Von gestern bis heute

Unser Leben in Diktatur und Demokratie

Vortrag und Gespräch von und mit Rainer Eppelmann, Minister a.D., Pfarrer und Bürgerrechtler in der ehemaligen DDR

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Rainer Eppelmann

Rainer Eppelmann

Rainer Eppelmann spricht über die beiden Weltkriege, Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg, das Leben in der SED-Diktatur und die Wertschätzung von Demokratie. „Geht es uns, den Deutschen, insgesamt gut?“, damit eröffnet Eppelmann seinen Vortrag. Die Antwort darauf sei, ja es ginge uns „ungeheuer gut“. Die Bundestagswahl bestätige dies, denn drei Viertel der Deutschen hätten mit ihrer Wahl gezeigt, dass sie weiterhin in der Demokratie leben wollen, in der wir sind. Nur ein Viertel sei unzufrieden – dieses Viertel sei aber leider unangenehm laut. Doch auch sie müsse man ausreden lassen, so Eppelmann. Wie gut es uns heute ginge, erkenne man ganz besonders dann, wenn man sich das Leben unserer Eltern und Großeltern vor Augen halte, mit Kriegstraumata, gefallenen Angehörigen in jeder Familie und in einem Land in Trümmern. Viele hätten Dinge getan, die sie unter normalen Umständen nie getan hätten. Zur Katastrophe konnte es kommen, weil alle europäischen Staaten „es den anderen zeigen“ wollten. Zugleich hätte Deutschland sich nach dem Ersten Weltkrieg in einer tiefen Krise befunden: Reparationszahlungen und die Last der „Alleinschuld“ am Ersten Weltkrieg, Arbeitslosigkeit, Aussichtslosigkeit prägten diese bewegte Zeit, in der es auch zu massenhaften Neugründungen von Bewegungen und Parteien kam. „Es taten sich Kräfte zusammen, um zusammen und gegeneinander die Weimarer Republik kaputt zu reden“. Gewählt wurde ein Heilsversprechen, so Eppelmann. Und am Ende sei alles kaputt gewesen. 1945 sei das schlimmste Schimpfwort in Deutschland und Europa „Deutscher/Deutsche“, erzählt Eppelmann über seine frühe Kindheit. Dass es jemanden gab, der den Deutschen dennoch habe helfen wollen, empfand er als „ungeheuer große Menschlichkeit und Empathie“. Dann sei Deutschland geteilt worden, um eine Wiederholung der Ereignisse der beiden Weltkriege zu verhindern. Während die Westmächte in ihren Einflussgebieten die Demokratie gefördert haben, habe Stalin Ulbricht aufgetragen, es solle wie eine Demokratie aussehen, während Machterhalt tatsächlich über allen anderen Zielen stehen sollte. Der Westen Deutschlands hingegen sei in die Demokratie geschubst worden, so Eppelmann, mit viel Unterstützung und einem Vorschuss an Vertrauen, das die junge Demokratie sehr gestärkt habe. Westdeutschland durfte sich als Modelldemokratie und als verlässlicher Partner fühlen, während im Osten die Freiheit immer weiter eingeschränkt wurde und ein Klima der Angst und des Misstrauens sich breitmachte. Was man zu denken habe, hätten Lehrer und Parteifunktionäre vorgeschrieben und eine Jeans galt als Zeichen des Aufruhrs. Jeder sollte dasselbe hassen, lieben, schön finden, verachten. Die Gleichschaltung und der Sozialismus hätten dazu geführt, so Eppelmann, dass es keine Leistungsträger gab. So hätte es in der DDR auch keine Nobelpreisträger gegeben, dafür aber blutige Niederschlagungen friedlicher Demonstrationen, wobei das Recht zu demonstrieren in der Verfassung der DDR verankert gewesen sei. 1952 sei schon der Versuch, die DDR zu verlassen, strafbar gewesen. Also sei man heimlich gegangen, ohne Abschied, ließ Besitz und Zeugnisse zurück. Viele seien zu Flüsterern geworden, sie versuchten nicht aufzufallen und taten ihre Meinung höchstens flüsternd kund. 30 Jahre lang sahen die Bürger der DDR in westdeutsche Wohnzimmer. Durch die ARD und das ZDF habe man im Osten gewusst, wie das Leben im Westen sei. Und man dachte „Mann, geht es denen aber jut!“. Die Chancen und Möglichkeiten seien dabei das Beste gewesen. Frustriert fragte man sich, ob die Menschen im Westen so viel klüger, gebildeter, besser seien, als man selbst. Und da das nicht in jedem Fall so ein könne, schließe man daraus, dass es am System liege. Und heute, so Eppelmann, hätten wir alle die Demokratie. Er fragt sich, ob es sei, wie in der Liebe, dass man nur das begehre, was man nicht haben könne und nicht schätzen könne, was man habe. Wir würden die Demokratie zu wenig schätzen. Vaclav Havel habe gesagt: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass eine Sache gut ausgeht, sondern Hoffnung ist die Gewissheit - viel mehr als Überzeugung, Gewissheit - dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.“, zitiert Eppelmann. Dieser Gedanke habe ihn oft getragen und begleite ihn noch heute. Karl-Heinz B. van Lier würdigte Rainer Eppelmann als Zeitzeugen, der die Zeit der SED-Diktatur der Jugend plastisch nahebringt. Dennoch sei er nicht nur Zeitzeuge, sondern aktiver Gestalter der Umstände gewesen, und heute noch aktiv gegen das Vergessen im Einsatz, lobt van Lier.

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erschienen

Mainz, 6. November 2017