"Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt"-

Vom Umgang der Deutschen mit ihrer Sprache und wo die Pädagogik versagt hat

Allen Teilnehmern und Interessenten stellen wir hier das Vortragsskript von Josef Kraus, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands (DL), zum Nachlesen zur Verfügung.

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Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL)

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL)

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Dieses weithin bekannte Wort stammt von dem österreichisch-britischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951). Daß diese Grenzen immer enger werden in diesem unserem Lande, daran wird an allen Ecken und Enden eifrig gearbeitet.

In der Folge bekommt vor allem das nachwachsende Sprachvolk den Sprachverfall quasi mit der pädagogischen Muttermilch und mittels medialer Zwangsernährung eingeflößt.

Wo aber Sprache verödet, da verödet das Denken.

Diagnosen, Belege und Hintergründe

1. Seitens der Schulpolitik und der Schulpädagogik ist sprachlich und literarisch Minimalismus angesagt.

Ich nenne als Beispiele hierfür:

-die geringe Stundenausstattung des Faches Deutsch zwischen der ersten und zehnten Klasse: nur 16 Prozent der Wochenstunden;

-die Kürzung des Deutschunterrichts in der Grundschule zugunsten von Früh-Englisch;

-das Herunterfahren des curricular ausgewiesenen Grundwortschatzes auf nur noch 700 Wörter aktiven Wortschatzes am Ende der 4. Grundschulklasse;

-die selbst in gymnasialen Klassenstufen oft nur üblichen drei Deutschstunden pro Woche;

-den Verzicht auf das Auswendiglernen von Gedichten;

-die mikrochirurgische Analyse kopierter Textauszüge als Leseverhinderungspädagogik;

-das Zustopseln von Lückentexten anstelle des Verfassens von zusammenhängenden Antworten;

-die Abschaffung der lateinischen Ausgangsschrift;

Ferner: Gerade im Deutschunterricht hat eine „Furie des Verschwindens“ gewütet. Entrümpelungsdebatte heißt das pädagogisch korrekt, und die Entrümpler geben sich kinderfreundlich, weil man ja den Kleinen doch bitte nicht zu viel zumuten dürfe.

Teil der Entrümpelungsaktionen ist die Produktion von Leichtgewichtsversionen von literarischen Klassikern. Klassiker „light“ würde ich sagen. Schulbuchverlage haben jedenfalls eine ganze Reihe von klassischen Werken „modernisiert“. Goethes „Götz“, Schillers „Räuber“ und Schillers „Tell“, Storms „Schimmelreiter“.

2. Die Pädagogik der Kompetenzen entwickelt sich mehr und mehr zum Trojanischen Pferd unseres Bildungswesens.

„Kompetenz“ – dieser Begriff macht ungebremst Karriere. Das erkennt man schon daran, wie inflationär dieser Begriff verwendet wird.

Ich zähle ’mal – gewiß unvollständig - ein paar (an die dreißig) Kompetenzen auf, die ich in deutschen Curricula fand: Methoden-Kompetenz, Medien-Kompetenz, Führungs-Kompetenz, Umsetzungs-Kompetenz, Human-Kompetenz, Kritik-Kompetenz, mentale Kompetenz, Kern-Kompetenz, Frage-Kompetenz, Orientierungs-Kompetenz, Begriffs-Kompetenz, Strukturierungs-Kompetenz, Analyse-Kompetenz, Wahrnehmungs-Kompetenz, Urteils-Kompetenz, De-Konstruktions-Kompetenz, Re-Konstruktions-Kompetenz, Narrative Kompetenz …

All diese Kompetenzen sollen einmünden auf einer elaborierten, intermediären oder basalen Ebene in Vertikal-, Horizontal- oder gar Meta-Kompetenzen.

Deutsche Leerpläne sind das!

Dementsprechend halte ich zum Beispiel die Bildungsstandards der KMK für die Allgemeine Hochschulreife im Fach Deutsch (2011) für einen Schuß in den Ofen. Es werden dort sage und schreibe 94 Kompetenzen aufgelistet – alle verbal gigantisch überhöht.

Unter „Lesen“ heißt es unter anderem: „Die Schüler können Verstehensbarrieren identifizieren und sie zum Anlaß eines textnahen Lesens nehmen. Die Einsicht in die Vorläufigkeit ihrer Verstehensentwürfe zur kontinuierlichen Überarbeitung ihrer Hypothesen nutzen.“ Unter „Sprache reflektieren“ steht: „Die Schüler können in geeigneten Nutzungszusammenhängen mit grammatischen Kategorien argumentieren.“

3. In Schulen und Hochschulen ist mittlerweile eine wahre Manie an PPPP ausgebrochen: Power Point Presentation Pest.

Realiter schaut das dann so aus: Bereits Zwölfjährige beamen ihre Zuhörer (den Lehrer und ihre Klasse) - curricular vorgeschrieben - ins Powerpoint-Paradies bzw. ins Wachkoma. Begründet wird das damit, daß man diese Techniken heutzutage beherrschen müsse, wenn man etwas auf sich halte und wenn man etwas zählen wolle.

Und so erleben wir bei Alt und Jung, wie ein sich dynamisch-hilflos von Bild zu Bild quälender sog. Redner uns von einer Leinwand etwas vorliest, was wir auch selbst von der Leinwand lesen könnten.

Für ein solches Powerpoint-Karaoke bräuchte man keine Redner mehr.

4. Die viel versprechende (getrennt, nicht zusammengeschrieben) sog. Rechtschreibreform! Man muß daran erinnern. Denn die ganze Sache ist ein Flop.

Seit 1998 ist die viel versprechende (getrennt, nicht zusammengeschrieben) sog. Rechtschreibreform in Kraft! Man muß daran erinnern. So als sei der Mensch ewig ein Grundschüler, kaufte man ihn ab 1993 für das Reformversprechen, daß jetzt hinsichtlich s-/ss/ß-Schreibung nicht mehr unterschieden werden müsse zwischen „Schloß“ und Schlösser“. Dafür hat der Recht-Schreibende jetzt Probleme mit der allein stehenden Frau, weil er nicht weiß, ob damit die Solofrau oder die einsam an der Bushaltestelle stehende gemeint ist.

Hätte man statt eines mehr als zehnköpfigen, jahrelang ringenden Professorenteams und der Reparaturkolonne des Rates für deutsche Rechtschreibung nur eine einzige Woche lang einen Journalisten, einen Lektor und einen Deutschlehrer in ein Kloster eingesperrt, es wäre ein Reformwerk aus einem Guß geworden – und man hätte unendlich viel Geld gespart.

Seit es die Achtundsechziger gab, galt Rechtschreibung als Herrschafts- und Selektionsinstrument, dem der Garaus zu machen sei. Was Wunder, daß sich Reformer aufmachten, diese Bastion zu schleifen.

Dabei hätte es doch eine andere Möglichkeit gegeben: die Rechtschreibung in den Schulen wieder ernst zu nehmen und konsequenter zu üben (ohne sie deshalb überzubewerten), anstatt sie zu diskreditieren. Kniefälle also vor einer fortschreitenden Legasthenisierung der Gesellschaft?

Vor zehn Jahren wollte man uns eintrichtern: Die Schüler würden mit der neuen Schreibung zwischen 40 und 70 Prozent weniger Fehler machen.

Falsch! Falls es überhaupt zu einer Verringerung der Fehler kam, dann hat das vor allem mit dem Prinzip „Beliebigkeit“ zu tun. Beliebigkeit heißt: Wenn ich ein Komma setzen kann, aber nicht muß, dann passieren hier eben erheblich weniger Fehler. Das ist in etwa so, wie wenn der Mathematiklehrer bei der Aufgabe „4 mal 4“ auch die Ergebnisse 15 und 17 gelten ließe.

Überhaupt ist der größte Kollateralschaden der Rechtschreibreform das um sich greifende Gefühl der Beliebigkeit: Immer mehr junge und alte glauben, man könne in weiten Bereichen so schreiben, wie man will. (Die Erleichterungspädagogik, derzufolge jetzt die phonetische Schreibweise zulässig ist, tut hier ein übriges.)

Vor allem aber hat durch die Rechtschreibreform die Lesbarkeit von Texten gelitten (siehe Komasetzung, Trennung und weitgehenden Wegfall des ß, das ein Lesegeländer, zum Beispiel in der Konjunktion „daß“ war.) Insofern war es der Kardinalfehler der Reformer, den schreibenden Grundschüler zum Maßstab für die Reform zu machen statt den schreibenden und lesenden Erwachsenen.

Polemische Leute meinen ja sogar, die Rechtschreibreform sei der Kniefall vor der fortschreitenden Legasthenisierung der Gesellschaft.

Ja, es hätte eine andere Möglichkeit gegeben, die Rechtschreibleistung unserer jungen Leute zu verbessern, nämlich die Rechtschreibung in den Schulen wieder ernster zu nehmen und konsequenter zu üben anstatt sie als sozial selektives Herrschaftsinstrument zu diskreditieren.

Der große Konstruktionsfehler der Rechtschreibreform war übrigens, dass man diese Reform nicht an linguistischer Logik, sondern am Sprachhorizont von Grundschülern ausrichtete.

Überhaupt ist der größte Kollateralschaden der Rechtschreibreform das um sich greifende Gefühl der Beliebigkeit: Immer mehr Junge und Alte glauben, man könne in weiten Bereichen so schreiben, wie man will. (Die Erleichterungspädagogik, der zufolge jetzt die phonetische Schreibweise zulässig ist, tut hier ein übriges.) Ganz schweigen von der Kommasetzung, die für manche ohnehin ein Ausdruck individueller Kreativität geworden ist.

5. Jetzt kommt auch noch die Handschrift unter die Räder!

Eine Umfrage unter zweitausend Lehrern hat ergeben:

-Immer mehr Schüler haben Probleme mit dem Handschreiben. Vier Fünftel der an der Erhebung beteiligten Lehrer sind der Überzeugung, die Handschrift ihrer Schüler habe sich verschlechtert.

-Und: Die Hälfte der Jungen (51 Prozent) und ein Drittel der Mädchen (31 Prozent) habe Probleme mit der Handschrift. Damit bestätigt sich die Beobachtung vieler Schulpraktiker, dass eine immer größere Zahl von Schülern nicht mehr lesbar, nicht mehr schnell genug und nicht mehr ausdauernd genug schreiben kann.

Man könnte darauf antworten: Das ist eben so in Zeiten der Digitalisierung. Damit macht man es sich aber zu leicht. Denn ein fortschreitender Verlust der Handschrift ist auch ein Verlust eines Kulturgutes – ein Stück Kulturbarbarei.

Wahrscheinlich beginnt das Problem sehr früh. Immer weniger Kinder sind (fein)motorisch erfahren, etwa weil nur der Daumen geschult wird – nämlich beim Daddeln auf der Spielkonsole und beim SMS/WhatsApp-Schreiben. Das Kritzeln, das Kneten, Gesellschaftsspiele wie Mikado, die Zeichensprache, Papier-Schneide- und Faltarbeiten – all dies ist aus der Mode gekommen, dabei wären gerade solche Spielereien die klugen Mütter und Tanten des späteren Schreibens.

Nicht unschuldig am Verlust der Schreibschrift ist die offizielle Schulpolitik. Die Unterrichtsstunden im Fach Deutsch wurden in mehreren Jahrgangsstufen gekürzt. Deutschtests bestehen – PISA-gestylt – immer häufiger aus Ankreuztests oder aus dem Zustöpseln von Lückentexten. Der Wortschatz von Grundschülern wird, curricular vorgegeben, immer geringer. Die Flut an Kopien, mit denen Schüler tagtäglich, statt sie schreiben zu lassen, zugeschüttet werden, tut ein Übriges.

Dahinter steckt vielleicht ein seltsam angestrengtes Verständnis von Erleichterungspädagogik, die Schülern nichts mehr zumutet, weil sie ihnen nichts mehr zutraut. Was würden da chinesische Schüler sagen, die am Ende der vierten Klasse Tausende von Schriftzeichen beherrschen müssen? In Deutschland sind es gerade eben 104 Buchstaben – die 26 Buchstaben des ABC in Klein- und Großschreibung sowie in Druckschrift und in einer verbundenen Schrift.

Dass der zu Unrecht hochgerühmte PISA-Spitzenreiter Finnland es den Schulen ab 2016 freistellt, ob sie die Handschrift überhaupt noch vermitteln oder von der ersten Klasse an auf Tastatur schreiben lassen, sollte uns nicht beeindrucken. Beeindrucken sollte vielmehr, dass es neuere Studien gibt, die dem Handgeschriebenen Vorteile gegenüber dem Getippten attestieren. Pam Mueller und Daniel Oppenheimer von der Princton University in New Jersey haben zum Beispiel festgestellt, dass Studenten, die mit einem Stift mitschreiben, ein solideres Wissen erwerben – ausgeprägter als die Studenten, die tippen. Interessant ist auch eine Studie von Markus Kiefer von der Universität Ulm. Er kommt zum Ergebnis, dass der Schriftspracherwerb anhand von Handschreiben im Vergleich zum Tippen auf einer Tastatur mit besseren Leseleistungen einhergeht. Erfahrene Lehrer wissen dies seit Jahrzehnten.

6. Die Sprache der deutschen Pädagogik wird mehr und mehr von einem „Educational Denglisch“ kontaminiert.

Vor diesem Kreis über die Denglisch-Seuche zu sprechen ist nicht nötig. Denn jeder von Ihnen ist - zumindest persiflierend - in der Lage, seine sprachlichen Skills permanently so zu posten, daß die Benefits alle BSE- (bad simple English)-Ratings sprengen.

Wer nun meint, wenigstens der Bildungssektor würde sich dieser Anglomanie entziehen, wird bitter enttäuscht sein.

Das Gegenteil ist der Fall: Die Sprache der „Bildung“ gibt sich besonders „trendy“. „Kultus“-Ministerien übertreffen sich gegenseitig mit: Educ@tion, Learntec, knowledge-machines, Soft Skills, Download-Wissen, Just-in-time-Knowledge usw. Fehlt nur noch ein „Last Minute Learning“, wenn dieses Schüler nicht schon längst erfunden hätten.

Eine Schulministerin ist nicht mit den PISA-Ergebnissen aller ihrer Schulen zufrieden; auf die Frage, welche Schulen sie meine, läßt sie antworten, sie wolle kein „naming and blaming“.

Was ist von all dem halten? Es ist affig im Sinne des Nachäffens.

Ernsthaft aber: Diese denglische Verbalerotik hat zu tun mit Selbstverleugnung, zumindest mit Selbstvergessenheit.

Die Londoner „Times“ nennt die Anglomanie der Deutschen gar „linguistic submissiveness“. Und lebte Winston Churchill noch, er würde mit Blick auf diese sprachliche Unterwürfigkeit der Deutschen seinen alten Spruch hervorkramen: „Die Deutschen - man hat sie entweder an der Gurgel oder zu Füßen.“

7. Auch Wissenschaft und Hochschule praktizieren einen Kniefall vor BSE.

Wenn man über die Rolle des Deutschen in einer weltweiten Wissenschaftlergemeinschaft nachdenkt, so muß man feststellen, daß das Deutsche – zumindest in den Natur- und Technikwissenschaften – keinerlei Rolle mehr spielt. Die Kommunikationssprache auf internationaler Ebene ist das Englische.

Aber mußte es denn sein,

-daß man das Diplom und das Staatsexamen auf dem Altar der Globalisierung und Europas opfert und jetzt sagt: Bachelor welcome! -Daß deutsche Fachhochschulen (deutsche!) sich University of Applied Sciences nennen und - wenn sie besonders dick auftragen wollen - Best practice Hochschule. -Daß Informationsbroschüren für Studienanfänger „Roadmap ins Studium“ heißen?

-Daß Hochschulen Humboldt mit seiner Idee der zweckfreien Bildung des Menschen über Bord schmeißen und dann auch noch frech schreiben: Humboldt meets Bologna

Daneben beobachtet man in Deutschland seit einiger Zeit eine zunehmende Verdrängung der Landessprache selbst im internen Wissenschaftsbetrieb. -Erbärmlich ist, daß oft sogar auf Fachkongressen in Deutschland mit 90 Prozent deutscher Beteiligung Englisch gesprochen wird. -Viele Forschungsförderungsanträge, z.B. beim Forschungsministerium, dürfen von deutschen Wissenschaftlern nur noch auf Englisch eingereicht werden. Begutachtungen der DFG müssen in englischer Sprache ablaufen, obwohl alle Antragsteller und das Gutachtergremium deutschsprachig sind.

-Immer mehr Lehrveranstaltungen für deutsche Studenten von deutschen Dozenten werden auf Englisch abgehalten. -Der Präsident der TU München meint, an seiner TU werde ab 2020 nur noch in englischer Sprache gelehrt.

Ausländische Studenten in Deutschland erfahren, daß sie während ihres Aufenthaltes kein Wort Deutsch lernen müssen.

Es findet also auch hier ein konsequenter Rückbau der deutschen Sprache statt.

Daß eine jede nationale Sprache auch Wissenschaftssprache sein muß, ist wichtig, denn dadurch werden Wissen und Wissenschaft demokratisiert. Die Verwendung der Nationalsprache als Wissenschaftssprache ist also keine Frage des Nationalstolzes, sondern eine der Demokratie.

Auch wenn viele deutsche Wissenschaftler über exzellente Fremdsprachenkenntnisse verfügen: Komplexe Sachverhalte können sie niemals so treffsicher, stilistisch so nuanciert und vor allem so bildhaft wiedergeben, wie das in einer Muttersprache möglich ist. Die Folgen sind

-Mißverständnisse,

-die Verflachung des inhaltlichen Niveaus,

-die Unterdrückung kontroverser Diskussionen, wenn neueste Ergebnisse auf Englisch besprochen werden.

Trotzdem greift ein „Academic pidgin English“ um sich. Und: „The language of good science is bad English.“ Das sagt ironisierend einer der renommiertesten Anglisten in Deutschland, Ekkehard König.

8. Die Sprache der Gender-Ideologen

Gender ist das soziale Geschlecht im Gegensatz zum biologischen Geschlecht („Sex“). Während letzteres genetisch angelegt bzw. allenfalls chirurgisch bzw. künstlich-hormonell veränderbar sei, müsse man/frau sich Gender als soziales Produkt vorstellen. In der Sprache des Konstruktivismus bzw. des Dekonstruktivismus ist Gender eine Konvention, ein Konstrukt, das aufgebaut oder eben gesprengt werden kann. Ja, mehr noch: Nach der GM-Theorie gibt es keinen kausalen Zusammenhang von biologischem und sozialem Geschlecht. Frauen und Männer sind nichts anderes als überholte soziale Konstrukte. Die (Zwangs-)Heterosexualität, so die Genderisten, sei ohnehin ein Repressionssystem.

Für diesen Irrsinn finanziert der deutsche Steuerzahler mittlerweile 212 Professuren!

Wenn das soziale Geschlecht nun denn ein soziales Konstrukt ist, dann – so der GM – könne es mittels Sprachregelung dekonstruiert werden. Hier tobt sich der GM besonders heftig aus. Maskulina und sogar Neutra werden – ob es semantisch und grammatisch korrekt ist oder nicht - durch Feminina ergänzt oder völlig ersetzt.

Besonders beliebt ist die feministische Linguistik mit ihrem erigierten Binnen(Majuskel)-I. Von VerbrecherInnen, MörderInnen oder TerroristInnen ist zwar eher selten die Rede. Aber SchülerInnen, LehrerInnen, StudentInnen, ProfessorInnen, BürgerInnen, WählerInnen gibt es zu Millionen. Das Argument, daß das große I nicht aussprechbar ist, wird vom Tisch gewischt. „frau“ schlägt vor, bei der Aussprache von „BürgerInnen“ vor dem Binnen-I einen Glottisschlag (eine Art Zungenschnalzer) einzulegen.

Die Steigerung dieses „nicht-sexistischen“ Sprachirrsinns ist die/der vorgeschlagene „ArztIn“/„ÄrztIn“, das angeblich geschlechtsneutrale „jedeR SchülerIn“ und „das Lehrer“, „das Schüler“, „das Professor“.

Schillers bzw. Beethovens „Alle Menschen werden Brüder“ wird eines Tages „MenschenInnen werden Schwestern“ heißen.

Die Vorstufe dazu ist die Bibel in gerechter Sprache. Es will dies eine Bibel sein mit Hirtinnen und Hirten, Zöllnerinnen und Zöllnern, Apostelinnen und Aposteln (bzw. kaum noch lesbar: ApostelInnen). „Gott“ ist tot, denn jetzt heißt er mal der Ewige, mal die Ewige, mal die Lebendige, mal der Lebendige, mal die Eine, mal der Eine. Sogar das wunderbare Wort „Herr“ ist dahin. Und „Herrin“ geht ja auch nicht, das wäre ja nur ein suffixgeneriertes Anhängsel des Herrn.

Mit dem „Vater unser“ ist ebenfalls Schluß, jetzt betet man: „Du bist uns Vater und Mutter im Himmel …“ Und damit ja alle Lebensgemeinschaftsabschnittsformen erfaßt werden und die nicht-ehelichen Gemeinschaften keine Diskriminierung erfahren, heißt das sechste Gebot demnächst nicht mehr „Du sollst nicht ehebrechen“, sondern „Verletze keine Lebenspartnerschaft.“

Die Engländer sind uns da bereits weit voraus. In manchen Kommunen gibt es dort einen Leitfaden für Lehrer: Man darf nicht mehr von „Mum and Dad“ sprechen. Es könnte ja schließlich Kinder geben, die statt „Mum and Dad“ eben „Dad and Dad“ oder „Mum and Mum“ als Bezugspersonen kennen. Ein englischer Uni-Kindergarten will ebenfalls Eltern, Mütter und Väter nicht mehr erwähnt haben, um nicht gleichgeschlechtlich orientierte Erziehende von Adoptierten zu diskriminieren. Und die EU möchte gerne die Bezeichnungen haben „Elter 1“ und „Elter 2“.

9. Hier wurde viel verschlafen: Die Situation des Deutschen im Ausland

Die deutsche Sprache verliert im Ausland immer mehr an Boden. Nur noch in kleineren Nachbarländern wie Dänemark (84 Prozent) und Luxemburg (100 Prozent) lernt das Gros der Heranwachsenden das Deutsche.

In den sog. MOE-(mittel-ost-europäischen)Staaten hat es mehr und mehr verloren. In Slowenien, Ungarn, Polen, in der Slowakei sowie in Tschechien sind es noch zwischen 35 und 49 Prozent der jungen Leute, die die deutsche Sprache erlernen, in Skandinavien (Ausnahme: Dänemark) nur noch zwischen 22 und 29 Prozent. Selbst die Franzosen, die sich im Deutsch-Französischen Kulturabkommen vom 23. Oktober 1954 in Artikel 7 eigentlich zur Förderung des Deutschen als erster oder zweiter obligatorischer Fremdsprache in ihrem Land verpflichtet haben, kommen nur auf 17 Prozent Deutschlerner.

Da haben dann doch viele geschlafen; auch die deutsche Politik hat geschlafen. Es fehlt schlicht und einfach an einer konsequenten Förderung des Deutschen im Ausland durch Politik und Wirtschaft. Es gibt keine Sprachpolitik in diesem unserem Lande.

Folge: Weltweit verliert das Deutsche an Boden. So hat sich die Zahl der Deutschlerner von 2000 bis 2005 um 17 Prozent reduziert. Das heißt von rund 20 Millionen auf 16,8 Millionen.

Zudem beobachten wir:

-Auf EU-Ebene gibt es Dokumente oft nur in englisch oder französisch.

-Deutsche in Brüssel sprechen Englisch, selbst wenn sie unter sich sind.

-Deutsche Konzerne sprechen im Ausland vor Ort am liebsten Englisch; sie honorieren selten gute Deutschkenntnisse der einheimischen Bevölkerung. -Selbst die frühere Präsidentin des Goetheinstituts, Jutta Limbach, rückt die sprachbewußten Sprachschützer in die Nähe deutschtümelnder Beckmesserei.

Dabei wäre Sprachexport kein aggressiver Akt, sondern ein Akt der Öffnung einer Nation für andere Nationen.

Wie gesagt: Hier wird und wurde - oft irreversibel - viel verschlafen.

Was wir brauchen

1. Es ist eine Offensive für den Deutschunterricht überfällig.

Es sollte keinen Schultag ohne eine Deutschstunde geben.

Zum Deutschunterricht gehört ein Lektürekanon. In der Schule muß es um große Werke der Literatur gehen - um Werke, die fundamental für eine Epoche sind, deren Wirkung zugleich über den deutschsprachigen Raum, über die jeweilige Epoche und über die Literatur hinausgeht.

Es soll zum Beispiel keiner zum Abitur kommen können, der nicht einen halben Regelmeter deutsche Literatur gelesen hat und der nicht fünfzehn Gedichte sowie Passagen aus dem “Faust“ auswendig kann.

2. Sodann brauchen wir eine Offensive für das Lesen und für Schulbibliotheken.

Das gilt zunächst für die Familien: Wenn Eltern nicht für Bücher, Zeitschriften und Zeitungen sorgen und in deren Nutzung Vorbild sind, dann lesen die Kinder eben kaum. In den Worten von Willi Fährmann: Die klugen Mütter und Tanten der Leseerziehung sind das Erzählen und das Vorlesen zu Hause. Eltern freilich, die stets erdnußmampfend und mit der Blechsemmel in der Hand vor der Glotze sitzen, können schlecht ins Kinderzimmer rufen: Nun lies aber mal ein Buch!

Zurück zur Schule: Nach den großen Anstrengungen von Bund, Ländern und Gemeinden bei der Ausstattung der Schulen mit Computern und neuen Medien sollten jetzt wieder die klassischen Printmedien an die Reihe kommen. Ich sage: Buch statt Laptop! Schulbibliothek statt Laptop-Klassen und Whiteboards! Hier wäre mit vergleichsweise geringen Aufwendungen viel erreicht.

Gewiß müssen wir unsere jungen Leute im Umgang mit neuen Medien schulen. Es reicht aber nicht aus, die Methode des „Downloadens“ von „Just-intime-Wissen“ zu beherrschen.

Ansonsten gilt: Wer sich in einem Buch, in einem Lexikon, in einer Bibliothek nicht auskennt, der kennt sich auch im Internet nicht aus.

3. An die Lehrerschaft appelliere ich:

-Legen Sie gerade im Fach Deutsch Wert auf sprachliche Exaktheit und auf Ausdrucksvielfalt! Bewerten Sie dies konsequent. Es kann nicht sein, daß die Fremdsprachen, die Mathematik und Naturwissenschaften als die schweren und strengen Fächer gelten, weil das Fach Deutsch als lockeres Fach gilt; schließlich gibt es hier ja kaum etwas Schlechteres als die Note 4 gibt.

-Auch in der Oberstufe sind gelegentliche Orthographie-, Grammatik- und Syntax-Stunden angebracht und notwendig!

-In jedem Fach ist auf sprachliche Exaktheit Wert zu legen und diese mitzubewerten. Sprachliche Exaktheit und sprachliche Ausdrucksvielfalt zu fördern ist nicht nur der Job der Deutschlehrer.

-Denken Sie daran: Es gibt auch deutsche Weihnachtslieder. (Ich sage das, weil man bei so manchem Weihnachtskonzert deutscher Schulen vergeblich danach sucht.)

4. Die Liebe zur eigenen Sprache sollte eine patriotische Selbstverständlichkeit sein.

Vergessen wir nicht: Die Muttersprache ist wichtig für den Zusammenhalt eines Gemeinwesens. Die Muttersprache hat zudem viel mit kultureller, mit nationaler Identität zu tun.

Hier haben die Deutschen leider immer noch ein Problem. Über unsere Sprache könnten wir uns aber wieder unserer Identität als Kulturnation besinnen. Eine Esperanto-Identität wäre keine Identität.

Gemeinsame Sprache und gemeinsame Literatur aber fördern Identität. Teilhabe an Kultur läßt sich eben nur verwirklichen, wenn die Grundlagen für das Reden miteinander gemeinsame sind.

Deshalb setze ich gegen die um sich greifende Selbstverleugnung der Deutschen einen aufgeklärten Sprachpatriotismus. Mit Imperialismus, Nationalismus oder gar Zwangsgermanisierung hat das nichts zu tun, den Patriotismus ist Liebe zum Eigenen. Nationalismus ist etwas anderes: Haß gegen das Andere.

Außerdem gilt: Der Verlust der kulturellen Selbstachtung (Sprache hat damit zu tun!) ist der Beginn von Dekadenz.

Gegen der Deutschen Identitäts-Wirrwarr könnte eine Verankerung der deutschen Sprache im Grundgesetz ein klein wenig helfen. Im Gegensatz zu Ländern etwa wie Österreich und Schweiz hat die deutsche Sprache in Deutschland aber immer noch keinen Verfassungsrang.

Ich frage mich seit Jahren: Warum schaffen es unsere verfassunggebenden Organe nicht, als neuen Absatz 3 im Artikel 22 des Grundgesetzes festzuhalten: „Die Sprache der Bundesrepublik ist deutsch“ ?

Diese Verankerung der deutschen Sprache im GG könnte helfen zu vermeiden, daß wir auch sprachlich immer mehr auf Parallelgesellschaften zustreben. Die Festlegung auf Deutsch als Landessprache wäre insofern ein wichtiger Schritt zur Integration.

Somit bleibt zu hoffen, daß sich die Bewegung für eine Aufnahme der deutschen Sprache ins GG eines Tages doch noch durchsetzt.

Autor

Marita Ellenbürger

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Mainz, 19. November 2015

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