Modelle vor. Doch wichtige rechtliche und finanztechnische Aspekte sind bislang ungeklärt oder strittig. Was ist der Stand der gegenwärtigen Diskussion? Gibt es bereits erste konkrete Projekte, aus denen Chancen und Grenzen dieser Instrumente abzuleiten sind? Welche Rolle können Versicherungen im Vergleich zu anderen Finanzinstrumenten spielen?

Um hierauf Antworten zu erhalten veranstalteten RECAP und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (kurz PIK) am 17./18.Februar 2017 einen zweitägigen Workshop in Hongkong. Das PIK ist eine der renommiertesten europäischen Einrichtungen für die Erforschung der zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels auf Natur und Menschheit.

Eröffnet wurde der Workshop von Dr. Peter Hefele, Leiter von RECAP, und Prof. Dr. Detlef Sprinz, Senior Scientist in der Forschungsabteilung "Transdisziplinäre Konzepte & Methoden" am PIK. Sie skizzierten aus ihrer Sicht die vielfältigen Aspekte des Themas und dessen konzeptionelle wie praktische Herausforderungen.

Trotz erheblicher Fortschritte bei der Modellierung des Klimawandels und dessen Folgen bleibt eine erhebliche Kluft zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und deren Anwendbarkeit bei konkreten Entscheidungen in Politik und Wirtschaft. Hierzu tragen die Komplexität und Wechselwirkungen (möglicher) Effekte bei. Welche Schäden durch wen verursacht und wie diese zugerechnet werden können/müssen (Problem der Attribution), ist die Kernfrage jeglicher Diskussion um den Ausgleich von Schäden (Kompensation).

Bislang hat vor allem die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) die Problemstellung in ihren internationalen Vereinbarungen aufgegriffen, doch auch weitere supranationale und nationale Rechtssysteme sind davon betroffen. Bei der Frage nach einer finanziellen Kompensation muss eine Reihe von Aspekten berücksichtigt werden, etwa die Frage nach den juristischen Anspruchsgrundlagen, den Verteilungswirkungen und den Bewertungsgrundlagen.

Die Abschätzung von mittel- und langfristigen Risiken und deren Transfer gehört zwar zu den Kernaufgaben der Finanz- und Versicherungswirtschaft. Doch kommen traditionelle Modelle zur Risikoabschätzung (risk assessement) bei Klimawandelfolgen an ihre Grenzen. Vertreter von Risikomanagement- und Finanzinstituten erläuterten anhand konkreter Geschäftsfälle die Möglichkeiten, aber auch Grenzen solcher Instrumente. Insbesondere müssten die ökonomischen Anreize konkreter Lösungen und auch ihre Auswirkungen auf Anpassung und Vermeidung mitbedacht werden.

Trotz einer Reihe von ungelösten Fragen gibt es bereits erste praktische Ansätze zur Kompensation. So haben die schon heute vom steigenden Meeresspiegel unmittelbar bedrohten pazifischen Inselstaaten (AOSIS-Staaten) eine eigene Risikobewertungs- und Finanzierungsinitiative gegründet, die Lasten verteilt und somit die Risiken für die kleinen, wirtschaftlich schwachen Staaten deutlich abmildern soll. Auf Seiten der (Rück-)Versicherungsgesellschaften treibt die Münchner Klimaversicherungsinitiative MCII – ein Zusammenschluss führender europäischer Rückversicherungen – die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle voran.

Dass dringend Lösungen angesichts des sich beschleunigenden Klimawandels gefunden werden müssen, war unter den Beteiligten unstrittig. Denn mit zunehmender Erwärmung werden Kompensationsmaßnahmen immer kostspieliger - und damit politisch immer weniger durchsetzbar. Zugleich wurde deutlich, dass finanzielle Ausgleichsmaßnahmen nur im Zusammenspiel mit weiteren Elementen ökonomisch sinnvoll sind: etwa durch Maßnahmen zum capacity building, einer allgemeinen Verbesserung der "guten Regierungsführung" (good governance) oder einer sinnvollen Integration verschiedener Handlungsebenen.

Der Workshop sollte neben einer Bestandsaufnahme auch Themenfelder identifizieren, in denen weitere Forschungsanstrengungen und politische Regulierungen notwendig sind. Dies geschah in abschließenden Arbeitsgruppen. Die Arbeitsgruppe „Recht“ sah Handlungsbedarfe z.B. in der rechtliche Regulierung von Schäden, einer Reformation des Strafrechts in Bezug auf Umweltdelikte, sowie der Bewertung von Schäden am kulturellen Erbe der Menschheit. Als besonderer Problempunkt des Völkerrechts wurden die staatliche Souveränität (bzw. deren Fortbestand) der pazifischen Atollstaaten genannt, die schon in wenigen Jahrzehnten vollständig im Meer versunken sein könnten; oder auch die klimabedingte Migration.

Aus Unternehmenssicht fehlt es weniger an Daten zum Klimawandel. Die Herausforderung besteht eher in der Bewertung der Qualität von Daten, deren Interpretation und "Übersetzung" für unternehmerische Entscheidungsprozesse. Ferner müssen sich Unternehmen die Komplexität der Klimawandelfolgen entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette klarmachen und sich entsprechend aufstellen.

Mögliche zukünftige Modelle von "Klimafolgen-Kompensationen" müssen die verschiedenen politischen und administrativen Handlungsebenen berücksichtigen, was eher für die Verknüpfung verschiedener Kompensationsmechanismen spricht. Nur dann können die Bedürfnisse der Betroffenen angemessen berücksichtigt und diese als Akteure – und nicht nur Almosenempfänger – aktiv einbezogen werden. Neue Einnahmequellen für Kompensationsfonds etc. wären zukünftig z.B. Emissions-Steuern (carbon pricing) oder eine Art globaler Lastenausgleich.

Das Potsdam-Institut wird in den nächsten ein Policy-Papier mit konkreten Empfehlungen für weitere Diskussionen und Forschungen erstellen.

Autor

Johannes Vogel

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

China, 18. Februar 2017

Kontakt

Dr. Peter Hefele

Leiter des Regionalprojekts Energiesicherheit und Klimawandel Asien-Pazifik

Dr. Peter Hefele
Tel. +852 28822245
Fax +852 28828515
Sprachen: Deutsch,‎ English,‎ Français,‎ Magyar