Sprechen über Integration: Unverkrampft – bürgernah – konstruktiv

Mit diesen Attributen kann man die Integrationswoche versehen, die in der dritten Februarwoche im nördlichen Rheinland durchgeführt worden ist. In einer Kombination unterschiedlicher Formate aus Lesungen, Abendveranstaltungen und – als Novum – einer interkulturellen Rundfahrt mit einem KAS-Infomobil konnten in den Fußgängerzonen in sechs Städten an vier Tagen ca. 1200 Menschen zum Themenfeld Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Werte angesprochen werden.

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Teilnehmer auf der Fußgängerzone

Die Idee reifte im vergangenen Herbst im Regionalbüro Rheinland, das von Simone Habig geleitet wird. Das Team stellte sich der Frage, wie man das sperrige wie schwierige Leitthema der KAS „Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Integration und (gemeinsame) Werte“ im Rahmen „Deutschland – das nächste Kapitel“ als politische Bildner noch besser an den Mann, die Frau, die Jugendlichen bringen könnte.

Der Erfolg dieser Aktionswoche ist auf die Formatvielfalt, auf die visuelle wie niederschwellige Ansprache der Menschen und vor allem auf den Einsatz von Ali Can zurückzuführen.

Dieser beeindruckende junge Mann, selbst aus Syrien als dreijähriger Sprößling einer kurdisch-alewitischen Familie geflohen, sucht neue Zugangswege zum Thema Flüchtlinge und Integration: Unverkrampft, bürgernah und konstruktiv. Seine Besonderheit: Er geht frontal auf die Skeptiker zu: Inmitten der Pegida-Demonstration verwickelt er „Demonstranten“ in ein Gespräch oder kontaktiert die Menschen in einer „Hotline für besorgte Bürger –Antworten vom Asylbewerber ihres Vertrauens“. Er hat ein spannendes Buch geschrieben und war bereit, mit der KAS auf eine mehrtägige Tournee zu gehen.

In einer der Schulen lauschten 500 Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund, auch Geflüchtete, seinen autobiographischen Integrationsschwierigkeiten und –Lösungen. Sie löcherten ihn mit Fragen. Can griff Vorurteile und Klischees auf, nahm diese ernst und regte zum Perspektivwechsel an. Wer denkt daran, dass gerade geflüchtete Menschen ein mindestens so hohes Sicherheitsbedürfnis haben wie einheimische Bürger? Oder dass keine Flucht „illegal“ ist? Eine seiner bedenkenswerten Forderungen lautete, eine „Didaktik für die Freiheit“ zu entwickeln. Wesentlich sei, deutlich mehr Begegnungsräume der Vielfalt zu schaffen. Nicht naiv, nicht infantil, sondern mit dem Ziel, echte Kommunikationsräume zu schaffen. Wissen und Begegnung schärfe das Urteilsvermögen und trage zur Differenzierung bei. Etwas Wirkungsvolleres könne man gegen Populismus kaum tun.

In Aachen beschwerte sich auf einer Abendveranstaltung eine Frau, Muslime täten zu wenig für die Integration. Ein Mann muslimischen Glaubens, der interreligiöse Treffen organisiert, widersprach. Beide kamen nach Ende des offiziellen Teils der Veranstaltung intensiv ins Gespräch, tauschten ihre Kontaktdaten aus und möchten zukünftig in Aachen gemeinsam „Brücken bauen“.

Mit der Tournee in die Fußgängerzonen kamen Can und die KAS mit den Menschen unmittelbar ins Gespräch. In Umsetzung dieser aufsuchenden politischen Bildung wurde ein das KAS-Infomobil in Kombination mit einem KAS-Stand an sehr belebten Plätzen für 90 Minuten platziert. Als Hingucker dienten Weckgläser, die mit farbigen Stoffkugeln gefüllt waren. Jede Farbe stand für einen Wert, beispielsweise Mut, Sprache, Respekt etc. Die Passanten konnten sich „ihre“ Formel aus Werten, die sie für gelingende Integration für besonders relevant halten, kreieren. Dieser niederschwellige, fast spielerische Zugang hat einen ernsten didaktisch-methodischen Hintergrund. Er zwingt zur – wenn auch kurzen Reflexion und zur Positionierung. Einmal am Stand kamen ganz unterschiedliche Menschen mit Ali Can und dem KAS-Team über Integration ins Gespräch.

Mit der kampagnenartig gestalteten Integrationswoche hat das Regionalbüro Rheinland nicht nur viele Menschen erreicht. Sondern neue Personengruppen, die man sonst seltener in Veranstaltungen der KAS sieht: ca. 1/3 junge Menschen, ca. 1/3 Menschen mittleren Alters mit einem überraschend hohen Frauenanteil und „nur“ 1/3 ältere Personen. Auch in den Schulen konnten junge Menschen angesprochen werden, die wir sonst nicht erreichen. Alle beteiligten Schulen wünschen sich eine Fortsetzung, zwei neue Schulen wünschen sich Erst-Veranstaltungen zum Thema Integration und Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Das ist mehr, als das Büro stemmen kann, doch zeigt es, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Diese Woche wurde durch eine intensive digitale wie klassische Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeld, während der Woche und in der Nachbereitung begleitet. In der Düsseldorfer und Krefelder Ausgabe der WZ sowie in der WAZ Oberhausen wurde ausführlich berichtet.

In der Gesamtschau heißt das für uns in NRW, dass wir noch in 2018 diesen Formatmix in Westfalen und dem südlichen Rheinland wiederholen.

Autoren

Dr. Ludger Gruber, Simone Habig, Julia Rieger

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Düsseldorf, 1. März 2018

Kontakt

Simone Habig

Leiterin Regionalbüro Rheinland

Simone Habig
Tel. +49 211 8368056-0
Fax +49 211 8368056-9