Klimawandel und der Sicherheitssektor in Südasien

Implikationen für Militär, Politik und Gesellschaft

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Der Klimawandel wirkt sich vielfältig auf die Sicherheitslage in Südasien aus. So belasten etwa wachsende Migrationsströme und die Konkurrenz um schwindende Ressourcen die politischen Beziehungen zwischen den Staaten der SAARC-Region. Während diese Zusammenhänge in Europa noch kaum diskutiert werden, beschäftigen Entscheidungsträger in Asien sich bereits intensiv mit diesem Thema. In einem Workshop tauschten sich hochrangige Vertreter von Militär, Diplomatie, Medien und NGOs über die Implikationen des Klimawandels für die Sicherheit in Südasien aus und erarbeiteten Lösungsvorschläge.

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Herr Kapila Waidyaratne PC bei der Eröffnungsrede

Der Staatssekretär des Verteidigungsministeriums von Sri Lanka, Herr Kapila Waidyaratne PC, eröffnete den internationalen Workshop.

Die Veranstaltung organisierte das Regionalprojekt Energiesicherheit und Klimawandel in Asien und Pazifik der KAS (RECAP) gemeinsam mit dem Institut für nationale Sicherheitsstudien Sri Lanka (INSSSL) und dem nepalesischen Zentrum für Südasienstudien (CSAS) als Mitglieder der KAS-COSATT-Netzwerkes. Der Verteidigungsstaatssekretär Sri Lankas, H.E. Kapila WAIDYARATNE PC, und zahlreiche hochrangige Angehörige der Streitkräfte aus verschiedenen südasiatischen Länder nahmen in Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas, die Gelegenheit zum Austausch über die Folgen der globalen Erwärmung für die traditionelle Sicherheit in der Region wahr. Die Vertreter präsentierten ihre in der Praxis gewonnen Erkenntnisse und Erfahrungen. Mehrere (ehemalige) Botschafter brachten Bedenken und Empfehlungen zum Thema aus Sicht der Diplomatie ein. Impulse aus der zivilgesellschaftlichen Erfahrung kamen von Journalisten und Vertretern von Nichtregierungsorganisationen.

Zum Auftakt des Workshops standen die aktuellen Auswirkungen des Klimawandels auf Südasien und andere Regionen im Blickpunkt. Die Vorträge der militärischen und zivilen Vertreter verdeutlichten, dass die Länder von der globalen Erwärmung sehr unterschiedlich, aber massiv betroffen sein werden. Während Bangladesch und die Malediven durch den Anstieg des Meeresspiegels dicht besiedelten Lebensraum verlieren, wirkt sich in Nepal die zunehmende Schnee- und Gletscherschmelze auf die Wasserversorgung aus.

Ebenso vielfältig sind die Strategien von Bevölkerung und Politik, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Alle Länder setzen sowohl bei Soforthilfe bei Naturkatastrophen (disaster relief) als auch für die langfristige Anpassung an den Klimawandel wesentlich auf das Militär bzw. para-militärische Kräfte. Es wurde argumentiert, dass unter allen einem Staat zur Verfügung stehenden Einrichtungen das Militär über die meisten Ressourcen für eine umfangreiche materielle, logistische und strategische Unterstützung verfügt. Das Engagement der Streitmächte sei daher für einen effizienten und umfangreichen Schutz der Bevölkerung Südasiens vor dem Klimawandel unerlässlich. Manche Aufgaben wie etwa spontane Evakuierungen oder die Absicherung bei Fluten könne sowieso nur das Militär übernehmen.

Lösungen für einen tragfähigen Umgang mit solchen Herausforderungen müssen jedoch die bestehenden Strukturen traditioneller Sicherheit in der Region kritisch hinterfragen. So beleuchteten die folgenden Vorträge die komplexen Beziehungen zwischen den südasiatischen Staaten einschließlich der historisch bedingten diplomatischen Spannungen und latenten militärischen Konflikte. Die Südasiatische Vereinigung für Regionale Zusammenarbeit (SAARC) ist wesentlich schwächer integriert als etwa die südostasiatische ASEAN oder gar Sicherheitsstrukturen in Europa. Sie kann die aus der (Ent-)Kolonisierung stammenden geopolitischen Dispute, insbesondere zwischen Indien und Pakistan, nicht beilegen. Die Teilnehmer argumentierten und bedauerten, dass die große kulturelle Vielfalt und starken nationalen (bzw. innerhalb Indiens auch subnationalen Identitäten) verhindern, dass die zwischen Himalaya und indischem Ozean lebenden Völker das Potenzial zu gegenseitigem Vertrauen und Zusammenarbeit voll ausschöpfen.

Der Klimawandel, der eigentlich eine engere Kooperation erforderlich machen würde, bewirkt durch Verknappung der natürlichen Ressourcen genau das Gegenteil. Nepal, Indien und Bangladesch beispielsweise haben unterschiedliche Ansichten über die Rechte zur Nutzung des begrenzten Wassers im Flusssytem des Ganges. Die Beziehungen Südasiens zu den Nachbarregionen sind nicht weniger komplex. Insbesondere China weitet seinen Einfluss in der Region wirtschaftlich, diplomatisch und militärisch aus.

Auf Grundlage dieser Betrachtungen diskutierten die Teilnehmer über die zukünftige Rolle des Militärs in der Klimapolitik. So ist zunächst wenig bekannt, dass wesentliche Grundlagen der modernen Klimaforschung im Zuge der Vorbereitung und Auswertung von Tests mit Kernwaffen entwickelt wurden. Auch in Südasien setzt sich das Militär intensive mit klimawissenschaftlichen Daten und Analysen auseinander – wie im übrigen auch die USA, da davon strategische Bedrohungen und Einsatzbedingungen immer stärker definiert werden. Andererseits hat das Militär weltweit selbst einen großen Anteil an der Verschmutzung der Atmosphäre und der Degradierung von Böden. Die militärischen Vertreter stimmten überein, dass die Streitkräfte bei der Beschaffung neuen Kriegsgeräts und der Abhaltung von Manövern der Umweltverträglichkeit einen höheren Stellenwert einräumen sollten. Sie mahnten jedoch auch an, bei allen klimapolitischen Überlegungen das Kerninteresse der militärischen Sicherheit nicht aus den Augen zu verlieren. Vorausschauender Klimaschutz bleibt immer und zuvörderst Aufgabe ziviler politischer Entscheidungen.

Autor

Johannes Vogel

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

China, 1. Dezember 2017

Kontakt

Dr. Peter Hefele

Leiter des Regionalprojekts Energiesicherheit und Klimawandel Asien-Pazifik und Interimsleiter Büro Mongolei

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