Gender, Instrument der Umerziehung?

Ziele, Kosten, Wirkung

Das Politische Bildungsforum Rheinland-Pfalz der Konrad-Adenauer-Stiftung hatte zu einem Politischen Salon in den Erbacher Hof nach Mainz eingeladen, um sich mit Experten, Politikern und Pädagogen gemeinsam dem Thema "Gender" anzunähern.

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Josef Kraus, Autor, Kolumnist und 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbands

Josef Kraus (Autor, Kolumnist und 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbands)

Karl-Heinz B. van Lier, Leiter des Politischen Bildungsforums Rheinland-Pfalz der Konrad-Adenauer-Stiftung, eröffnete die Tagung mit einer Einführung in das Thema. Eigentlich sei das, was hinter dem Phänomen „Gender oder Gender-Mainstream“ zu verstehen sei, den allerwenigsten bekannt. Dies hänge sicher auch damit zusammen, dass Gender als Leitprinzip für alle politischen Entscheidungen durch Bundeskanzler Schröder 1999 als Kabinettsverordnung eingeführt worden ist und eben nicht als Gesetz im Bundestag verabschiedet worden sei. Denn dann hätte dieses Gesetz allein durch das lange Gesetzgebungsverfahren eine andere Außenwirkung gehabt. Eine Wirksamkeit habe Gender sehr wohl verbreiten, zumal es in Deutschland mehr als 200 Genderprofessuren an Universitäten und Fachhochschulen gebe. Dagegen gebe es nur 191 Pharmazieprofessuren und lediglich 113 Professuren in Altphilologie.

Und natürlich gebe es eine Gender-Pädagogik nicht nur in Kindergärten, sondern bis hinein in die Hochschulen, die mit alten Rollenbildern aufräumt. Also Zeit, sich mit Gender auseinander zu setzen. So gesehen betrachte er den Politischen Salon als eine Einführung in das sehr komplexe Thema im Sinne eines Proseminars an der Uni. Für die Fragestellung, „Gender, Instrument der Umerziehung?“ sei er von Professorinnen der Genderforschung angegriffen, die die Form und die Reihe der geladenen Referenten bemängelten. Auch die Schwulen und Lesben-Gruppe der Uni Mainz hätte eine Demonstration angekündigt. Um eine Ausgewogenheit in der Gender Diskussion zu gewährleisten, stünde bereits eine Folgeveranstaltung am 17. September 2018 im Erbacher Hof fest, in welcher die Befürworter von Gender mit der Frage zu Wort kommen sollen „Was leistet Gender?“.

Josef Kraus eröffnete seinen Vortrag mit dem Thema „Gender Mainstreaming – was hat das mit Pädagogik zu tun?“ mit einer Erläuterung des Konzepts Gender, das das soziale Geschlecht im Gegensatz zum biologischen bezeichne. Auch gab er einen Überblick über die verschiedenen Themenbereiche, mit denen sich „Genderisten“ befassten, unter anderem Gender-Mainstreaming und Gender-Linguistik. Gender-Linguistik sei nicht zu unterschätzen, warnte Kraus. Ludwig Wittgenstein habe gesagt: „die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“. Beeinflusse man die Sprache, so verändere man auch die Wahrnehmung und schließlich die Realität.

Der langjährige Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands umriss die Gender-Pädagogik an Schulen und Kindertagesstätten in verschiedenen Bundesländern. Bayern sei recht konservativ, aber Hessen mute Kindern zu früh die Auseinandersetzung mit Sexualität, Gender und den verschiedenen Lebensentwürfen zu. Kraus beklagte das Ungleichgewicht zwischen den 200 Gender-Professuren und den gerade mal 120 Professuren in Altphilologie. Der Göttinger Professor Winterhoff sei, berichtet Kraus, in einem ausführlichen Gutachten zu dem Schluss gekommen, dass der Gender-gerechte Unterricht in der Schule gegen das Indoktrinationsverbot verstoße und Eltern das Recht hätten, ihre Kinder solchem Aufklärungsunterricht fernzuhalten.

Der Sprachwissenschaftler und Mathematiker Dr. phil. Tomas Kubelik referierte unter der Überschrift „Kritik an der feministischen Sprache – ein Vergleich mit Frankreich“ und setzte sich hierbei mit den Versuchen der Genderisten, die deutsche, respektive französische Sprache zu beeinflussen, auseinander. Auch in Frankreich, so Kubelik, gab es Bestrebungen, die Sprache gender-gerechter zu gestalten, feministische Kreise hätten ihren Einfluss geltend gemacht und sogar erreicht, dass neue Schreibweisen - so zum Beispiel ein Binnen-Punkt, ähnlich dem Deutschen Binnen-i – in einigen wenigen Schulbüchern eingeführt wurden. Schließlich hätte es die Académie Française dem chaotischen Treiben Einhalt geboten. Die Begründung hierfür sei, dass Klarheit und Verständlichkeit prioritäre Ziele seien und keinen Befindlichkeiten geopfert werden dürfen. Auch wehrte sich die Académie Française gegen eine unnötige Sexualisierung des grammatischen Geschlechtes. Wenn man von Wählern spreche, so Kubelik, sei das Geschlecht irrelevant, ausschlaggebend sei die Funktion in Wahlen. Hier habe das biologische Geschlecht nichts verloren. Der Duden hingegen, so Kubelik, habe einen Band herausgegeben, der sich mit dem korrekten „Gendern“ befasse. Damit rücke er von seiner traditionellen Praxis ab, die Sprache zu beobachten, wertneutral zu beschrieben und behutsam Regeln abzuleiten - die aktuelle Praxis ist hingegen eine aktive Beeinflussung der Sprache, so Kubeliks Kritik.

Die Religionsphilosophin Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz befasste sich mit dem Ursprung der Gender-Ideologie. In ihrem Vortrag „Zum Glück verschieden: Mann und Frau. Für ein neues Selbstbewusstsein anstelle von Gender“ unterstrich sie die Diskrepanz zwischen den Zielen der Genderisten und den Bedingungen der Natur. Diese sei polar und auch der Mensch sei von Polaritäten geprägt. Der Wunsch nach einem geschlechtslosen oder geschlechtsneutralen Menschen sei unnatürlich und könne nicht erreicht werden. Die Unterschiede hingegen seien der Ursprung und Quelle der Verlockung, dem Trieb der Menschen zueinander. Die Leiblichkeit – so sehr die Gender-Ideologen versuchen diesen durch den leeren Körper zu ersetzen – mache den Menschen aus. Die Entleiblichung, eine distanzierte Sachlichkeit des Körpers präge die Kunst und Kultur, ein Beispiel hierfür sei von Hagens Körperwelten. Gerl-Falkovitz ging ausführlich auf das Werk der Soziologin Judith Butler ein, die die Gender-Ideologie maßgeblich beeinflusste und vorantrieb. Butler weiche den wirklich wichtigen Fragen nach Identität und Freiheit aus, auch behaupte sie in bester Sartre-Manier, es gäbe nur Kultur, keine Natur. Doch was soll die Kultur kultivieren, wenn nicht die Natur. Und das biologische Geschlecht ließe sich nicht wegdiskutieren. Hier wirft sie Butler Lücken vor. Was auch immer Butler und die Gender-Verfechter dekonstruieren wollen, auch ihre Ziele seien ein Konstrukt, das genauso dekonstruiert werden könne. Auch sei der Mensch mit seiner Leiblichkeit und dem verlockenden Anderen nicht durch den entleerten Körper und neutralen Menschen zu ersetzen. Die Unterkomplexität der Gender-Theorie werde der Realität nicht gerecht, schloss Gerl-Falkovitz.

Die familienpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag, Simone Huth-Haage, MdL, sprach zum Thema „Gender ist gegen Familie gerichtet“. Sie befürchtet eine Herabwürdigung der Familie in den Fällen, in denen die Gender-Ideologie „das Rad überdreht“. Noch vor einigen Jahren sei, so erläuterte Huth-Haage aus der politischen Praxis, der Begriff des Gender Mainstreamings durchaus positiv besetzt gewesen, weil er zunächst vermeintlich auf mehr Gleichberechtigung ausgerichtet war. Inzwischen aber werde das soziale Geschlecht in der gender-Diskussion absolut gesetzt, das biologische ganz negiert.

Vor allem der Umstand, dass Mutterschaft hierbei als wirtschaftlicher Wettbewerbsnachteil verstanden wird, sei nach Auffassung Huth-Haages höchst kritikwürdig und dies vor allem auch deshalb, weil dies die Tätigkeit von Frauen in Familien und in sozialen Berufen diskreditiere. Die CDU-Politikerin verdeutlichte, dass vor allem die Wirtschaft die Gender-Theorie gerne flankiere, um die Berufstätigkeit vor allem bei gut ausgebildeten Frauen in ein besseres Licht zu rücken zur Gewinnung von Arbeitskräften. Huth-Haage plädierte stattdessen dafür, „nicht die Familien wirtschaftstauglich zu machen, sondern die Wirtschaft familientauglich“. Überhaupt vertrat sie die Ansicht, den Familien – als dem Grundstein für unsere Zukunft – möglichst viele Freiräume zu lassen: „Familien wissen selbst am besten, wie sie leben wollen und können. Eine Lufthoheit über den Kinderbetten sollte es nicht geben“. In der sich den Vorträgen der Referenten und der Gesprächsrunde auf dem Podium anschließenden Diskussionsrunde mit dem Publikum, moderiert vom Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers Stefan Schröder, drehte sich die Fragestellung im Kern vor allem um die Rolle der Frau.

Nach Ansicht von Professor Gerl-Falkovitz existiert kein Patriarchat mehr im klassischen Verständnis: „In Europa gibt es kein Patriarchat mehr, weder im juristischen Sinne, noch im gesellschaftlichen. Vielmehr gibt es Probleme in der Selbstwahrnehmung und Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern. Frauen haben vielfach ein schlechtes Bild von sich selbst und von dem, was sie gerne tun. Das ist ein Problem.“ So wurde, ihrer Ansicht zufolge, das Patriarchat ersetzt durch eine Maskulinisierung der Frau bei gleichzeitiger Feminisierung des Mannes. Und auch Dr. Tomas Kubelik erklärte, dass er heutzutage wenig Aufmerksamkeit vor allem bei jungen Frauen für die Gender-Debatte erhalte: „Jungen Frauen geht es heute nicht mehr vordringlich um Feminismus oder um gendergerechte Sprache. Die Ideologie wird stattdessen häufig belächelt.“ Dies sei gleichzeitig ein Problem: Da genderkonforme Sprache in einem unglaublichen Graubereich ablaufe, es keine gesetzlichen Regelungen hierzu gibt, entstehe eine Erwartungshaltung. Diese - so der Einwurf aus dem Publikum - berge die Gefahr, dass die Gesellschaft insgesamt vom Rande der Gesellschaft her verändert werde.

So äußerte auch Professor Gerl-Falkovitz die Befürchtung, dass Gender nicht einfach wieder verschwinden werde, wie sie es noch vor einigen Jahren dachte. Den Hauptgrund hierfür sieht sie in der Freigabe von Sexualität, die in erster Linie für den Erfolg der Gender-Theorie verantwortlich sei: „Der überwiegenden Zahl der Menschen fehlt schlichtweg die Definitionsgrundlage, weil über Selbstverständlichkeiten wie Ehe oder Sexualität diskutiert wird. Aber man kann nur schwer definieren, womit man ständig umgeht“. Die Philosophin mahnte daher an, sich argumentativ gut aufzustellen, denn gegen gute Argumente gäbe es dauerhaft keinen Widerstand.

Daher appellierte auch Karl-Heinz B. van Lier in seinem Schlusswort vor allem an die jungen Menschen: „Sie müssen ihre Argumente für und wider Gender selbst finden!“

Autor

Karl-Heinz B. van Lier

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Mainz, 8. Februar 2018

Kontakt

Karl-Heinz B. van Lier

Landesbeauftragter für Rheinland-Pfalz und Leiter des Politischen Bildungsforums Rheinland-Pfalz

Karl-Heinz B. van Lier
Tel. +49 6131 201693-0
Fax +49 6131 201693-9