Wenn aus Fremden Bekannte werden

Hotline für besorgte Bürger –Antworten vom Asylbewerber ihres Vertrauens. Lesung und Diskussion mit Ali Can

Einen offenen Diskurs führen – klingt oft leichter, als es ist. Ali Cans Lösung für eine Gesellschaft, die alle Meinungen zulässt, heißt wertschätzende Kommunikation. Aber wie begegnen wir uns offen?

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Spannende Lesung mit Ali Can in der Citykirche St. Nikolaus in Aachen

Spannende Lesung mit Ali Can in der Citykirche St. Nikolaus in Aachen

Darüber hat Ali Can in der Citykirche St. Nikolaus in Aachen gesprochen. Bevor Can aus seinem Buch „Hotline für besorgte Bürger –Antworten vom Asylbewerber ihres Vertrauens“ las, begrüßte die Leiterin des Regionalbüros Rheinland der Konrad-Adenauer-Stiftung, Simone Habig, die Zuschauer. Sie freue sich, einen jungen, engagierten Redner zu haben. „Vielfalt ist das zentrale Anliegen, Respekt und Toleranz sind dafür wichtig“ - das gelte vor allem für die Integration.

Integration und Identität
Ali Can liest zuerst ein Kapitel über eine Reise in das Dorf in der Türkei, in dem er lebte, bevor er als Kleinkind nach Deutschland kam. „Ich musste so weit reisen, um zu merken, dass Deutschland meine Heimat ist“, erzählt er. Er spricht über die Schwierigkeiten seiner Familie, die als kurdische Alewiten „keine guten Voraussetzungen für ein friedliches Leben“ hatten. In Deutschland engagierte er sich schon früh, vor allem für Kinderrechte. Vor drei Jahren dann machte er eine Reise in den Osten Deutschlands – zu Pegida. „Ich hatte mir in meinem Kopf auch Vorurteile aufgebaut, und ich wollte das überprüfen.“ Mit seiner Reise wollte er sich eine Frage beantworten: kann ich mit diesen Menschen ins Gespräch kommen?

Pegida: ein breites Spektrum?
Auch wenn die ersten Einstiege in Gespräche schwer waren, fand Can einen Weg, die Leute auf sich aufmerksam zu machen: Ein Schoko-Osterhase wurde zum Türöffner. Die Gründe der Pegida-Teilnehmer waren vielfältig: sie fühlten sich bedroht, hatten Angst um die Gesellschaft, fühlten sich fremd. Viele schienen davon auszugehen, dass es eine deutsche homogene Kultur gäbe. „Da waren von ganz verunsicherten Menschen, die keine andere Plattform als Pegida gesehen haben, bis zu rechtsextremen Menschen alle dabei.“

„Keine Flucht ist illegal“
In einem weiteren Auszug liest Can ein Gespräch vor, dass er mit einem AfD-Mitglied geführt hat. Dieses beschwerte sich über die illegal geflüchteten Menschen, die seiner Meinung nach mit Absicht ihre Pässe nicht mitnehmen. Can liest seine Erwiderungen vor und ein Mann im Publikum ergänzt, dass es bis 1989 auch in Deutschland illegale Fluchten von der DDR aus gegeben habe. „Eine Perspektive für das Leben muss da sein, sonst kann man es nicht gestalten.“

Sicherheit als Bedürfnis
Eine Frau spricht über kriminelle Menschen, die über Flüchtlingsströme nach Deutschland kommen würden. Can stimmt ihr zu: „Sicherheit ist das Bedürfnis aller, auch der Schutzbedürftigen.“ Man müsse Maßnahmen finden, um „Gräueltaten“ zu verhindern, dafür müssten viele Akteure miteinander reden. Für Kommunikation unter den Menschen spricht er sich auch aus und schlägt vor, Schulen und Nachbarschaftstreffs nachmittags für die Integrationsarbeit zu öffnen: „Wir verlieren unsere Ängste, wenn aus Fremden Bekannte werden.“

Brücken bauen für Eltern
In Begegnungsstätten fielen viele Barrieren weg, Fragen könnten viel einfacher gestellt werden. Sprache sei dafür natürlich wichtig, aber man solle sich auch ein Beispiel an Kindern nehmen, die einfach miteinander spielen: „Die Sprache der Menschlichkeit braucht mehr Menschlichkeit als Sprache.“ Man müsse eine gute Didaktik für die Freiheit, die alle genießen, entwickeln.

Integration von beiden Seiten
Eine Frau merkt an, dass die muslimischen Menschen zu wenig für die Integration anderer Menschen tun würden. Ein Mann erwidert darauf sofort, dass er schon lange interreligiöse Treffen in Aachen abhält, „aber Muslime können auch nicht überall sein.“ Und während die Gäste langsam die Kirche verlassen, entsteht zwischen dem Mann und der Frau ein Gespräch – eine weitere Brücke, deren Grundstein an diesem Abend in Aachen gelegt wurde.

Autor

Julia Rieger

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Düsseldorf, 27. Februar 2018

Kontakt

Simone Habig

Leiterin Regionalbüro Rheinland

Simone Habig
Tel. +49 211 8368056-0
Fax +49 211 8368056-9